"Tatort" als Gay-Klamauk Münster macht auf schwul

Der schwule Erbonkel aus Florida kommt zu Besuch. Professor Boerne und Kommissar Thiel geben sich als Homo-Ehepaar aus. Der Münster-"Tatort" als umgekrempelte Variante von "Charleys Tante" - scheußlich.

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Manchmal ist der Münster-"Tatort" richtig gut. Dann gelingt es den Verantwortlichen, die aberwitzigsten Verbindungen von der kleinen westfälischen Metropole in die Weite der Welt und in die Tiefe der Geschichte herzustellen. Oft ist der Münster-"Tatort" aber auch richtig schlecht. Dann sondern die Verantwortlichen einen schrägen Einfall nach dem anderen ab und schaffen es nicht mal, irgendeine Verbindung zwischen diesen Einfällen herzustellen.

Ein bisschen erinnert die Erzähltechnik in den schlechten Momenten an einen müden Vater, der als Gute-Nacht-Geschichte Sinnfreies über Piraten und Seeungeheuer absondert, damit die Gören endlich Ruhe geben und ihre überschüssige Energie in die Kissen schnarchen. Ödestes öffentlich-rechtliches Seemannsgarn.

Der neue "Tatort" mit Kommissar Thiel (Axel Prahl) und Professor Boerne (Jan Josef Liefers) ist wieder ein schlechter. Ein extrem schlechter. Papa ist sehr müde! Beziehungsweise: Der Onkel ist sehr müde! Dazu gleich mehr.

Und das Seemannsgarn geht so: Auf einem untergegangenen Zweimastschoner vor Kuba lagerten tief unter Wasser Champagnerflaschen aus dem Jahr 1829. Da das Schiff in der Drei-Meilen-Zone untergegangen ist, gehörten die Flaschen im Gesamtwert von rund 300.000 Dollar eigentlich dem sozialistischen Land. Ein Taucher aber krallte sich den antiken Schampus und versuchte, ihn illegal zu verticken. In Münster, ausgerechnet.

"Süß seid ihr miteinander!"

Der Taucher ist der schwule, in Florida lebende Erbonkel von Professor Boerne, und die 300.000 Dollar wollte er eigentlich für die eigene Krebsbehandlung ausgeben. Aber bei dem Champagner-Deal ist der junge brasilianische Lover des schwulen Erbonkels ermordet worden. Und dieser brasilianische Erbonkel-Lover wuchs in einem Waisenhaus in Rio de Janeiro auf, das von der Münsteraner Honoratiorenvereinigung "Der Blaue Kreis" unterstützt wird.

Das alles erzählt der schwule Erbonkel nun irgendwann malad und ein bisschen nostalgisch seinem Neffen Boerne und dessen Kollegen Thiel: "Wer bringt denn so einen tollen jungen Mann um?" Man möchte hinzufügen: Und welcher noch so schwule alte Mann sagt denn solche Sätze?

Der Onkel hält die beiden Ermittler übrigens für ein schwules Paar, weil Neffe Boerne dem "bekennenden Homosexuellen" vorgegaukelt hat, er sei selbst schwul und mit dem Kommissar verheiratet. So will er im Erb-Ranking an die Spitze rücken. Und so zwickt der Onkel aus Florida die beiden Ermittler denn auch bald entzückt in die Backen, zwitschert "süß seid ihr miteinander!" und lässt auch sonst nichts aus, was ein WDR-Redakteur wohl im allgemeinen für Primetime-taugliche schwule Umgangsformen hält.

"Tatort" trifft "Traumhotel"

Kurz: Dieser "Tatort" ist wirklich eine zähe, erratische, unsympathische Angelegenheit. Regie führte Kaspar Heidelbach, das Drehbuch lieferten Stefan Cantz und Jan Hinter, allesamt angestammte WDR-Kräfte. Zusammen hatten die drei auch schon den Roland-Kaiser-"Tatort" "Summ summ summ" gedreht.

Auch bei der neuen Episode reiht sich nun eine verrückte Idee an die nächste, aber nichts passt zusammen. Und auch wenn die Darsteller Liefers und Prahl, großes Lob immerhin dafür, allzu tuckiges Verhalten vermeiden, geht diese umgekrempelte Version von "Charleys Tante" an keiner Stelle auf.

Bedingt glaubhaft ist eigentlich nur einer: Christian Kohlund als schwuler Erbonkel. Das liegt allerdings weniger an seinem Spiel, als vielmehr daran, dass sich der ARD-Schmonzettenkönig über viele Jahre in der Tourismus-Seifenoper "Traumhotel" an ungezählten Traumständen durchbrutzeln ließ, sodass er nun zumindest vom Teint her einen guten, alten, sonnengegerbten Florida-Boy mit Silberbart abgibt.

Ansonsten gilt für seine Performance, was eben auch für jede Folge "Traumhotel" und viele "Tatorte" aus Münster gilt: mieseste Rundfunkbeitrags-Berieselung.


"Tatort: Erkläre Chimäre", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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insgesamt 102 Beiträge
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Seite 1
HmmTss 29.05.2015
1. Nicht nur der Tatort
Manchmal erinnert auch SPON an einen sehr müden Vater, der den armen Kindern nichts anderes zu erzählen hat, als dass andere müde Väter ihren Kindern auch sinnfreie Piratengeschichten erzählen. Und weil dieser müde Vater sich nicht einmal eigene Piratengeschichten ausdenken kann, rezitiert er einfach die anderen schlechten Geschichten mit erhobenem Zeigefinger. Dies geschieht immer dann, wenn es nichts zu berichten gibt, man aber trotzdem etwas berichten muss.
Gidorah 29.05.2015
2.
Ich bin Münster-Fan und offensichtlich wird das ein Knaller!! Ich freu mich drauf!
rambleon 29.05.2015
3. Ja, ja
Homosexualität scheint ein profitables Geschäftsmodell zu sein. Geradezu inflationär. Und nein: ich leide unter keiner therapiebedürftiger Phobie.
Georg_Alexander 29.05.2015
4. Wunderbar!
Bei SPON verrissen - das muss ein guter Tatort sein :-D (Leider gilt diese Regel auch umgekehrt.)
Bueckstueck 29.05.2015
5.
Zitat von HmmTssManchmal erinnert auch SPON an einen sehr müden Vater, der den armen Kindern nichts anderes zu erzählen hat, als dass andere müde Väter ihren Kindern auch sinnfreie Piratengeschichten erzählen. Und weil dieser müde Vater sich nicht einmal eigene Piratengeschichten ausdenken kann, rezitiert er einfach die anderen schlechten Geschichten mit erhobenem Zeigefinger. Dies geschieht immer dann, wenn es nichts zu berichten gibt, man aber trotzdem etwas berichten muss.
Besser kann mans nicht ausdrücken. Und: Buß liegt völlig falsch.
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