Starker Milieu-"Tatort" aus Köln Männer schnattern, Frauen ackern

Schenk und Ballauf untersuchen den Mord bei einem Reifenhändler. Der Kölner "Tatort" geht mal wieder dorthin, wo er am besten ist - zum verunsicherten Mittelstand.

WDR/ Thomas Kost

Von


Sex im Langzeitbesucherraum: Das ist eine gute Idee des humanen Strafvollzugs - die in der Praxis allerdings nicht immer eine gute Umsetzung findet. In diesem "Tatort" trifft ein Mordverdächtiger nach Tagen zermürbender Verhöre auf seine Ehefrau, der Knast spendet Handtücher, die Beamten ziehen sich zurück. Doch in der sogenannten Liebeszelle will sich keine Liebe einstellen.

Nach der qualvoll absolvierten Besucherzeit huscht die Ehefrau mit leerem Blick durch die Schleuse des Besuchertraktes, die Wärterin schaut mitleidig und wissend: "Das ist nicht ihre Schuld. Ich sage immer: Die meisten hier drin wären mit einer Prostituierten besser bedient." Die trockene Antwort: "Aber Ehefrauen kosten nichts."

Die "Tatort"-Folge "Mitgehangen" ist ein schnörkelloser Milieukrimi, bei dem selbst intimste Details noch mit ökonomischen Implikationen aufgeladen werden. Die Handlung spielt am Kölner Stadtrand zwischen einem Baugeräteverleih und einem Reifenhändler, ermordet wurde ein Schrauber und Hallodri, der bei beiden Firmen mitmischte. Aus dem Baggersee um die Ecke wurde ein Wagen mit dem Toten gezogen, um den Kopf der Leiche sabscht eine Plastiktüte, darin zappelnd ein Aal.

Fotostrecke

10  Bilder
"Tatort" mit Schenk und Ballauf: Hier haben die Frauen den Helm auf

Kommissar Schenk (Dietmar Bär) schluckt, Kollege Ballauf (Klaus J. Behrendt) schaut ungerührt zum anderen Ende des Sees und überlegt, wie viel Meter das sein könnten und in welcher Zeit er diese Meter kraulend zurücklegen würde. Der Polizist hat das Schwimmtraining wieder angefangen, täglich zieht er im Hallenbad seine Runde, beim Kachelzählen entwickelt er deutlich mehr Leidenschaft als beim Leichenzählen.

Männer und ihre Grillwürstchen

Ein "Tatort" mit vielen kleinen starken harten Details, der sich in die besseren Kölner Folgen einreiht. Die Erosion des Mittelstands, die kleinen Leute und der große Verrat, das waren in den letzten Jahren ja sehr ergiebige Themen für Schenk und Ballauf. Hier nun wird der Mittelstandskrimi, die vielleicht klassischste aller "Tatort"-Spielarten, lustvoll ausgeschmückt und lakonisch in die Gegenwart gelenkt.

Den beiden verdächtigen Firmen am Stadtrand stehen zwei Frauen vor: Den Baugeräteverleih managt Astrid Seibert (souverän wie immer: Lana Cooper) mit Schutzhelm auf dem Kopf, beim Reifenhändler checkt Katrin Grevel (ebenfalls souverän wie immer: Lavinia Wilson) vom Balkon der Wohnung aus, was unten im Hof passiert. Dort grillen die männlichen Angestellten ihre Würstchen, erzählen sich Blondinenwitze und vergleichen ihre Autofelgen miteinander.

Interessantes Geschlechterbild, das uns in diesem "Tatort" geboten wird - Männer schnattern, Frauen ackern.

Regisseur Sebastian Ko hatte vor zwei Jahren für das Kölner Team eine moderne "Bonnie und Clyde"-Version geliefert, die Amour fou wurde damals als sehr musikalische Plattenbauromanze in Szene gesetzt. Auch das Mittelstandsdrama (Buch: Johannes Rotter) treibt jetzt mit einer Filmmusik voran, die nicht den schnellen, großen Effekt scheut. Es gibt Soul und Indiepop, gleichzeitig treiben an Nick Caves Bad Seeds erinnernde Kaskaden (Musik: Olaf Didolff) den Erosionseffekt der Firmen- und Familienstrukturen voran.

Schenk sieht, wie durch die Untersuchungen das kleine süße Mittelstandsreich auseinanderfällt: "Wir treiben einen Keil in die Familie, wie soll die das aushalten?" Ist Ballauf doch egal, er denkt nur daran, wie er nach der Arbeitszeit seine Bestzeit im Wasser toppen kann. Die Currywurst muss Schenk alleine essen, vielleicht mal ganz gut so.

Bewertung: 8 von 10 Punkten


"Tatort: Mitgehangen", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
roenga 16.03.2018
1. "Interessantes Geschlechterbild...
......das uns in diesem "Tatort" geboten wird - Männer schnattern, Frauen ackern." Das übliche, was einem heutzutage eben als Geschlechterklischee in den Medien, sowie der Film- und Fernsehunterhaltung angeboten wird - die Frau als starke Macherin, der Mann als dummer, notgeiler, schwacher Nichtsnutz. Interessant, dass dieselben Leute, die sich früher über dümmliche Frauenklischees in Filmen aufgeregt haben (dummes Blondchen mit großen...Ohren, Prostituierte mit dem Herzen aus Gold etc.) jetzt ganz begeistert sind, wenn 'starken' Frauen schwache Männerklischees gegenübergestellt sind. Damit das klar ist; es geht nicht darum, dass Männer auch mal als schwach und dumm dargestellt werden, sondern um das feministische Klischee, dass 'der Mann' halt so ist.
krause.bettina 16.03.2018
2.
Ich finde die Besprechung etwas oberflächlich. Aber vielleicht ist der ganze Krimi auch nicht so tiefsinnig. Außerdem empfehle ich Herrn Buß, dessen Kommentare ich immer gerne lese, den Gebrauch eines Synonym-Wörterbuchs (nannte sich das früher nicht 'Thesaurus'?). Das Wort 'Mittelstand' fällt 5 mal :-))
Roland Bender 16.03.2018
3. ... Frauen ackern ... Männer schnacken ...
... da geht mit unseren öffentlich -rechtlichen Gebührenkröten mal wieder ein paar frauenbewegte Damen auf einen Ego Trip. Macht nix. Ich sehe schon lange keinen Tatort mehr.
vulcan 16.03.2018
4.
Das wird uns in Zukunft wohl noch oft und öfter so geboten werden, da gerade 'in': Tolle, 'starke' Frauen, Männer als Trottel oder Schweine. So muss das ja inzwischen sein. Das fällt auch schon bei diversen neuen Spielfilmen oder Serien auf - krampfhafte Versuche, Frauen in den Vordergrund zu drücken, ob es nun Sinn macht oder nicht. Da ist es natürlich kein Wunder, dass sich besagte Serien und Filme immer öfter zumindest teilweise der Lächerlichkeit preisgeben. In der Werbung ist es ja schon lange so: Frau pfiffig, Mann doof. Was der Quatsch soll und wem das gefallen soll, ist mir allerdings ein Rätsel.
Criticz 16.03.2018
5. Kurzum: richtet sich der Sexismus gegen Männer
Zitat von roenga......das uns in diesem "Tatort" geboten wird - Männer schnattern, Frauen ackern." Das übliche, was einem heutzutage eben als Geschlechterklischee in den Medien, sowie der Film- und Fernsehunterhaltung angeboten wird - die Frau als starke Macherin, der Mann als dummer, notgeiler, schwacher Nichtsnutz. Interessant, dass dieselben Leute, die sich früher über dümmliche Frauenklischees in Filmen aufgeregt haben (dummes Blondchen mit großen...Ohren, Prostituierte mit dem Herzen aus Gold etc.) jetzt ganz begeistert sind, wenn 'starken' Frauen schwache Männerklischees gegenübergestellt sind. Damit das klar ist; es geht nicht darum, dass Männer auch mal als schwach und dumm dargestellt werden, sondern um das feministische Klischee, dass 'der Mann' halt so ist.
Gibt's eben 8 von 10 Punkten. Wäre es umgekehrt, einen Aufschrei. So siehst sie eben aus die Gleichberechtigung a La SPON bzw ÖR.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.