Tango-"Tatort" aus Münster Fix und Foxtrott

Thiels Vadder schluckt Zauberpilze, Boerne schwoft wie auf Eierlikör: Der Tanzschul-"Tatort" zeigt, welch humoristisches Potenzial das Münster-Team hat - um es gleich wieder zu verspielen.

WDR/ Martin Menke

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Hobbybierbrauer, Drogenfreunde und Freizeitvolkskundler, aufgepasst! Am Anfang dieser Episode um magische Pilze und abgetrennte Füße gibt es einen denkwürdigen Dialog, der zeigt, welch kranker, kultivierter Irrsinn in dem Münsteraner "Tatort" stecken könnte, wenn da nicht ständig jemand auf die Bremse treten würde.

In einem Wald bei Münster wird eine Frauenleiche gefunden, Kommissar Thiel (Axel Prahl) trifft mit seinem Taxi fahrenden Hippie-Vater (Claus D. Clausnitzer) als Erster vor Ort ein, kurz darauf erscheint auch Gerichtsmedizinerin Silke "Alberich" Haller (Christine Urspruch). Da hat Thiels Vadder ("Geile Ecke!") bereits ordentlich Pilze eingesammelt, die halluzinogene Wirkung entfalten sollen und in der Nähe verwesender Körperteile offensichtlich besonders fröhlich aus dem Boden sprießen. Die Warnung der Medizinerin, er solle vorsichtig sein beim Konsum, schlägt er in den Wind.

Vadder bildungsbeflissen: "So giftig sind die gar nicht. Die alten Germanen haben ihren Met damit aufgemotzt." Alberich nachdenklich: "Was wohl die rechtspsychedelische Mythologie erklärt." Vadder noch bildungsbeflissener: "Und die Eingeborenen in Sibirien trinken den Urin ihres Schamanen, nachdem der Fliegenpilze konsumiert hat. Dann bleiben die Nebenwirkungen aus." Alberich noch nachdenklicher: "Aber wo findet man hierzulande noch einen Schamanen."

Die rauschphilosophischen Einlassungen in diesem "Tatort" zeigen, dass die Stammautoren Stefan Cantz und Jan Hinter offensichtlich durchaus über einen starken, trockenen Humor verfügen. Allerdings: Fast der ganze Rest der Folge wirkt wie auf Eierlikör geschrieben und gefilmt.

Boerne gibt den Travolta

Die verweste Frauenleiche und ein abgetrennter Männerfuß, der neben der Toten gefunden wird, führt die Ermittler zum - "Footloose", fußlos, hihi - Tanzsportkreis Münster. Da Rechtsmediziner Boerne (Jan Josef Liefers) für die Aussicht auf ein Bundesverdienstkreuz der Staatsanwältin Klemm (Mechthild Grossmann) versprochen hat, mit ihr einen Tangokurs zu absolvieren, unternimmt er eigenhändig Nachforschungen. Unvermeidlicher Gag: In der Umkleide gibt Boerne unter der Überwachungskamera im Disco-Outfit den Travolta.

Allen Bemühungen (Regie: Thomas Jauch) zum Trotz schlägt der Humor auch in diesem "Tatort" keine Pirouetten. Der Quote wird das wieder nicht schaden, stetig legen die Münster-Ermittler Boerne und Thiel die Latte höher. Egal, ob sie sich durch eine Klinik mit psychisch Kranken albern, oder ob sie als schwules Pärchen die Fahne für die Homo-Ehe hochhalten. Was in der "Einer flog übers Kuckucksnest"-Variante ebenso wie am "Charleys Tante"-Aufguss nervte: Wie hier Blödsinn und Brisantes vermischt wurden.

Nichts gegen politisch unkorrekten Klamauk - im letzten "Tatort" aus Weimar etwa wurde mit hoch entwickeltem Sinn für das Groteske über die ewig scheiternden Suizidversuche eines depressiven Stahlkochers erzählt. Im "Tatort" aus Münster ist in den Tango- und Foxtrott-Ulk nun die Figur eines depressiven Afghanistan-Heimkehrers eingebaut. Weshalb, bleibt das Geheimnis der Autoren. Das Trauma des Kriegsversehrten wird weder kritisch noch tragikomisch ausgewertet. Der Humor bleibt banal.

Zu diesem Aspekt gibt es dann am Ende einen zweiten denkwürdigen Dialog. Boerne und Thiel lassen zur Täterermittlung einen DNA-Test bei den männlichen Mitgliedern des Tanzsportkreises durchführen. Boerne flötet: Man dürfe aus religiösen, moralischen oder hygienischen Bedenken ablehnen, "ansonsten kommen Sie her, kommen Sie ran, wer nicht mitmacht, ist kein Mann." Thiel murrt: "Gehts vielleicht auch mit etwas weniger Klamauk?" Boerne flötet: "Dann müssen Sie sich einen anderen Rechtsmediziner suchen!"

Gar nicht nötig. Klamauk kann auch eine Kunst sein, und Jan Josef Liefers beherrscht diese Kunst durchaus, wie er in den geglückteren Münster-"Tatorten" bewiesen hat. Man müsste den Witz, tschuldigung, eben nur ernst nehmen, damit er zündet. Oder wie Staatsanwältin Klemm fordert, als sie den Mann beim Tango übers Parkett dirigiert: "Konzentration, Señor Boerne!"

Bewertung: 4 von 10 Punkten


"Tatort: Ein Fuß kommt selten allein", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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Hilfskraft 06.05.2016
1. gibt ...
... gibt es eine Steigerunsform für "affig"? Ich versuche es mal. Affig, affiger, am affigsten, Tatort.
ancoats 06.05.2016
2.
Ach, mal nicht so schmallippig, Herr Buß. In der weitgehend humor- sowie ironiebefreiten Zone, die das deutsche Fernsehen im allgemeinen, und spezial der Tatort, mindestens in seiner belehrend-moralischen Variante, nunmal ist, freut sich der gemeine Zuschauer schon über so Kleinigkeiten wie Münster, Thiel und Börne. Wir haben ja sonst nicht viel...
mamuesp 06.05.2016
3. ... der muss gut sein ...
... Herr Buß vergibt 4 von 10 Punkten ... Daumen hoch!
Erkläromat 06.05.2016
4. Den schaue ich mir an
Nachdem Herr Buß sich (zumindest für mich) immer wieder als verlässlicher Kontraindikator erwiesen hat, könnte der Tatort ja mal wieder gut werden.
peter0pf9 06.05.2016
5. Ich freu mich drauf!
Je mehr der Tatort von Kulturwissenschaftlern und Reality checkern des Spiegel verrissen wurde, desto besser hat er mir in letzter Zeit gefallen!
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