Serienkiller-"Tatort" aus München Liebe, abgeschlachtet

Ein sadistischer Mörder, ein eskalierender Gefangenentransport, zwei ruinierte Kommissare: Der München-"Tatort" ist ein Serienkillerthriller - mit einem Plädoyer für die etwas andere Liebe.

BR/ Hagen Keller

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Ganz unerwartet gibt es in diesem nachtschwarzen, blutverkrusteten, leichensatten "Tatort" eine Liebesszene. Eifersucht, Sinnfrage, Zugehörigkeitsbekenntnis, alles steckt in dieser Szene drin, das ganze große Beziehungstheater. Aufgeführt wird es von Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) in einem Krankenhauszimmer. Batic liegt mit gebrochenen Knochen im Bett, Leitmayr steht mit gebrochenem Herzen davor.

Im Vorfeld dieser Szene gab es Tote, die das Ermittler-Ego erschütterten, und Alleingänge, die das Vertrauen in den Partner untergruben. Bei einem Gefangenentransport eskalierte die Lage, der Gefangene ist tot, zwei Wachleute sind es ebenfalls, der Hergang lässt sich nicht genau konstruieren, möglicherweise hatte Batic, bevor er schwer verletzt wurde, nicht ganz korrekt agiert. Dann diese Szene einer Ermittlerehe, dieser Dialog der Verzweiflung und der Hingabe:

Batic: "Unser Beruf ist ein einziger großer Fehler. Keine Frau, kein Leben, der Tod ist unser ganzes Leben."

Leitmayr: "Was ist mit uns, was ist mit mir? Wenn es sein muss, schieb ich Dich im Rollstuhl zum nächsten Tatort."

Das muss Liebe sein. Und diese Liebe zwischen Batic und Leitmayr wird dringend gebraucht in diesem Serienkillerthriller, der die Fortsetzung das nihilistischen "Tatort"-Stücks "Die Wahrheit" aus dem Oktober 2016 ist. Damals stellten Batic und Leitmayr auf der Suche nach dem Täter halb München auf den Kopf und verloren sich doch immer tiefer in falschen Hoffnungen und falschen Spuren, um schließlich in einer Karaoke-Bar zu Metallicas "Nothing Else Matters" ihren Frust und ihren Schmerz zu ersaufen.. Die Episode läuft an diesem Freitag als Wiederholung im Ersten.

Mord als letzter Akt der Freiheit?

Die Fortsetzung "Der Tod ist unser ganzes Leben" greift nun die Stimmung der Ohnmacht auf und potenziert sie sogar noch: Ein Jahr ist seit dem ersten Mord vergangen, in der Zwischenzeit haben Batic und Leitmayr den Täter gefunden. Glücklich sind sie trotzdem nicht. Gleich am Anfang lernt der Zuschauer diesen Täter kennen, einen kleinen verbiesterten Museumswärter, der seine Morde als Zahlenspiele ausführt. Ein Mann ohne Eigenschaften, ein Mann ohne Leidenschaften, der die Kommissare in pseudophilosophische Gespräche verstrickt, in denen er sie vom Morden als letzten ultimativen Akt der Freiheit überzeugen will.

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Der Schauspieler Gerhard Liebmann verkörpert den Serienkiller mit dem sadistischen Knautschgesicht von Kevin Spacey in "Se7en" und mit der manipulativen Flüsterstimme von Anthony Hopkins in "Das Schweigen der Lämmer". Auch die Filmemacher (Buch: Holger Joos und Erol Yesilkaya, Regie: Philip Koch) zitieren reichlich aus der Filmgeschichte - von den Perspektivwechseln in "Rashomon" bis zur Eskalationsmechanik in "Reservoir Dogs". Trotzdem bleibt der Film etwas hinter dem Vorgänger zurück.

So zwingend in "Die Wahrheit" sämtliche Ermittlungspannen in Szene gesetzt wurden, so lapidar wird in "Der Tod ist unser ganzes Leben" nun nachträglich die Lösung präsentiert. Im Verlauf des Krimis gibt es einfach zu viele Zufälle und wundersame Fügungen. Die sind zwar immer formvollendet in die Handlung gewoben, nehmen dem Shoot-out während des Gefangenentransports aber die Dynamik.

Davon unberührt bleibt der paartherapeutische Aspekt für Batic und Leitmayr, die nach dieser Prüfung vor der Frage stehen, ob sie es noch einmal miteinander probieren sollen, obwohl sich da doch so viel Frust und Misstrauen zwischen ihnen aufgestaut hat.

Schon in drei Wochen, das haben sich die Redakteure des Bayerischen Rundfunks wohl auch anders vorgestellt, sind Batic und Leitmayr wieder in einer neuen Folge unterwegs, auf einmal wieder ganz happy. Es geht dann um Polyamorie, also um ein gepflegtes Jeder-mit-Jedem, an dem zum Teil auch in heiterer Stimmung und mit heruntergelassener Hose die beiden Polizisten teilhaben.

Da gibt es endlich viel, viel, vielleicht zu viel Liebe für Batic und Leitmayr. Aber auch wieder viele, viele, auf jeden Fall zu viele Leichen. Der Tod bleibt nun mal ihr Leben.

Bewertung: 7 von 10 Punkten


"Tatort: Der Tod ist unser ganzes Leben", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD
"Tatort: Die Wahrheit" (Wiederholung), Freitag, 22 Uhr, ARD



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
wi_hartmann@t-online.de 28.04.2017
1. Tatort München
Die beiden alten Grauköpfe wären im Polizeialltag schon lange in denverdienten Ruhestand. Nur im Staatlichen Fernsehen spielen diese Darsteller aufgrundbestehender Verträge auch mit 7o Jahren noch Polizeikommissar. Vielleicht noch in einer Comicshow als Groteske unterzubringen.
mundusvultdecipi 28.04.2017
2. Na ja,die..
Zitat von wi_hartmann@t-online.deDie beiden alten Grauköpfe wären im Polizeialltag schon lange in denverdienten Ruhestand. Nur im Staatlichen Fernsehen spielen diese Darsteller aufgrundbestehender Verträge auch mit 7o Jahren noch Polizeikommissar. Vielleicht noch in einer Comicshow als Groteske unterzubringen.
..Herren aus Münster spielen ja heute schon den Tatort als Comicshow.
i.dietz 28.04.2017
3. Ich
Zitat von mundusvultdecipi..Herren aus Münster spielen ja heute schon den Tatort als Comicshow.
jedenfalls liebe die Münsteraner Tatorte ! "Faber" dagegen ist eine Zumutung !
roenga 28.04.2017
4.
Zitat von wi_hartmann@t-online.deDie beiden alten Grauköpfe wären im Polizeialltag schon lange in denverdienten Ruhestand. Nur im Staatlichen Fernsehen spielen diese Darsteller aufgrundbestehender Verträge auch mit 7o Jahren noch Polizeikommissar. Vielleicht noch in einer Comicshow als Groteske unterzubringen.
Nemec ist 62, Wachtveitl 58 Jahre alt. Beide wären im wahren Polizistenleben noch einige Jahre von der Pension entfernt. Erst googeln, dann g'scheit daherredn'
matteo51 28.04.2017
5.
ist und bleibt höchstwahrscheinlich mein lieblingsteam:) - ich freu mich schon - auf Subversives und Paartherapeutisches:):) und: auf München..die schön ausschaut, aber unter der zuckerschicht.....
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