Kunst im Köln-"Tatort" Was hat Paul Klee mit Mord zu tun?

Paul Klee und Feist, Rachmaninow und Normahl: Der Kölner "Tatort" war reich an kulturellen Referenzen. Was bedeutet was? Hier die Erklärung.

Szene aus "Freddy tanzt": Gefundenes Fressen für Klassikfans
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Szene aus "Freddy tanzt": Gefundenes Fressen für Klassikfans

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Ein erster Satz kann viel aussagen. Im neuen Kölner "Tatort" darf diesen Satz ein Banker aussprechen: "Entscheidend sind die Details", sagt er, während er mit seinen Kollegen an einer Bar lehnt. Der großkotzige Anzugträger bringt auf den Punkt, was Regisseur Andreas Kleinert und Drehbuchautor Jürgen Werner wohl auch im Sinn hatten, als sie an der Story zu "Freddy tanzt" bastelten.

Ein talentierter Pianist, der auf der Straße lebt, eine attraktive Kunstprofessorin, die Kommissar Freddy Schenk in ihren Bann zieht, und nicht zuletzt das WDR Funkhausorchester - diese Konstellation klingt nach einem großen kulturellen Wühltisch. Wir haben eine Auswahl der wichtigsten Kunstreferenzen zusammengetragen.

Trauriger Pop und zerbrechlicher Jazz

Der obdachlose Klavierspieler kriegt eine Chance in der Bar "Seven Secrets" - leider nur kurz. Als er sich dort ans Klavier setzt, läuft im Hintergrund der Song "One Evening" der kanadischen Popsängerin Feist - mit den Zeilen "It could begin and end in one evening". Das trifft vor allem für das Engagement des Pianisten in der Bar zu. Als er ein Stück des Jazzpianisten Brad Mehldau spielt, unterbricht ihn der Barmann: "Komm, lass mal. Das passt nicht mit uns." Die Zerbrechlichkeit von Mehldaus Jazz passt perfekt zu der unsteten Lebenssituation des Pianisten-Penners - und zu seinem nahenden Tod.

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"Tatort" aus Köln: Cop in love
Als die Mutter des Opfers nach ihrem verschollenen Sohn sucht, fragt sie obdachlose Punks aus. Einer von ihnen trägt authentischerweise ein Achselshirt der Punkband Normahl, welche die Grenze zum Illegalen versinnbildlicht - 2013 wurden ihre Platten beschlagnahmt, nachdem der Song "Bullenschweine" (eine Verbeugung vor dem einst ebenfalls indizierten gleichnamigen Slime-Song) als gewaltverherrlichend eingestuft worden war.

Mysteriös wie die Kunst von Paul Klee

Schenks Schwarm, eine Kunstprofessorin, ist so anziehend und mysteriös wie die Bilder, die in ihrer Wohnung hängen. Darunter befindet sich eine Kopie des kubistischen Werks "Senecio" vom Maler Paul Klee, der in seinem Schaffen verschiedene Stile wie Expressionismus oder Surrealismus abdeckte. Das Porträt eines abstrahierten menschlichen Kopfes von 1922 besteht aus Rechtecken, Kreisen und Quadraten. Es wirkt wie aus unterschiedlichen Komponenten zusammengesetzt, ähnlich wie die Kunstdozentin.

Die Auftritte der Kunstdozentin werden begleitet von Musik der französischen Band Nouvelle Vague, die Pop aus den Achtzigern in Bossa Nova übersetzt. Es sind zwei sehnsuchtsvolle Liebeslieder - "Don't Go" von Yazoo und "In a Manner of Speaking" von Tuxedomoon - zu denen die schöne Dozentin tanzt oder elegant an der Theke sitzt: Der richtige Soundtrack für eine Femme fatale. "In a Manner of Spring" ist das Lied, zu dem Kommissar Schenk ihr nachschaut. Darin heißt es passenderweise: "I could never forget the way you told me everything - by saying nothing".

Als Schenk sich selbst dem Tanz hingibt, eingelullt in Gedanken an Denk, läuft der Song "I Love You" des französischen Indie-Musikers Woodkid im blauen Licht der Disco. Ein Stück, zu dem man eher tanzende Hipster vermuten würde als einen reifen Kommissar - der hier offenbar für kurze Zeit seine Jugend wiederentdeckt. Die Zeilen des Songs fügen sich gut in Freddys sehnsuchtsvollen Gedanken: "As we are floating in the blue", heißt es darin, "I am softly watching you."

Der Krimi im Krimi

Eine scheue Schundromanschreiberin, die in Mordverdacht gerät, kommt ungern aus ihrer Wohnung und lässt auch fast niemanden rein. Als es Ballauf doch schafft, liegt ein Roman der finnischen Krimiautorin Leena Lehtolainen auf Petersens Schreibtisch - der Krimi im Krimi sozusagen. In Lehtolainens Debütroman geht es stimmigerweise um einen Musiker, der ermordet wird.

"Kennen Sie Rachmaninows drittes Klavierkonzert?", fragt die Opfermutter einmal Kommissar Ballauf. "Ich hör mehr Rock und Pop", sagt der. Die Mutter führt aus, dass es der größte Wunsch ihres ermordeten Sohnes gewesen sei, "dieses Stück in einem großen Konzertsaal vor Hunderten von Menschen zu spielen". Konsequent ist, dass nach Daniels Tod auch das WDR Funkhausorchester nicht Rachmaninow gibt. Nach dem Mord bleibt das dritte Klavierkonzert ungehört - wie Daniels Wunsch, den er mit ins Grab genommen hat.



insgesamt 44 Beiträge
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Barrabas 01.02.2015
1. ...toll
...und ich wollte doch nur einen guten, spannenden Tatort :-(
Susi Sorglos 01.02.2015
2. Toller Beitrag !
Erinnert mich ungeheuerlich an meine Präpubertäre Phase, als ich mitsamt meinen Klassenkameraden alles, aber auch wirklich alles in Grund und Boden analysierte weil unser Deutschlehrer das "ergründen unserer Sprache und deren Bedeutung" nannte. Es sollte einfach nur ein unterhaltsamer Krimi sein.
jujo 02.02.2015
3. ...
Über Geschmack lässt sich schwierig streiten. Für mich war es einer der besten Tatorte der letzten Jahre!
kpdsu 02.02.2015
4.
ich fand den Tatort ganz spannend, auch wenn die Geschichte total Wirr und unglaubwürdig war. Ich vermute ja, dass folgendes stattgefunden hat: es sollte mehrere Tatverdächtige in einem Haus geben. Die Charakterisierungen worden dann als Wettbewerb beim WDR ausgeschrieben; die absurdesten Beiträge würden einfach zusammen gestopft. Schön die Übersicht über die Stücke, hätte ich niemals alle erkannt. Nun will ich aber auf gegen Fall wissen, wie das dritte Klavierkonzert klingt. Und den Slime-Song werde ich Mitte auch mal anhören
ashauval 02.02.2015
5. Sooooo sereotyp...
Es ist mittlerweile unfassbar, wie die ARD immer wieder stereotyp die Charaktere einbaut. Banker, welche mit Geld um sich werfen, nur an ihren Boni denken, zu allen arrogant auftreten... Soooo schlecht!! Kids aus dem Osten, die immer irgendwie rechts orientiert sind, Vermieter welche immer nur die Miete hoch drehen, Banker und Investoren, welche mit ihrer Gier die Welt schlechter machen... DAS NERVT!!! In Zeiten von DMAX, Amazon Prime und Co ein Ansatz der nach hinten los gehen kann...
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