"Tatort"-Abschied von Eva Mattes High Noon für Klara Blum

Duell der Großschauspielerinnen: In ihrem letzten "Tatort" trifft Eva Mattes auf Irm Hermann und andere Fassbinder-Kolleginnen. Ein Frauenwestern, bei dem die Typen nur Kanonenfutter sind.

SWR/ Patrick Pfeiffer

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Reife Frauen mit schweren Revolvern, die viel rauchen. Alte Männer mit dicken Konten, die um ihr Leben winseln. Dazu Stahlsaiten-Blues und Sonnenuntergangsstimmung. Der Abschieds-"Tatort" von Eva Mattes ist ein weiblicher Spätwestern geworden, bei der alle Beteiligten noch ein paar letzte Rechnungen zu begleichen haben. Morgen könnte es schließlich schon zu spät sein.

Denn Mattes' Ermittlerin Klara Blum, die hier nach 30 "Tatort"-Folgen ihren letzten Auftritt absolviert, hat bereits zwei Herzinfarkte hinter sich. Wie Robert Mitchum oder Gary Cooper in ihren finalen Sheriff-Rollen macht sie sich auf zu ihrem letzten Gefecht. Doch die Gesetzlosen, gegen die Blum hier antritt, sind gar nicht so üble Kerle. Sie sind in Wahrheit gar keine Kerle. Mit unverhohlener Bewunderung tritt die Ermittlerin den drei älteren Damen entgegen, bei denen verdächtig die Fäden zu einem Mordfall zusammenlaufen. Die Damen leben nach eigenen Regeln.

Outlaws waren die drei Schauspielerinnen Hanna Schygulla ("Liebe ist kälter als der Tod"), Margit Carstensen ("Martha") und Irm Hermann ("Katzelmacher") auch damals schon, Anfang der Siebzigerjahre, als die kleine Eva Mattes, damals noch keine 18 Jahre alt, den Betrieb des Neuen Deutschen Films betrat. Da lungerten die drei schon in aufregenden Klamotten mit aufregenden Typen rum, mit Rainer Werner Fassbinder, Peer Raben, Klaus Löwitsch und so. Später brachte Fassbinder Mattes dann mit den drei anderen in seinem Schischischocker "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" unter.

Klara Blum, endlich unter Schwestern im Geiste

Die Typen von damals sind inzwischen fast alle tot, die vier Schauspielerinnen aber sind offenbar noch immer ziemlich gut drauf. Bezeichnende Szene, als Mattes in der Rolle der Blum die Gärtnerei betritt, die von den drei anderen geführt wird: Da ist sie immer noch die Kleine, die mit großen Augen in eine Welt schaut, die nach eigenen Gesetzen zu funktionieren scheint und guten, reellen Spaß verspricht. Endlich hat Blum, das alte Blumenmädchen, das doch oft sehr einsam wirkte im aufgeräumten Fernseh-Konstanz, Schwestern im Geiste gefunden.

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Bodensee-"Tatort": Tod dem bösen, alten, weißen Mann

Das Problem ist, dass die anderen es eben mit gesellschaftlichen Vereinbarungen nicht so ernst nehmen. Wunderbar, wie Hanna Schygulla als rabiate Gärtnerin ihre langweilige Nachbarin zusammenfaltet: "Schon eine harte Herausforderung, der einzige Lebenszweck dieses überflüssigen Mannes zu sein." Die Frage für Blum ist allerdings, wie sehr die Freundinnen ihre Zweifel am anderen Geschlecht in Taten umsetzen. Gerade wurde die Leiche eines Rechtspopulisten aufgefunden, später wird ein Fabrikant vermisst, der seine Textilien in Bangladesch fertigen lässt.

Ein schöner letzter Auftritt für Eva Mattes, das ewige Hippiegirl, dem man die vergangenen 14 Jahren mit spießigen Drehbüchern in trutschigem Ambiente zugesetzt hat. Es gab Ausnahmen, bei denen es sexuell und gesellschaftlich drunter und drüber ging, wo man Freisinniges ausprobierte, aber ganz überwiegend waren die Bodensee-"Tatorte" doch von einer ästhetischen und politischen Biederkeit, dass es Mattes selbst ab und an geschüttelt haben muss.

Der von Aelrun Goette ("Die Kinder sind tot") nun sehr auf die Eins inszenierte Rächerinnen-Krimi ist da ein rabaukiges Abschiedsgeschenk (Drehbuch: Sathyan Ramesh). Es wird sogar noch die Internationale gesummt, ganz leise nur, aber immerhin. Großes Frauentheater, Männer starren hier nur erschrocken von draußen durch den Schlitz im Vorhang. Wenn sie nicht eh schon tot sind.

Bewertung: 7 von 10 Punkten


"Tatort: Wofür es sich zu leben lohnt", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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.patou 02.12.2016
1.
Frauendominanz, weibliche Regie, Männer als verschreckte bzw. lästige Staffage und ein toter Rechtspopulist. :-) Wenn das keine Steilvorlage für die üblichen Tatort-Kommentatoren ist. Ich hoffe auf hyperventilierende Debattenbeiträge.
TLB 02.12.2016
2. apropos hyperventilieren...
ich habe noch NIE einen schlechten Matthias Habich gesehen
kommunaler querdenker 02.12.2016
3. Na endlich...
...vom Hyperventilieren bin ich weit entfernt, hoffe aber trotzdem, dass sie stirbt! Also, Klara Blum, nicht Eva Mattes versteht sich... Einfach deshalb, weil Perlmann vielleicht endlich mal seine Kollegin zurückduzen darf, wenn sie gerade im Sterben liegt! Weil wegen Gleichberechtigung und so...
akkzent 02.12.2016
4. Na, Sie kennen sich ja .....
Zitat von kommunaler querdenker...vom Hyperventilieren bin ich weit entfernt, hoffe aber trotzdem, dass sie stirbt! Also, Klara Blum, nicht Eva Mattes versteht sich... Einfach deshalb, weil Perlmann vielleicht endlich mal seine Kollegin zurückduzen darf, wenn sie gerade im Sterben liegt! Weil wegen Gleichberechtigung und so...
gar nicht mit der Thematik aus. Klara Blum hat bei entsprechender Gelegenheit schon fast darauf bestanden, dass Perlmann sie zurückduzt. Perli hat dankend abgelehnt, von wegen Respekt und so. Beim nächsten mal vielleich ein bischen besser aufpassen. Ach nein - geht ja leider nicht mehr, schade um die Beiden!
ralle58 02.12.2016
5. Ach, war doch meistens langweilig.
"Auserzählt",wie man heute so schön sagt.
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