Prostitutions-"Tatort" aus München Raubtiere im Rotlichtkapitalismus

Zum 25-Jährigen gibts kalten Kaffee: Die "Tatort"-Ermittler Batic und Leitmayr feiern ein besonders trauriges, besonders wütendes Dienstjubiläum und steigen in die Elendszonen des Münchner Rotlichtmilieus hinab.

BR/ Regina Recht

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Es gibt ja den Glauben, dass das Elend mit der Prostitution in den Griff zu bekommen sei, wenn nur die Verwaltung stimmt. Dieser Münchner "Tatort" streift nun die ordnungspolitischen Paradoxien rund um das Sexgewerbe in der bayerischen Hauptstadt. Dort kann sich zwar jede Frau, die in einem Laufhaus oder Bordell anschaffen geht, bei der Polizei registrieren und beraten lassen - Schutz genießt sie trotzdem nur wenig.

Eine junge Prostituierte aus Bukarest wurde misshandelt und erwürgt, ihre Freundin und Kollegin ist untergetaucht. Zwei- oder Dreitausend dieser Frauen, so erklärt Kommissar Ivo Batic (Miroslav Nemec) dem Kollegen Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), kommen jedes Jahr in die Stadt. Eine Registrierung in München nütze ihnen aber wenig, denn nach kurzer Zeit ginge es dann sowieso weiter - "auf Europa-Tournee". Weil ihm das dann wohl doch zu glamourös klingt, präzisiert Batic: "Zehn Jahre lang, jeden Tag ficken."

Und wer ist schuld daran? Die alten Wölfe des örtlichen Rotlichtmilieus geben sich lammzahm und verstehen sich als seriöse Mittler eines global vernetzten, legal operierenden Wirtschaftszweigs. Oder wie es der Zuhälterveteran Harry Schneider (Robert Palfrader), der das Laufhaus führt, in dem das Mordopfer gearbeitet hat, zu erklären versucht: "Wenn es Probleme gibt, dann ruft das Mädchen ihren Manager in Bukarest an."

Für Harry, den zum Immobilienverwalter umgesattelten Ex-Luden, existiert im Sexgewerbe der Gegenwart eine klare Aufgabenteilung: "Wir vermieten bloß." Die Prostituierten seien "freie Unternehmerinnen". Und die Zuhälter, die sie im fernen Bukarest per Computer durch ganz Europa lenken, sind nach dieser Logik eben Geschäftspartner. Alles ganz sauber. Freie Marktwirtschaft im Rotlichtmilieu: Mord ist da lediglich die Folge eines Managementfehlers.

Hinab in die Elendszonen des Gewerbes

Einige der besten "Tatorte" der letzten Jahre behandelten das Thema Prostitution. In Sabine Derflingers Grimmepreis-gekrönter Folge "Angezählt" vor drei Jahren etwa ging es um Discounter-Sex im bulgarisch-türkischen Umfeld von Wien. Und Max Färberböck erzählte 2014 in seinem Münchner "Tatort"-Meisterwerk "Am Ende des Flurs" von einer Edelprostituierten und den männlichen Projektionsmechanismen, die diese auslöst.

Nun ist Regisseur und Autor Färberböck für einen weiteren Münchner "Tatort" (Co-Autorin: Catharina Schuchmann) in die Elendszonen des Gewerbes hinabgestiegen. Doch auch wenn er plausibel die brutalen sozioökonomischen Abhängigkeiten im Rotlichtraubtierkapitalismus aufzeigt - der Episode "Mia san jetz da wo's weh tut" fehlt die psychologische Wucht von Färberböcks erstem Prostitutions-"Tatort".

Lobenswert, dass die Handlung um die rumänische Prostituierte Mia Petrescu (Mercedes Müller) aufgebaut ist; dass die junge Frau auf der Flucht eine Stimme erhält. Bei einem Wäscherei-Gehilfen (Max von der Groeben) findet sie Unterschlupf, die beiden entwickeln romantische Gefühle, sie nehmen sogar den Kampf gegen Mias Peiniger auf. Gegen jede Chance, versteht sich.

Kalter Espresso im Pappbecher

Und, so muss man leider hinzufügen, auch gegen jede erzählerische Plausibilität. Löcher in dem in der Rahmhandlung integrierten Missbrauchs-, Liebes- und Rachedrama werden mit Songs von The National oder Rodriguez gestopft. Die lieben wir natürlich auch, aber sie verkleistern den eigentlich präzisen Prostitutionsreport.

Der Einsatz von Batic und Leitmayr wird dadurch nicht geschmälert. Die beiden alten Jungs feiern mit dieser Folge ihr 25-jähriges Dienstjubiläum. Im Film wird ihnen aus diesem Anlass von einem Kollegen ein kalter Espresso im Pappbecher serviert. In einem Interview haben die Kommissardarsteller Nemec und Wachtveitl gerade gegen die immer schwierigeren Produktionsbedingungen beim "Tatort" gewettert; ihre Ermittlerfiguren werden nun - Zufall oder auch nicht - von einer ungeheuren Wut auf die Zustände getrieben. Mia san jetzt wirklich da, wo's weh tut.

Wenn Batic den Luden an den Kragen geht, hat man Angst, ihm würden vor Abscheu gleich die Augen aus dem Gesicht springen, Leitmayr versuchts mit mürrischen Witzen. Die Dynamik zwischen den beiden ist unkaputtbar. Trotz widriger Umstände in der Handlung wie beim Dreh: Batic und Leitmayr müssen weitermachen, sie werden gebraucht.

Bewertung: 5 von 10 Punkten

"Tatort: Mia san jetzt da, wo's weh tut", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
DerZauberer 01.04.2016
1.
Man erkläre mir mal, wie es nach diesem sehr positiven Review am Ende zu nur 5/10 Punkten kommt. Was fehlt, was passt nicht, warum die Abstriche? Der Text liest sich wie eine 9.
Augustusrex 01.04.2016
2. Immer gut
Batic und Leitmayr sind immer gut, selbst wenn der Film es in seltenen Fällen nicht sein sollte.
cafe-wien 02.04.2016
3. Der Problembär
Zitat von DerZaubererMan erkläre mir mal, wie es nach diesem sehr positiven Review am Ende zu nur 5/10 Punkten kommt. Was fehlt, was passt nicht, warum die Abstriche? Der Text liest sich wie eine 9.
Wie wir hier schon des öfteren feststellen mussten, schaut sich Christian Buß die Tatorte nur in Ausschnitten und nebenher an, während er hauptsächlich irgendeiner anderen Beschäftigung nachgeht (Stichwort "Second Screen"). So kann er, wie vor kurzem hier geschehen, Dialoge nicht mehr den richtigen Akteuren zuordnen. Und so kommt es dann zu teilweise aberwitzigen Kritiken, die keine Fundierung in der Realität mehr haben. Christian Buß bekommt aus unerklärlichen Gründen für seine Nachlässigkeiten, Oberflächlichkeiten und Falschinterpretationen trotzdem Geld von SPON. Keiner weiß, warum. Die hybride Punktevergabe wiederum ist so beliebig wie die Zensurenvergabe in der Schule und an der Uni: Da würfelt Christian Buß.
Dramaturgenfrau 02.04.2016
4. Samstagabend, 21:00 Uhr...
... Noch immer liegt das doppelte Gemoppelte, der "Schnellcheck" zu diesem Tatort nicht vor. Was ist los mit Lari Fari Buß? Die ergreifendste Szene, der schlimmste Satz, wie blutig ist der Tatort... Herr Buß: Tun Sie was für Ihr Geld!
Adlatus 03.04.2016
5. Die Krimis sind aber meist überdurchschnittlich gut.
Zitat von AugustusrexBatic und Leitmayr sind immer gut, selbst wenn der Film es in seltenen Fällen nicht sein sollte.
Stimmt und die Vorkritiken sind hervorragend. Die Punkebewertung ist ein Witz, ach ich verstehe, gute Tatorte mit deutlich Sozialkritik an bösen -Immobilienmaklern -Baulöwen -Miethaien -Großschlachter -bösen Oberbossen deutscher Nationalität von ausländischen Rauschgiftdealern (ein Treppenwitz) usw. werden nur von den Rotfunksendern im Norden produziert. Alles böse kommt aus Bayern für unsere lieben "Fischköppe" von der Waterkant. Ich mag sie, die gelebte deutsch-kroatische Männerfreundschaft zwischen Batic und Leitmayr. Und wenn Färberböck Regie führt, ist dies schon ein Blankoscheck für einen guten Krimi!
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