Köln-"Tatort" über Jugendgewalt Mamis kleines Monster

Beulen am Kopf, Wunden am Ego: Kommissar Ballauf gerät in ein Gewaltverbrechen unter Jugendlichen - und trifft mit Kollege Schenk auf Eltern, die Angst vor den eigenen Kindern haben. Ein bürgerliches "Tatort"-Trauerspiel aus Köln.

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Die Blicke der Eltern, sie tun so weh. Von fatalistischer Hingabe erzählen sie, von matter Schicksalsergebenheit. Die Kölner Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) begegnen diesen in trauriger Liebe ergrauten Alten bei ihren Ermittlungen zu ihrem aktuellen Fall, einem Ausbruch entfesselter Jugendgewalt.

Auf dem nächtlichen Nachhauseweg wird Ballauf im U-Bahnhof in eine Prügelei verwickelt. Zwei Jugendliche schlagen und treten auf einen Jungen mit Geigenkoffer ein. Der Polizist springt zur Hilfe, wird selbst drangsaliert und vor den einfahrenden Zug geschmissen, der Junge mit dem Geigenkoffer liegt fortan im Koma.

Mutmaßliche Täter sind schnell ausgemacht; ein Mädchen mit Engelsgesicht, ein Bubi mit Welpenzotteln und weichen Zügen. Sonderbar, wie viel Hass aus solch unfertigen Gesichtern herausschreien kann. Die Brut hat Wut - aber worauf eigentlich? Auf die Eltern? Auf die Schule? Auf einen Arbeitsmarkt, der keine Perspektive verspricht? Eher nicht.

Schwarz steht Schenk und Ballauf gut

Eine gute Entscheidung, dass die Verantwortlichen des Kölner "Tatort" weitgehend darauf verzichten, mit handlichen küchenpsychologischen Argumenten das Verbrechen verstehbar zu machen. Gerade für die Figuren Schenk und Ballauf, die Erklärbären des Fernsehkrimis, die in der Vergangenheit oft gesellschaftliche Phänomene freundlich brummend in den dicken Tatzen hin- und herwendeten, bis sie sich in Wohlgefallen auflösten, ist das ein mutiger Schritt.

Im Kölner Revier scheint es endgültig vorbei zu sein mit dem Allesversteher-Trott. Im Januar wurde den beiden Ermittlern die patente Assistentin Franziska aus der Handlung drangsaliert, ein Akt von brutaler Wucht, der aus Jugendschutzgründen erst nach 22 Uhr ausgestrahlt werden durfte. Im März stiegen Schenk und Ballauf in ein Familiengrab mit drei toten Kindern hinab und leuchteten sich mit trübem Taschenlampenlicht durch ein bürgerliches Trauerspiel. Düster ist es geworden im Kölner "Tatort", der WDR verfolgt da offensichtlich eine sehr klare Linie.

Und das neue Schwarz steht den einstigen rheinischen Frohnaturen gut. Statt alles und jeden erklären zu können, schleppen sie sich jetzt durch eine Welt, die in großen Teilen eine Zumutung ist. Schenk und Ballauf werden eben nicht jünger. Und, nicht mal diese Genugtuung schenkt man ihnen, weiser auch nicht.

Aus der Gegenwart gefallene Ermittler

Das zeigt sich nun auch in der aktuellen Folge "Ohnmacht" (Buch: Andreas Knaup, Regie: Thomas Jauch) sehr deutlich. Auf den verwaisten Platz von Franziska nimmt die Mittzwanzigerin Miriam Häslich (Lucie Heinze) Platz, eine Eingeborene des Internets, die dreimal so schnell im Kopf ist wie die beiden älteren Herren und die Aufgaben, die Schenk und Ballauf sonst gemächlich an die Kriminaltechnik weiterleiten, schnell mal selbst mit dem digitalen Besteck absolviert. Ballauf - Beulen am Kopf, Wunden am Ego - geht denn auch motzend auf die junge Kollegin los, als wäre sie persönlich schuld an seiner Misere.

Gerade diese Aggressivität, dieses Charakterwanken, diese grausame Gegenwartsverlorenheit bringt eine neue Dynamik in den Kölner "Tatort". Hier treffen zwei 50-Jährige, die ihr Umfeld nur noch mit größter Mühe in den Griff bekommen, auf andere 50-Jährige, die es aufgegeben haben, das Umfeld in den Griff bekommen zu wollen. Die Mütter und Väter der mutmaßlichen Täter nämlich scheinen längst entkoppelt vom Leben ihrer halbwüchsigen Kinder.

In den Begegnungen mit den Eltern läuft Schenks und Ballaufs Lass-uns-doch-mal-reden-Pose von einst vollends ins Leere. Empört wollen sie von dem alleinerziehenden Vater des Wut-Welpens (Sebastian Rudolph) wissen, wie es zu der Verderbtheit seines Sohnes kommen konnte. Doch der starrt sie nur in tonloser Trauer an, beschwört das Treuehalten gegen jede Vernunft als letzte verzweifelte Maßnahme in einem Kampf, der in Wirklichkeit längst verloren ist. Und erschüttert blicken die Ermittler auf die Mutter der Wonneproppengewalttäterin (Corinna Kirchhoff), die jede Aggression der Kleinen mit mehr und mehr Liebe kontert.

So ist es entstanden, Mamis kleines Monster. Bitte nicht streicheln, die Folgen könnten tödlich sein.


"Tatort: Ohnmacht", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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Seite 1
horstu 09.05.2014
1. optional
Ein Fall aus dem richtigen Leben: Aber ob eine Blonde mit Engelsgesicht und ein Bubi mit Welpenzotteln die typischen U-Bahnschläger sind? So bleibt der Tatort abermals nur vernebelnde Ideologiepflege mittels unserer Gebührengelder, die der Rechenschaftspflicht entzogen sind. Gesellschaftskritik durch Zustandsbeschreibung sieht anders aus. Wo sind die herrschaftskritischen Anfangstage des Tatort nur geblieben?
dreamdancer2 09.05.2014
2.
Zum Tatort an sich kann ich nicht viel sagen, so als Nicht-TV-Gucker. Aber: Ich wünsche mir, daß Ihr Kommentator mal seine Alters-Einschätzung überdenkt... also entweder sind die beiden Kommissare "ältere Herren", oder sie sind "50-jährige". Als selbst Endvierzigerin, die etliche Bekanne im Alter um die 50 hat, kann ich bestätigen, daß niemand aus dieser Altersgruppe, den ich so kenne, a) so aussieht wie die beiden Kommissare oder b) sich aus der Zeit gefallen fühlt und sich von Mittzwanzigern seinen PC erklären lassen muss. Unsere Generation mögen zwar kein "Digital Natives" sein, aber das heißt nicht, daß wir noch mit Schiefertafel oder Faustkeil arbeiten und unsere Nachrichten per Brieftaube versenden.
DerWeisseWal 09.05.2014
3. Gewalt halt
Zitat von horstuEin Fall aus dem richtigen Leben: Aber ob eine Blonde mit Engelsgesicht und ein Bubi mit Welpenzotteln die typischen U-Bahnschläger sind? So bleibt der Tatort abermals nur vernebelnde Ideologiepflege mittels unserer Gebührengelder, die der Rechenschaftspflicht entzogen sind. Gesellschaftskritik durch Zustandsbeschreibung sieht anders aus. Wo sind die herrschaftskritischen Anfangstage des Tatort nur geblieben?
Verstehe ich nicht ... den typischen U-Bahnschläger erkennt man doch nicht an seiner Frisur oder an der Lieblichkeit seines Gesichtes ? Welche Ideologie soll denn da dahinter stecken ? Dass die Bösen nicht immer schwarze Cowboyhüte tragen ? Ich bin schon ein bisschen gespannt, wie es ohne "Franziska" weitergeht, da sollte ja ein bisschen Leichtigkeit abhanden gekommen sein. dww
romeov 09.05.2014
4. Die Kollegin, die alles besser weiß
...ist jetzt schon ein Standard bei den Tatorten. Diese Figuren werden wahrscheinlich von den Landesfrauenbeauftragten verlangt und in's Drehbuch geschrieben. Ausserdem soll auch die Twitter-Gemeinde an die Sendung binden.
HG_M 09.05.2014
5. @dreamdancer2
Vielen Dank für Ihren Kommentar, manchmal fragt man sich wirklich wer aus der Zeit gefallen ist. Mir, der in der zweiten Hälfte der 50er steckt, mußte noch kein Kind meinen PC, mein Mobiltelefon oder eine andere technische Errungenschaft der Jugend (Achtung: Sarkasmus) erklären. Das ich nicht alles weiß ist auch klar, dass erklären mir aber dann meistens Kollegen aus der gleichen Altersgruppe.
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