Brutale "Tatort"-Blödelei aus Münster Waidmannsheil, Waidmannstrank!

Thiel hat plötzlich eine Tochter und Boerne Haarausfall. Im Münster-"Tatort" wird männliche Unsicherheit mit Schnaps und Jagdgewehren bekämpft. Ein Krimi ohne erkennbare Handlung, dafür sehr unterhaltsam.

WDR/ Thomas Kost

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Ob ein Münster-"Tatort" gut ist, entscheidet sich in den ersten Minuten. Nervt der erste Gag, nervt die ganze Folge. Sitzt die erste Pointe, sitzt irgendwie auch der folgende Plot, ganz unabhängig davon, welche Substanzen die Autoren beim Schreiben verputzt haben mögen.

Eine der ersten Szenen des neuen "Tatort" geht so: Eine Frau steht vor einem Hochhaus und schreit hinauf zur Wohnung ihres Freundes, den sie zuvor verlassen hat, er solle doch bitte ihren Mantel runterwerfen. Dann fliegt da auch ein Mantel vom Balkon. Und mit ihm auch der Freund selbst. Leise rieseln die Leichen.

Dieser "Tatort" beginnt so lakonisch wie effektsicher; die Handlung freilich ist so leger wie logikschwach zusammengeschraubt. Der vom Balkon Gestürzte war ein IT-Experte, der offensichtlich mit einem Journalisten an einer heißen Story saß. Wenig später sieht man diesen Journalisten mit einer jungen Frau mit blauen Haaren, die auf der Suche nach ihrem Vater ist. Dann wird auch der Journalist ermordet. Die heiße Story hat irgendwas mit kontaminiertem Mais aus der Ukraine zu tun, völlig banal, völlig egal.

Thiel und die schöne Biggy

Interessanter fanden die Drehbuchautoren die junge Frau mit den blauen Haaren (Janina Fautz), die nun als möglichen Vater auch Kommissar Thiel (Axel Prahl) in Betracht zieht, der zufälligerweise gerade den Doppelmord an dem IT-Experten und dem Journalisten aufzuklären versucht. Statt die Frage nach dem Mörder treibt Thiel nun eher die Frage um, was da mit der schönen Biggi im Spanienurlaub vor 20 Jahren passiert ist: Könnte er da ein Kind gezeugt haben? War er nicht viel zu betrunken in der Nacht? Und war nicht auch der spanische Kellner irgendwie an Biggi dran?

Kollege Boerne (Jan Josef Liefers) hat andere Probleme. Sein Haupthaar beginnt sich bedrohlich zu lichten, der Friseur hat schon Alarm geschlagen, aber auch Hoffnung verbreitet: Wie ihm zu Ohren gekommen sei, laboriere man im Pharmaunternehmen von Frau Dr. Freya Freitag (Jeannette Hain) an einem Wundermittel gegen Haarhausfall. Es soll sogar schon erste Ergebnisse geben. Also pirscht sich der Rechtsmediziner an Frau Dr. Freitag, die eine passionierte Jägerin ist, heran.

Während Boerne im Hochstand über Fangschüsse philosophieren und viel zu starken Gebrannten aus der eigenen Destillerie trinken muss, schlurft Thiel alle naslang zum Kiosk, um einen Korb Bierdosen nach dem anderen zu holen, den er dann mit dem blauhaarigen Mädchen leert, das seine Tochter sein könnte. Mord hin oder her, das ist schon ein fröhliches Familienbesäufnis auf Bierbasis.

Was die Drehbuchautoren beim Schreiben konsumiert haben, ist nicht bekannt. Stefan Cantz und Jan Hinter sind die Stammschreiber des Boerne-Thiel-"Tatort"; die ömmelige schwule "Charleys Tante"-Variante von 2015 mit Christian Kohlund ist ebenso aus ihrer Feder wie die beschwipste Schlagernummer mit Roland Kaiser. Regisseur Buddy Giovinazzo ist hingegen eigentlich ein Mann für die härtere Gangart. Der US-Amerikaner, der einen Namen trägt, für den andere morden würde, ist ein Genre-Könner. Den Münchner "Polizeiruf" mit Edgar Selge und Michaela May hat er mal als brillanten Serienkillerthriller in Szene gesetzt, für den Münsteraner hat er bereits 2003 die rußschwarze, recht gute Folge "3 x schwarzer Kater" gedreht.

In der neuen Münsteraner Folge setzen die drei sehr unterschiedlichen Filmemacher nun alles daran, die Themen unerwarteter Nachwuchs und männliche Eitelkeit, Waidmannsheil und Waidmannstrank auf möglichst unerwartete Weise zusammenzubringen. Die Handlung strauchelt, und dass die Streichemacher von "Verstehen Sie Spaß?" auch noch Guido Cantz als lustige Leiche eingeschmuggelt haben, war der Konzentration am Set sicherlich auch nicht dienlich. Aber die Dialoge sind von angeheiterter Eleganz.

Etwa, als Boerne den Kollegen Thiel zum ersten Mal mit der jungen Frau mit den blauen Haaren sieht. In seiner taktischen Jagdbegeisterung mahnt der Professor: "Ein Mann in Ihrem Alter sollte schon auf reifere Ricken ansetzen." Finden Sie nicht komisch? Vor Ausstrahlung bitte ein paar Schnäpse trinken.

Bewertung: 7 von 10

"Tatort: Fangschuss", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
digitus_medius 31.03.2017
1. Yeah!
Ich freue mich darauf. Wie auf fast jeden Tatort.
mwmr 31.03.2017
2. Warum...
...sollte der Film nerven nur weil am Anfang ein Witz flach ist???? Wenn der restliche Film gut ist, dann ist mir der erste Patzer völlig egal!
m.w.r. 31.03.2017
3. Jägermeister
Jägermeister wird der Autor nie. Textkorrektur zu Foto 9 , Es heißt Waidmann und Waidmanns Trank und nicht "Weidmannsheil! Weidmanns Trank! "
realplayer 31.03.2017
4.
Ich freue mich auf die Verrückten aus Münster - die Mischung machts....:)
cafe-wien 31.03.2017
5. Oberflächlichkeit
Zitat von m.w.r.Jägermeister wird der Autor nie. Textkorrektur zu Foto 9 , Es heißt Waidmann und Waidmanns Trank und nicht "Weidmannsheil! Weidmanns Trank! "
Da tritt halt die ganze Oberflächlichkeit zutage, mit der Buß Filme schaut und rezensiert. Wir erinnern uns immer gern an seine Kritik, in der er sogar Figuren verwechselte. Was diesen Tatort angeht, scheinen wir also im Sinne Goethes am Ende und auf dem Höhepunkt der Kunst angelangt: Wenn die Kunst ihren Höhepunkt erreicht hat, ist sie ganz äußerlich. Oder so ähnlich, also reine Form. Mit Inhalt ist dann nichts mehr. Dass dieser Tatort den Krimioverkill der öffentlich-rechtlichen Anstalten ad absurdum führt, ist köstlich. Natürlich sagt Buß implizit, dass jede (Nach-) Kritik an diesem Tatort sinnlos ist, weil es ja weder Logik noch sonstwas gibt, also, außer Effekten und Punchline-Dialogen, heißt, den gespielten Witz à la Hallervordern. So kann man sich auf den Quotenbringer mal wieder richtig freuen: Sinnloses Existieren mit Schnapsbegleitung. Ich hol schon mal den Wodka raus!
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