ARD-Sonntagskrimi Der München-"Tatort" im Schnellcheck

Zwischen Pornoexzess und Bausparvertrag: Die Münchner "Tatort"-Ermittler werden mit Akkordarbeit und Karriereplanung im hochbeschleunigten Sexfilmgewerbe konfrontiert.

BR/ Hagen Keller

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Das Szenario:

Ein Kinderplanschbecken, zwei Frauen, 26 Männer: Nach dem Dreh einer Massensexszene durch einen Möchtegern-Sexfilmproduzenten bleiben ein paar Liter männliche Ausscheidungen und eine tote Darstellerin zurück. Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) ermitteln in den unteren Regionen der Pornoindustrie, die sich angesichts der Kostenloskultur im Netz immer neue Kopulationssuperlative einfallen lassen muss.

Der gesellschaftspolitische Auftrag:

Aufzuzeigen, dass Pornographie durch das Internet zwar immer nur einen Klick entfernt ist, dass der Mensch zum Großteil aber immer noch nicht den Umgang mit ihr gelernt hat. Porno ist hier das Phänomen einer hyperaggressiven Marktwirtschaft, die den Menschen immer wieder überfordert. Die Stimulanzspirale wird immer weiter gedreht, die Arbeitsverhältnisse werden immer prekärer.

Die heitere Erkenntnis:

Pornoexzess und Bausparvertrag liegen dicht zusammen. Beim Warmfummeln für eine Dreierszene fachsimpeln zwei junge Stenze abseits des Sets über Geldanlagen, Käsebrötchen in der einen Hand, Genital in der anderen.

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Fotostrecke: Alle "Tatort"-Teams im Überblick

Die bittere Wahrheit:

Jede Pornodarstellerin ist auch die Tochter eines Vaters. Der ist in diesem Fall Staatsanwalt und wird durch seinen Beruf auf grausame Weise mit ermittlungstechnischen Details konfrontiert: Die DNA-Analyse bei der Leiche gestaltet sich schwierig, da im Magen das Sperma von 20 Männern gefunden wird.

Der Plausibilitätsfaktor:

Sehr hoch. Die prekären Teile der Arbeitswelt Porno werden samt all ihrer massiven Diversifizierungs- und Optimierungsbewegungen gezeigt. Trotzdem sind alle Hauptfiguren mit ihrer komplexen Psychologie mehr als Abziehbilder von Akkordrammlern.

Die Bewertung:

9 von 10 Punkten. Der Film ist explizit und nüchtern, aber niemals voyeuristisch und zynisch. Ein Muss-"Tatort" über eines der wichtigsten Phänomene unserer Zeit.

Die ausführliche Analyse:

Lesen Sie bitte hier weiter!


"Tatort: Hardcore", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 10 Beiträge
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Juro vom Koselbruch 08.10.2017
1. Die TV-Krimis wurden ...
... nicht zuletzt auch deshalb so populär, weil sie bisweilen zwischen den Zeilen und manchmal auch sehr realitätsnah Gesellschjaftskritik einfließen lassen oder ansprechen. Bin gespannt, wie der Krimi anzusehen ist. Vorweg kann schon gesagt werden, dass die Pornoindustrie für die Sexarbeiter/innen lebensgefährlich ist. Sie haben ein deutliches Risiko, sich mit HIV zu infizieren und an AIDS zu erkranken. Die AIDS-Tests sind nicht sicher, da sie ein Zeitfenster der Unsicherheit haben. Sie suchen nicht die HIV-Erreger, sondern reagieren auf die Antikörper, die sich nach einer Infektion mit HIV-Erregern bilden. Diese Antikörper brauchen aber eine gewisse Zeit, um sich zu bilden. So kann ein/e Sexarbeiter/in einen HIV-Test mit dem "Ergebnis" haben, dass er/sie nicht infiziert wäre, obwohl er/sie es doch ist. Es haben sich nur noch keine Antikörper gebildet. Die Darsteller/innen haben dann im der Pornoproduktion ungeschützten Geschlechtsverkehr, auch mit vielfach wechselnden Partenern/Partnerinnen und können sich oder andere infizieren. Dieses Zeitfenster kann etwa bis zu drei Monaten betragen. Genaue Auskünfte gibt hierüber auch anonym telefonisch die AIDS-Beratung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln. Man kann auch im Internet auf ihrer Homepage Informationen finden. Der Betrachter der kostenlosen Pornoseiten unterstützt und fördert die Pornoproduktion. Er selbst zahlt zwar nichts, aber für jede auch wiederholte Einblendung entsprechender zahlreicher Werbeanimationen für den Betrachter auf diesen Seiten und ihrer Unterseiten zahlt der Werbetreibende an den Betreiber der Seite und finanziert so die Pornoproduktion. Es reicht, wenn die Animation nach den Klicks auf die Seiten und ihren Unterseiten eingeblendet wird und gesehen werden kann (Pay per view). Ohne Klick nix los.
thd1958 08.10.2017
2. ... und wieder eine ...
... positive Kritik für diesen Münchener Tatort, den ich sicher nicht verpassen werde. Oder ich schau mir den in der Mediathek demnächst an. Bin mal gespannt auf die Quote. Danke, Christian Buß.
LapOfGods 08.10.2017
3. Der wäre sehr gut gewesen ....
.... wenn er nicht so eine hanebüchene Lösung gehabt hätte.
Grammatikfreund 08.10.2017
4. 9 Punkte?
Im Ernst? Ich hätte maximal 4 gegeben. Drei für die komödiantische Leistung der Ermittler und einen für die Verbesserung meiner Allgemeinbildung. ATM kannte ich beispielsweise bisher nur als Geldautomat. Spannend war diese Milieustudie im Krimipelz null, denn mir war beim ersten Auftritt des Täters klar, dass er es gewesen war. Wer denn sonst? Passte perfekt zur verquasten Moral der Öffentlich-Rechtlichen.
garfield53 09.10.2017
5. mmm
Hätten die einschlägigen "Zündler" der selbsternannten medialen "Keuchheitsfront" nicht Millimeterschnipsel so aufgebauscht, "Empörung" oder kostenlose Werbung für die ARD, wären die entsprechenden Szenen in der teilweise chaotischen Dramaturgie regelrecht untergegangen. Und die organisierten, medial hochgekochten Szenen sind in dieser scheinheiligen Gesellschaft täglich erreichbar, greifbar, sehbar, ohne das sich unser "Sittenwächter" aus dem Hause "Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht" aufregt. Also doch Werbung für das senile Theater zweier "alter" Männer, welcher überraschenderweise noch nicht der Generationenselektion zum Opfer gefallen sind. Übrigens, was soll das Theater überhaupt, darf kein Film mehr gesendet werden, welche auch nur in die Nähe der täglichen Realität kommt, der gesellschaftlichen Scheinheiligkeit der Biedermänner die sprichwörtliche Maske entfernt? Die Gesellschaft ist moralisch verkommen, auch Dank der Medien welche sich darüber aufregen und je größer die mediale und religiöse Scheinheiligkeit sich gebärdet, ignoriert es, ihr werdet alle nur von den wirklichen Problemen im Land abgelenkt!.
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