Schweiz-"Tatort" über Sterbebegleitung Quatschen bis zum Exitus

Im Luzerner "Tatort" werden ein bisschen zu ausführlich Pro und Kontra zum Thema Sterbehilfe durchdebattiert - wie in einer Talkshow. Weil alles nichts nützt, wird auch noch Nietzsche zitiert.

ARD/ Daniel Winkler

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Jeder stirbt für sich allein? Nicht wirklich. Wer in der Schweiz Sterbebegleitung in Anspruch nimmt, wird nicht nur von einer Fachkraft in den Freitod begleitet, sondern auch noch von einer weiteren Person bei der Einnahme der tödlich wirkenden Substanz mit der Kamera aufgenommen. Aus rechtlichen Gründen.

"Kommt in unseren Safe", erklärt am Anfang des aktuellen Schweizer "Tatort" ein bisschen zu fröhlich eine Assistentin, als sie eine Kamera auf die Suizidwillige richtet - auf dass sich mit den Aufnahmen im Zweifelsfall beweisen lässt, dass die Person den Exitus eigenhändig herbeigeführt hat.

Der Tod und die Kamera: Die Szene zu Beginn kommt wie ein eigener kleiner Kommentar auf diesen Krimi daher, der im Wesentlichen aufgebaut ist wie eine Ausgabe von "Hart aber fair", wo ja in regelmäßigen Abständen der Debattendauerbrenner Sterbehilfe aufgegriffen wird. Die mediale Spiegelung samt aller Pro und Kontra ist in diesem "Tatort" stets präsent.

Zu Beginn der Folge wird nüchtern dargestellt, wie Mitglieder einer Organisation namens Transitus eine sehr alte, stark an Parkinson leidende Dame in den Tod begleiten. Noch in der Nacht wird eine der Helferinnen mit einer Plastiktüte erstickt, bei den anschließenden Untersuchungen treffen die Ermittler Paradebeispiele von Befürwortern und Gegnern der Sterbehilfe.

Und was sagt Nietzsche dazu?

Draußen vor den Räumlichkeiten von Transitus demonstrieren aufgebracht die "Lebensschützer" von einem Verein namens Pro Vita, die religiöse Motive gegen die unterstützenden Maßnahmen für den Freitod anführen. Kommissar Flückiger (Stefan Gubser) und Kollegin Ritschard (Delia Meyer) werden aber auch mit Todgeweihten konfrontiert, die in der Sterbebegleitung die einzige Möglichkeit sehen, ihrem als würdelos empfundenen Leben ein würdevolles Ende zu bereiten.

Argumente für und wider, wo man hinschaut. Und wenn gar nichts mehr geht, dann wird schnell noch aus Nietzsches "Also sprach Zarathustra"-Kapitel "Vom freien Tode" zitiert, wo der Philosoph ein Recht auf "edles Sterben" einfordert.

In der komplizierten ethischen, juristischen, medizinischen und, auch das, kulturgeschichtlichen Gemengelage kommt es beim frisch verliebten und deshalb am Leiden anderer gerade nicht so interessiertem Flückiger zu einigen flapsigen Übersprungshandlungen. Völlig überfordert, der Typ. Völlig menschlich.

So nörgelt der Kommissar den Chef von Transitus an, weil er sich in seinen Ermittlungen und vielleicht auch seinen Glücksgefühlen gestört fühlt: "Schon wieder eine Sterbegleitung. Muss das sein?" Antwortet der andere ruhig: "Krebs im letzten Stadium. Er reist extra aus Österreich an." Der Kommissar noch genervter: "Und das jetzt! Kann er nicht später kommen?" Antwortet der andere noch ruhiger: "Wie stellen Sie sich das vor? Es geht jetzt nicht, könnten Sie ein anderes Mal sterben?"

Solche gewagten Szenen des Egoismus und der Überforderungen bilden in dieser "Tatort"-Folge (Buch: Josy Meier, Regie: Sabine Boss) kleine starke Kontrapunkte zu der Bemühung, möglichst alle Postitionen abzubilden. Meinungsparität als Erzählprinzip, schwierig.

Überhaupt: Erstaunlich, wie hilflos der deutsche Fernsehfilm sich insgesamt in Sachen Sterbehilfe präsentiert, wie schlicht das Thema immer wieder angegangen wird - von dem Schöner-Sterben-Bilderbogen "Die Auslöschung" mit Klaus Maria Brandauer, in dem mit geigengesättigter Überwältigungsrhetorik die Selbstauslöschung gefeiert wurde, bis zur Giftspritzengroteske "Komm, schöner Tod", in dem das Thema Sterbehilfe seine Entfesselung in einem zynischen Massentötungsprozess findet. Mit Schönfärberei oder Schwarzmalerei ist bei diesem schwierigen Stoff aber niemandem gedient.

Das mögen auch die Verantwortlichen dieses "Tatorts" gedacht haben - die beim Zusammentragen aller Pro und Kontra ganz vergessen haben, wie sie eigentlich selbst zu dem Thema stehen. Ohne eigene Haltung geht es dann eben auch nicht, Quatschen bis zum Exitus funktioniert als Erzählstrategie nicht. Ein "Tatort" ist leider doch keine Talkshow.

Bewertung: 5 von 10 Punkten


"Tatort: Freitod", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
hartmannulrich 16.09.2016
1.
Gemeint ist Beihilfe zum Suizid, nicht Sterbebegleitung, wie sie etwa durch Hospizdienste geschieht. Wie die Wörter wohl auf Schweizerdeutsch klingen? Leider wird dieser Tatort bei uns synchronisiert ausgestrahlt werden, weshalb ich ihn mir bestimmt nicht anschauen werde.
Dramaturgenfrau 16.09.2016
2. Der schweizer Tatort -
- immer schon, mit einem Wort: tod- und sterbenslangweilig! Typisches ARD-Proporzgedöns. Fast so schlimm wie der todlangweilige Proporz-Tatort mit Ulrike Folkerts, der nur noch der Bereicherung alteingesessener Gebührenabgreifer dient. Erschreckendes Beispiel für sinnloses Fernsehen. So gräbt man sich, um im Bilde zu bleiben, selbst das Grab.
maxheadroom1900 17.09.2016
3. Braucht es nicht
Die Tatorte aus der Schweiz waren schon immer "totlangweilig". Vielleicht gibt es zum Sendezeitpunkt ja irgendwo ein drittklassiges Quiz, das wäre dann eine Topalternative :-) !
apropos48 18.09.2016
4. Ein No Go
für mich. Siuzid mit oder ohne Begleitung ist für sich allein schon heftiger Stoff, dann noch gepaart mit einem Mord - nein. Zum ersten Mal (!)) weiß ich bereits vorher, dass ich diesen Tatort nicht sehen werde.
salamicus 18.09.2016
5. Totgequatscht?
Nein, finde ich überhaupt nicht. Kein Actionfeuerwerk, zum Glück nicht. Ein leiserer, dem Thema angemessener Film, der trotzdem Tempo zulegen konnte, wenn es nötig war. Kurz: ich habe schon erheblich schlechtere und langatmigere Tatort/Polizeiruf 110-Folgen gesehen.
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