Köln-"Tatort" über verstörte Männer Arme Würstchen

Eine Frau wird vom Balkon gestoßen, eine andere verschwindet nach SM-Spielen. Zurück bleiben in diesem "Tatort" ein Reihe Männer, die vollkommen hilflos sind - Filmemacher inklusive.

WDR/ Martin Valentin Menke

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Die Frau, das unbekannte Wesen. In diesem "Tatort" sieht man am Anfang, wie das mögliche Mordopfer ächzend und stöhnend gegen das beschlagene Glas der Duschkabine eines Fünf-Sterne-Hotels "Grand Central Palace" gedrückt wird, Blut vermischt sich mit ablaufendem Wasser. Kurz vorher war die Kamera suggestiv über Gegenstände gefahren, die auch als Spielzeug für Sadomasosex dienen, Handschellen, Ketten und so. Am nächsten Morgen wird die Besitzerin dieser Utensilien vermisst.

Die Frau, das abwesende Wesen. Weibliche Charaktere kommen in diesem mit sehr männlichem Blick inszenierten "Tatort" eigentlich nur als gerüchteumrankte, geheimnisvolle und abwesende Figuren vor. Über die schemenhaft eingeführte Frau am Anfang erfahren die Kommissare im Laufe ihrer Untersuchungen von Verwandten und Bekannten Folgendes: "Meine Schwester, sie hat gewisse Vorlieben. Einige stößt es ab, andere sind fasziniert." Oder auch: "Ich weiß nur, dass Frau Baumann so gewisse Neigungen hat. Wenn Sie verstehen, was ich meine." Ja, ja, ja, wir haben verstanden!

Die Männerfantasien befeuernde, vom Erdboden verschluckte Frau war Stammgast im Grand Central Palace. Sie arbeitete als Projektmanagerin für das Architektenbüro, das dieses Hotel errichtet hat und das in Katar in aufwendige Bauprojekte involviert ist. Im Grand Central traf sie arabische Auftraggeber und deutsche Partner der Firma. Jetzt ist sie nach einer Übernachtung verschwunden, und die Hotelangestellte, die zu dieser Zeit Dienst hatte, ist in ihrer Wohnung vom Balkon gestoßen worden. Zurück bleibt ein Haufen verdächtiger Männer.

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"Tatort" aus Köln: Hilflose Männer

Die Kommissare Schenk (Dietmar Bär) und Ballauf (Klaus J. Behrendt) machen sich an die Ermittlungen in einer komplett deregulierten Branche, die in Glas-und-Stahl-Tempeln residiert und in viel zu großen Waschbetonhallen arbeitet. Alle schwanken hier beständig zwischen Größenwahn und Pleitepanik.

Männer außer Rand und Band

Leider verlieren die Filmemacher (Buch: Uwe Erichsen, Wolfgang Wysocki, Regie: Kaspar Heidelbach) schnell die Geopolitik und das Baugeschäft aus dem Blick. Stattdessen kreist die Handlung um jene Männer, die im Bann der verschwundenen Projektmanagerin standen. Dem Vernehmen nach eine echte Femme fatale.

Arme Würstchen, wo man in diesem Krimi hinschaut: Der Ehemann (Hanno Koffler), ein Ex-Bundeswehrsoldat, der mit posttraumatischer Belastungsstörung aus Afghanistan heimgekehrt ist, läuft bald Amok durch Köln. Und der Geschäftspartner, der mit der Frau die betreffende Nacht im Hotel war, beichtet irgendwann dem Kommissar seine Begierde.

Verdächtiger: "Sie hat mir den Verstand geraubt." Schenk: "Was bedeutet das?" Verdächtiger: "Der Sex mit ihr, es gab keine Grenzen."

Man darf den Dialog in seiner ganzen hemmungslosen Pracht zitieren. Er fügt sich bestens in die im "Tatort" verbreitete Stimmung, die an die schwüle, fatalistische Atmosphäre eines Erotikthrillers aus den Achtzigerjahren (gerne mit Richard Gere und/oder Kim Basinger in der Hauptrolle) gemahnt. Sie erinnern sich: Frauen in zu engen Kleidern raubten Männern in zu großen Sakkos den, wie es eben in diesem "Tatort" heißt, Verstand.

Der retroselige Elektro-Jazz-Score von Altmeister Klaus Doldinger, dem Komponisten des unverwüstlichen "Tatort"-Themas, tut ein übriges für die süffige Stimmung. Das wäre nicht so schlimm, wenn die weiblichen Figuren nicht einfach nur weggemordet oder sonstwie aus der Handlung entfernt würden, sondern starke, aktive Parts bekommen hätten.

Hier aber bleiben allenfalls Handschellen und Highheels am Tatort von ihnen zurück, nachdem sie ihre dramaturgische Funktion für den Männerkrimi erfüllt haben. Bisschen wenig für das Jahr 2018.

Bewertung: 4 von 10 Punkten


"Tatort: Bausünden", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
ayee 19.01.2018
1. Männerkrimi
Vielleicht spielen viele Männer mit, aber für Männer ist dieser Tatort nun nicht speziell. Beim Tatort regt generell relativ wenig die Fantasie an. Wie denn auch, sind die Autoren davon doch auch nicht gerade beseelt.
romeov 19.01.2018
2. Zeitgeist-Themen
...warum habe ich immer das Gefühl, dass die Landesfrauenbeauftragten an den Tatort-Drehbüchern herumdoktern? Zum Glück gibt es noch Thiel und Boerne.
blurps11 19.01.2018
3.
Also sind alle Männer in dieser Folge "hilflos" und arme Würstchen, aber das Fehlen von starken Frauenrollen stellt das große Problem dar ? Aha...
skylarkin 19.01.2018
4.
Warum sind nun die Männer 'arme Würstchen'? Ach so weil die starken Frauenrollen fehlen und die Frauenquote nicht erfüllt ist. Es sollte auch in 2018 möglich sein einen Tatort, bzw.überhaupt einen Film zu machen in dem die starken Frauen fehlen. Filme ohne starke Männer würden wg.dieser Lücke ja auch nicht kritisiert, oder?
batemans-nightmare 19.01.2018
5.
Man muss kein Fan des Kölner Tatorts sein, man kann sich auch über eine bräsige, altmodische Inszenierung mokieren- und selbstverständlich auch über patrirarchaische und sexistische Frauenbilder... aber das Fehlen von Frauenrollen in einem Krimi bereits als diskriminierend zu empfinden und diesen deswegen schlecht zu bewerten geht mir zur weit. Die Me-Too-Debatte ist richtig und wichtig- man muss jetzt aber nicht alles in diesen Kontext stellen...
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