Kitsch-"Tatort" über Kindsmord: Tango infantil

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"Tatort" über Kindsmord: Schöne Bilder, schreckliche Geschichte Fotos
ARD

Ein Mädchen wird ermordet - und was tun die Verantwortlichen des Leipziger "Tatort"? Lassen Tango aufspielen und die Ermittler in Erinnerungen schwelgen. Krimi-Kitsch pur. Gut, dass Katja Riemann als BKA-Ermittlerin auftaucht und die Kollegen mit Häme überschüttet.

Was hört ein Tango-Musiker, wenn er sich das Leben nimmt? Seine eigene Musik, dabei stirbt es sich am stilvollsten. Das glauben zumindest die Macher des "Tatort" aus Leipzig. Gleich am Anfang der neuen Folge schlitzt sich ein Tango-Musiker in seinem - auch noch in einem winterlichen Wald geparkten - Auto die Arme auf. Das Bandoneon aus dem CD-Player pumpt aufreizend, und die Kamera saust die schneebedeckte Landschaft entlang - um dann schließlich über einer pittoresk arrangierten Kinderleiche in die Höhe zu schnellen.

Dann schreit auch noch eine junge Frau, offensichtlich die Mutter des toten Kindes, ihren Schmerz in den Himmel. Was man allerdings nur gedimmt vernimmt, denn da pumpt ja immer noch der Tango.

Kindsmordkitsch pur: Der Leipziger "Tatort" zeigt sich mal wieder von seiner schlimmsten Seite. Immer wenn die Verantwortlichen versuchen, bigger than life zu sein, kommt er am kleingeistigsten daher. Den Mord an einem Mädchen, das hier immer wieder in kurzen herzerwärmenden Sequenzen in die Kamera blinzelt, für den Emo-Strip der Erwachsenen zu missbrauchen - wie erbärmlich.

Der Krimi als Fotoalbum

Die Ermittler Saalfeld (Simone Thomalla) und Keppler (Martin Wuttke) jedenfalls - einst ein Paar, bevor Schicksalsschläge sie auseinandertrieben - fühlen sich hier ganz eins mit der malerisch in Szene gesetzten Mordlandschaft. Schon weil der Ort aufgeladen ist mit Erinnerungen. Hier blühte einst, als noch alles gut war, ihre Liebe auf. Das tote Mädchen wurde in dem Boot gefunden, zu dem sie einst frisch verknallt über den See geschwommen sind. Ein wichtiges Beweisstück lag genau dort im Schilf, wo sich die beiden in ihrem früheren Liebesglück immer versteckten. Irgendwann wird Saalfeld ganz nachdenklich und lamentiert, dass der Job wirklich noch die letzten schönen Erinnerungen töten würde.

Eine Aussage, die noch einmal das Manko dieses bemüht teuer in Szene gesetzten "Tatort" vor Augen führt: Regisseur und Co-Autor Miguel Alexandre ("Der Mann mit dem Fagott") inszeniert den Kindsmordkrimi wie ein Fotoalbum. Alles so schön hier, auch wenn es mal wehtut.

Beim Abfilmen der Kulisse windet sich Alexandre dann umso mühsamer durch den Plot (Co-Autoren: André Georgi und Harald Göckeritz): Der Tango-Musiker, der sich am Anfang umbringen will (Pasquale Aleardi), stirbt dann doch nicht. Er ist der Vater des toten Mädchens, das offensichtlich erstickt ist, weil er nicht mit dem Asthma-Mittel zur Stelle war. Oder war es anders? Die Mutter (Anne Ratte-Polle) ist mit einem dubiosen Unternehmer (Bernhard Schir) liiert, der Navigationsgeräte nach Ägypten verschiebt. Hat vielleicht er etwas mit dem Erstickungstod der Kleinen zu tun? Und so ermitteln sich Keppler und vor allem Saalfeld mit zur Schau gestellter Empathie durch den Fall, obwohl sie doch eigentlich nur die ganze Zeit über ihr eigenes verpatztes Leben sinnieren.

Gerade will man sich genervt von so viel selbstbezüglichem Gequatsche abwenden, da erscheint eine tolle Schauspielerin in einer tollen Rolle auf der Bildfläche: Katja Riemann gibt eine kaltschnäuzige BKA-Ermittlern, die den Geschäftsmann wegen dessen zwielichtigen Geschäften mit Ägypten im Visier hat. Früher, als Keppler noch ein bisschen aufgeschlossener und weniger selbstgerecht war, hatte sie wohl mal ein Verhältnis mit ihm.

Im Mundwinkel immer eine E-Zigarette, auf den Lippen stets eine fröhliche Gemeinheit für die Kollegen: Angenehm schnoddrig setzt sie sich von den Trauermienen der anderen ab. Als Profi zieht die Frau aus Wiesbaden ihren Fall durch, für das sentimentale Herumstochern der Leipziger in Sachen Kindsmord hat sie nur Häme übrig.

Wahrscheinlich soll Riemanns BKA-Ermittlerin die Böse sein. Aber in ihrer unverlogenen, lustvoll verspielten und offensiv egoistischen Art ist sie in diesem aufgeblasenen Krimi-Kitsch in Wirklichkeit das einzige Gute.


"Tatort: Die Wahrheit stirbt zuerst", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 48 Beiträge
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1.
enrico3000 14.06.2013
Zitat von sysopEin Mädchen wird ermordet - und was tun die Verantwortlichen des Leipziger "Tatort"? Lassen Tango aufspielen und die Ermittler in Erinnerungen schwelgen. Krimi-Kitsch pur. Gut dass Katja Riemann als BKA-Ermittlerin auftaucht und die Kollegen mit Häme überschüttet. "Tatort" aus Leipzig mit Katja Riemann - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/tatort-aus-leipzig-mit-katja-riemann-a-904333.html)
Manche Serien dienen in meine Augen nur der Beschäftigung von Schauspielern, die ansonsten arbeitslos wären. Anstatt das Geld in der freien Wirtschaft zu verdienen, wie es internationale Schauspieler machen, werden sie mit GEZ Gebühren bezahlt. Gefühlsmäßig wird wohl jeden Tag irgendwo z. B. ein Tatort gedreht. Zumindest läuft jeden Tag in einem ÖR Sender irgendwo einer oder zwei.
2.
_derhenne 14.06.2013
Der Leipziger Tatort ist inszenatorisch tradionell einer der miesesten. Entweder hier werden für Drehbücher, Regie und Produktion die selben Feingeister ausgesucht wie für "In aller Freundschaft" und co., oder die Verantwortlichen vom MDR (?) reden den Filmschaffenden zuviel herein. Das hat immer alles diesen fürchterlichen Mief! und Rudis Schickse passt dort auch noch hervorragend rein. Zwar nicht in den Tatort und schon garnicht in diese Stadt, aber in den diesen ÖR-Stallmief. Da fehlt nur noch dass der Wepper Fritz als Polizeichef um die Ecke kommt, oder noch besser: als windiger Unternehmer.
3.
meinmein 14.06.2013
Zitat von sysopEin Mädchen wird ermordet - und was tun die Verantwortlichen des Leipziger "Tatort"?..... "Tatort" aus Leipzig mit Katja Riemann - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/tatort-aus-leipzig-mit-katja-riemann-a-904333.html)
Und wieder setzt man auf tote Kinder wie schon beim letzten Bremer Tatort, weil man ja sonst nichts an Spannung vorzuweisen hat. Tote Kinder sind keine Unterhaltung und ein No-go, Hollywood zumindest weiß das.
4. Fernsehen von gestern ...
sponmeister 14.06.2013
in einer permanenten Endlosschleife. Man fragt sich nur: Hat da bei ARD und ZDF nie einer eine neue Idee oder werden die alle abgeblockt und, wenn ja, von wem? Traurig.
5. Wie lange?
CClaassen 14.06.2013
Bin mal gespannt, wie lange es dauert, bis der Erste schreibt: Na, ein SPON-Verriss bedeutet immer einen guten Tatort. Oder umgekehrt...
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Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden noch so schlechten "Tatort". Doch der TV-Krimi ist für ihn nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Wer wissen will, wie das Land tickt, der kommt um den "Tatort" nicht herum.