Mundart-"Tatort" mit Odenthal Der Zombie, der Pfälzisch babbelte

Die Mundart ist tot, es lebe die Mundart! Im neuen Fall von Lena Odenthal wird Pfälzisch geredet und hemdsärmelig improvisiert. Ein Ausnahme-"Tatort" - der leider nicht aufgeht.

SWR/ Martin Furch

Von


Was babbelt da aus dem Reich der Toten? Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) liegt nachts in ihrer Hängematte, die Augen sind ihr schon zugefallen, da hockt auf einmal eine gespenstisch anmutende ältere Dame vor ihr und mahnt: ""Eins sach isch da. Wenn Du jetzat net rausfindscht, was do bassiert is, donn besuch isch Disch jedi Nacht. Du konnsch Disch net versteckle!" Der "Tatort" zwischen Horror und Mundartschwank: I walked with a Pfalz-Zombie.

Die Untote mit dem Höllendialekt ist Sophie Fettèr (Malou Mott), die einstige Leiterin des Theaters "Babbeldasch", die während des 30. Geburtstags der Bühne durch einen provozierten allergischen Schock auf ein Schoko-Mohn-Croissant vom Bäcker um die Ecke ermordet wurde. Odenthal soll den Täter oder die Täterin finden, es könnten alle Mitspielerinnen und Mitspieler aus der Dialekt-Laienspieltruppe sein.

Die Mundart ist tot, es lebe die Mundart! Erst im Januar ist Dietz-Werner Steck gestorben, der sich für den Südwestrundfunk (SWR) in den Neunziger- und Nullerjahren als "Tatort"-Kommissar durch Stuttgarter Famlienbäckereien und Traditionsschlachter schwäbelte. Mit ihm ist auch ein Stück südwestdeutscher Mittelstand aus dem Fernsehen verschwunden - der jetzt im SWR-"Tatort" aus Ludwigshafen samt (wenn auch regional versetztem) Dialekt Auferstehung feiert. Die Todes-Croissants stammen zum Beispiel aus der Familienbäckerei neben dem Theater. Naja, fast - eine Großbäckerei liefert den Teig, der Traditionsbetrieb backt nur auf.

Fotostrecke

10  Bilder
"Tatort" mit Lena Odenthal: I Walked with a Pfälzische Zombie

Und doch improvisieren sich die Mitspieler dieses kleinen Krimis in einen Mundart- und Mittelstandsparallelkosmos, wie man ihn im "Tatort" lange nicht zu hören und zu sehen bekommen hat. Das mit dem Improvisieren ist übrigens wörtlich zu nehmen: Als Regisseur fungiert Axel Ranisch, der mit Impro-Tragikomödien wie "Ich fühl mich Disco" das freie Spiel ins deutsche Kino zurückgebracht hat.

In der Mausefalle

Ranisch selbst nennt sich Spielleiter, seinen ersten "Tatort" hat er mit Autor Sönke Andresen ohne klassisches Drehbuch gedreht. Die Amateurdarsteller der "Babbeldasch"-Bühne werden von Amateurdarstellern des Ludwigshafener Laientheaters Hemshofschachtel verkörpert, in zehn Workshops tastete sich Ranisch mit ihnen an den Fall heran, die Dialoge sind improvisiert. Das verspricht Tempo und Authentizität - nicht aber Timing und Plausibilität.

Gerade aber Timing und Plausibilität sind unverzichtbar für den Genre-Rahmen, den Ranisch sich für seinen "Tatort"-Versuch gewählt hat: der klassische Whodunit. Wer ist der Täter? Wer hätte Gründe für den Mord? Welche psychologischen Verstrickungen offenbaren sich während der Ermittlungen?

Dieses Agatha-Christie-Szenario mit einem Dutzend Verdächtiger geht einfach nicht auf, weil die Spannung über den präzise gebauten und ebenso gespielten Plot erzielt werden müsste. Das Beziehungsgeflecht kann in der Improvisation nicht wirklich punktgenau entwirrt werden. Und die Symphonien von Grieg und Bartók, die Ranisch über die zärtlich-hemdsärmeligen Rempeleien des Bäcker- und Krankenschwester-Ensembles gelegt hat, funktionieren kaum als schlüssige Kontrapunkte.

Wo der Künstler in Filmen wie dem Säuferporträt "Alki, Alki" durch die Improvisation kleinsten sozialen Zellen wie Ehegemeinschaften und Männerfreundschaften aufregende, unerwartete und zutiefst menschliche Impulse abgerungen hat, da läuft das, zugegeben: lebensechte Gebabbel im Täterrätsel meist ins Leere.

Für den "Tatort" im Allgemeinen und das Odenthal-Fernsehrevier im Besonderen ist diese Episode trotzdem von Wert. Stellt sie doch ein wichtiges Experiment dar, das nicht gelingen muss, um die Krimireihe ordentlich durchzuschütteln.

Ulrike Folkerts Ermittlerin Lena Odenthal, Fernsehdienstälteste im "Tatort"-Land, hat ja schon über die letzten Folgen immer wieder gezeigt, dass sie bereit ist, die ausgetretenen Krimipfade zu verlassen. Auch wenn man sich dabei mal verirrt, auch wenn es mal wehtut. Zur Zeit drehen Ranisch und Folkerts einen zweiten Impro-"Tatort", diesmal im Schwarzwald und mit vielen Stammschauspielern von Ranisch, vielleicht wird das der große Wurf. Wir bleiben dran.

Bewertung: 4 von 10


"Tatort: Babbeldasch", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 28 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
karldhammer 24.02.2017
1. „Dess findisch subba,
wall unser pälzerisch werd viel zu wenisch beachdet. Alle redde se bairisch odda, noch vieel schlimma, so ä gschraubdes norddeitsch. mit gennidief unn so. Des konn doch kään nomaalä Mensch mea heere. Weida so ihr Buuwe unn Meedlä.“ (nicht ganz ernst gemeinte) Grüße aus Heidelberg
cassandros 24.02.2017
2.
Gibt es, wenn die ARD schon kein Geld in seine Synchronfassung zu investieren bereit ist, wenigstens Untertitel?
virginia 24.02.2017
3. was soll das?
die ard klopft woche fuer woche einen tatort raus. schlechte drehbuecher , langweilige produktionen. merkt eigentlich niemand in den redaktionen, dass die ganze tatortidee veraltet ist? warum nimmt man nicht das geld, produziert 6 gute tatorts pro jahr und kauft fuer den rest des jahres serien und filme von der bbc oder anderen sendern? filmredaktionen der ard und des zdf sind die faulsten im ganzen senderkomplex. dehbuecher, egal wie schlecht sie sind, werden schnell akzeptiert und fertig. das war frueher schon so und hat sich nie geaendert...
gersois 24.02.2017
4.
Zitat von virginiadie ard klopft woche fuer woche einen tatort raus. schlechte drehbuecher , langweilige produktionen. merkt eigentlich niemand in den redaktionen, dass die ganze tatortidee veraltet ist? warum nimmt man nicht das geld, produziert 6 gute tatorts pro jahr und kauft fuer den rest des jahres serien und filme von der bbc oder anderen sendern? filmredaktionen der ard und des zdf sind die faulsten im ganzen senderkomplex. dehbuecher, egal wie schlecht sie sind, werden schnell akzeptiert und fertig. das war frueher schon so und hat sich nie geaendert...
Nicht die Idee ist veraltet, sondern die Massenproduktion ist das Problem! So viele gute Ideen kann auch die ARD und ihre Degeto nicht haben, dass fast jede Woche ein guter Tatort erscheint. Dazu kommen noch die dauernden Wiederholungen alter Tatorte in den dritten Programmen. Da wird der Zuschauer einfach übersättigt. Außerdem sollte die ARD wieder mehr in gute Tontechnik investieren und weniger in die eintönige Filmmusik! Schließlich ist ein Tatort kein Stummfilm, sonder hat Dialoge, die der Zuschauer gen verstehen möchte.
Morpheus Nudge 24.02.2017
5.
Der Sinn einer ausführlichen Kritik vor der Ausstrahlung will sich mir nicht erschließen, aber ich muss sie ja nicht lesen, was ich auch nicht getan habe. Ich bin auch sonst skeptisch gegenüber Vorabwertungen, denn über Geschmack lässt sich nicht streiten. Oft genug hat mir subjektiv gefallen, was einem Kritiker subjektiv nicht gefallen hat.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.