Köln-"Tatort" "Doppelkorn mit Kotze - der Duft vom Deutzer Bahnhof"

Wenn die Stadt schläft, geht er auf Streife: Der Köln-"Tatort" erzählt von einem kleinen Polizisten, der einem großen Komplott auf der Spur ist. Dichte Atmosphäre, dünne Handlung.

WDR/ Martin Valentin Menke

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Die feinen Näschen vom Kölner Morddezernat sind echauffiert. "Was riecht denn hier so?", fragt Freddy Schenk (Dietmar Bär). "Das bin ich", sagt Kollege Frank Lorenz (Roeland Wiesnekker), "Doppelkorn mit Kotze, der Duft vom Deutzer Bahnhof." Zuvor hat Lorenz versucht, einen Streit zwischen Obdachlosen zu schlichten, einer der beiden erbrach sich auf seine Uniform.

Lorenz ist ein alter Kumpel von Schenk aus Polizeischultagen, doch während der eine Karriere bei der Kripo machte, hatte der andere eine Krise nach der anderen. Den beruflichen Aufstieg hat er sich durch Anecken bei der Führung verbaut, die Ehe versoffen, die Liebe verpasst. Aber seinen Streifendienst versieht Lorenz mit fast schon übermenschlichem Elan, er nennt sich selbst ironisch Streifenhörnchen. Unermüdlich zieht er seine Runde, passt auf die Stadt auf, während die anderen den Schlaf der Selbstgerechten schlafen.

Deshalb sitzt er jetzt auch bei Schenk und Ballauf (Klaus J. Behrendt) im Büro: Eine nächtliche Verkehrskontrolle unter Lorenz' Aufsicht ist eskaliert, ein junger Mann floh aus seinem Auto und wurde von einer Straßenbahn erfasst. Lorenz glaubt, die russische Mafia habe den Mann in den Tod getrieben; am Unfallort rollte ein dunkler Lieferwagen mit Kerlen vorbei, die Tattoos trugen wie osteuropäische Mafiosi.

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"Tatort" mit Schenk und Ballauf: Zwischen Wahn und Wirklichkeit

Ein "Tatort" zwischen Wirklichkeit und Wahn, zwischen Großstadtreportage und Film noir: Regisseur Sebastian Ko, der schon einige bessere Folgen aus Köln wie die über das junge "Bonnie und Clyde"-Paar gedreht hat, ringt authentischen Orten poetische Stimmungen ab. Die Geschichte vom Wachtmeister, der glaubt, einem großen Komplott auf der Spur zu sein, spielt in verwaisten Autowaschanlagen, spärlich beleuchteten Großmarkthallen, Siebzigerjahre-Bars, die "Roxy" heißen, und in Rumpelwohnungen, in denen die Jalousien schief hängen. Sonnenlicht fällt allenfalls gebrochen in dieses schwarz schimmernde Szenario.

Maulwurf auf dem Polizeirevier?

Bald sind auch Schenk und Ballauf überzeugt, dass die Russenmafia in dem Fall drinhängt und nehmen eine Familie ins Visier, die offiziell mit Feinkost aus dem osteuropäischen Raum handelt, aber offensichtlich auch mit anderen Waren Geld verdient. Sonderbarerweise scheint die Gegenseite immer schon über die nächsten Schritte der Ermittler informiert. Kann es sein, dass es auf dem Revier einen Maulwurf gibt?

In Verdacht fällt ausgerechnet Jütte. Der von Roland Riebeling gespielte Assistent ist der interessanteste Sidekick-Zugang im "Tatort" seit langer Zeit, er sieht aus wie eine Mischung aus Stefan Raab und Faultier und agiert auch so. Rheinische Frohnatur und Trägheits-Gen gehen hier offensichtlich gut zusammen. Informationen gibt's von so einem nicht im Schleudertempo, dafür wird jeder Fakt mit einer kleinen verschleppten Pointe präsentiert. Und dieser Jütte soll doppeltes Spiel treiben?

Es ist eine Qualität dieses "Tatort", dass er verwegene Thesen und Handlungsverläufe durch die kunstvoll aufwühlende Atmosphäre glaubhaft erscheinen lässt. Doch der Plot mit seinen doppelten Böden und brüchigen Wirklichkeitsebenen (Drehbuch: Jan Martin Scharf, Arne Nolting) kommt am Ende nicht der behaupteten Komplexität hinterher; das fällt besonders auf, wenn man ihn mit dem Schizophrenie-"Tatort" aus dem Schwarzwald von Ende Dezember vergleicht. Dort wurde der Zuschauer konsequenter und konstanter gefordert.

Dass wir trotz aller Schwächen dran bleiben, liegt auch an Roeland Wiesnekker, für den das deutschsprachige Fernsehen in den letzten Jahren zu wenige starke Rollen bereitgehalten hat. Wie er als guter, vielleicht für die Realität zu guter Polizist gegen alle Chancen auf den Straßen von Köln für Gerechtigkeit sorgen will, das rührt an. Ein Streifenhörnchen, überfahren vom Leben.

Bewertung: 6 von 10 Punkten


"Tatort: Weiter, immer weiter", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
kodu 04.01.2019
1. Roeland Wiesnekker...
...wer ihn mal in einer seiner Hauptrollen v.a. aber auch in seinen vielen Nebenrollen gesehen hat, der weiß, daß der Mann "Goldstaub" ist ... allerdings eher für Stoffe mit einer gewissen Tiefe ... Ich hoffe, da kommt in dieser Hinsicht noch Einiges ...
niska 04.01.2019
2.
Zitat von kodu...wer ihn mal in einer seiner Hauptrollen v.a. aber auch in seinen vielen Nebenrollen gesehen hat, der weiß, daß der Mann "Goldstaub" ist ... allerdings eher für Stoffe mit einer gewissen Tiefe ... Ich hoffe, da kommt in dieser Hinsicht noch Einiges ...
Errinnere mich da vor allem noch an "Blackout" eine der ersten deutschen "amerikanischen", sprich komplexeren, Serien. Das ist auch schon wieder fast 15 Jahre her.
nexus32 04.01.2019
3. Endlich
Köln. Super. Ich liebe die Jungs. Endlich wieder ein Tatort aus der liebenswertesten Stadt der Republik. Mit dichter Atmosphäre. Ich bekomme jetzt schon Gänsehaut. Und für dieses Revier zahle ich gerne meinen Rundfunkbeitrag. Genau wie übrigens für fast alle anderen Reviere. Die Tatortserie bringt mir für bezahlbaren Geld häufig hochwertiges Fernsehen von einer Qualität die Privatsender meist nicht erreichen. Zusätzlich erhalte ich meist gut recherchiere Nachrichten und Dokumentationen. Mir gefällt nicht alles, aber ich muss ja auch nicht alles schauen. Und genau das rate ich übrigens den Foristen die sich hier wieder über die "Zwangsgebühr" aufregen. Für mich gilt jedenfalls: Sonntag ist (meist) Tatorttag.
niska 04.01.2019
4.
Dann werden Sie vor Ihren Fernseher gefesselt und müssen eine ganze Samstagabendshow mit Johannes B. Kerner anschauen und danach noch Markus Lanz im Gespräch mit Markus Lanz.
vulcan 04.01.2019
5.
Diese Tatort-Inhaltsangabe klingt allerdings mal ganz interessant. Zwangsgebühr: Kann man überhaupt 'nicht zahlen'? Wenn das ginge, müßte ich die Zahlungen auch einstellen - so ein Tatort ist für mich auch schon das gesamte TV-Erlebnis für einen Monat oder länger. Darf man das sagen? Ich verpasse ja die gesamte Erziehungsarbeit der ÖR Sender.....allerdings verpasse ich noch mehr Mist, tödliche Langeweile und Fremdschämen. Wenn Sie nicht bezahlen, fürchte ich das Schlimmste - Zwangsvollstreckung, Sheriff knockin' on your door, vielleicht sogar Pranger auf dem Marktplatz oder in der Mediathek Zwangsgucken von Vorabendserien 8 Stunden am Stück bei Wasser und Brot. Irgendsowas erwartet Sie dann.
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