Gewalt-"Tatort" aus Münster Arschgeigen unter sich

Guter Geschmack sieht anders aus. Aber mit dieser Folge über Amokläufer und ALS-Opfer zeigt der Münster-"Tatort", dass er als Thrillergroteske Wucht entwickeln kann. "Fargo" lässt grüßen.

WDR/ Wolfgang Ennenbach

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Einen schöneren, eleganteren, effektbewussteren Amoklauf hat man im deutschen Fernsehen noch nicht gesehen: Gleich am Anfang des neuen Münster-"Tatort" schreitet ein Brillenträger zu aufwallenden Streichern und mit entsicherter Pumpgun die Gänge eines Schlosses entlang, auf dem Professor Boerne einen mit drei Millionen Euro ausgestatteten Forschungsauftrag feiert.

Aus dem Off hört man den angehenden Amokläufer sich seinen Sehnsüchten hingeben: "Ich schieße ihn vor allen Leuten in sein kleines selbstgerechtes Herz. Ich will ihn krepieren sehen, sein Ego, seine Hybris, seine Eitelkeit." Schließlich entfährt ihm auch noch der irgendwie nachvollziehbare Wunsch: "Er soll an seiner eigenen Arroganz verrecken." Im Festsaal angekommen schießt der Mann Boerne zwei große Löcher in die Brust, und als dieser wimmernd am Boden liegt, hält er ihm die Pumpgun direkt ins Gesicht.

Ein weiterer Schuss, dann sehen wir den Amokläufer in der Praxis einer Psychotherapeutin hocken. Das Intro zu diesem Münster-"Tatort" war nur die Gewaltfantasie eines Kollegen von Boerne. Gespielt wird dieser von dem schlaksigen Präzisionsschauspieler Peter Jordan, der mit seinen gelegentlichen Soli schon mittelmäßige "Polizeirufe" zu Ereignissen erhoben hat.

Liegt es an Jordan oder liegt es an der doppelbödigen Dramaturgie? Der Pumpgun-Psycho ist jedenfalls bald der einzige Sympathieträger in diesem ziemlich gekonnten, ziemlich garstigen "Tatort". Boerne (Jan Josef Liefers) und Thiel (Axel Prahl) erscheinen dafür herzloser denn je.

Regelmäßig werden an dieser Stelle die beiden Comedy-Kriminalisten abgewatscht, auf dass im Anschluss der Autor dieser Kritik im Forum abwatscht wird. So angenehm vertraut dieser Mechanismus auch ist - wir wollen ihn hier gerne einmal aushebeln und von Herzen sagen, wie gut wir Boerne und Thiel in dieser Folge finden.

Boerne und Thiel, die Arschgeigen des "Tatort"

Die beiden Figuren sind ja die einzigen beiden Ermittler im deutschen Krimi-Fernsehen, die nicht ständig darum betteln, dass wir sie mögen. Noch der größte Depri- und Haudrauf-Cop buhlt ja insgeheim mit verstohlenen, nach Verständnis heischenden Hinweisen auf seine desaströse Biografie um unsere Liebe. Liefers und Prahl als Boerne und Thiel aber geben sich bei absurd steigenden Liebesbekundungen der Zuschauer in Form von absurd steigenden Quoten immer kaltschnäuziger. Für die aktuelle Episode haben sie sich nun auf eine Betriebstemperatur heruntergefahren, mit der sie besonders gut ihr Arschgeigentum herausspielen können.

Thiel schiebt sich nölend mit Rückenschmerzen durch die menschlichen Dramen um ihn herum, ohne jedes Einfühlungsvermögen, frei von Empathie. Boerne lebt hingegen mit seinen drei Millionen Euro wonnig und champagnerselig die Eitelkeiten des Wissenschaftsbetriebs aus. Das Geld bekommt er für Forschungen mit Mumien, ausgerechnet. Bitter: Der von Peter Jordan gespielte Forscherkollege indes hätte diese Drittmittel gerne für seine Arbeiten an einem Medikament gegen ALS eingestrichen. Seine Ehefrau leidet an dieser tödlich verlaufenden Nervenkrankheit.

Um nicht auf das schmerzvolle Ende warten zu müssen und weil sie in Deutschland keine Sterbehilfe in Anspruch nehmen kann, erschießt sich die Frau in ihrem Rollstuhl - mit eben jener Pumpgun, die sich ihr Forschermann im Darknet besorgt und mit der er in seiner Fantasie den am Anfang beschriebenen Amoklauf begangen hat. In der Realität sieht der Rachefeldzug des Mannes anders aus: Er schleicht sich auf den Empfang, den die Universität Boerne zu Ehren gibt, nimmt die Gäste in Geiselhaft und lässt sie Hors d'œoeuvres verzehren, die zum Teil mit einem Nervengift versetzt sind, das einen körperlichen Verfall wie bei ALS auslöst, nur eben im Zeitraffer.

ALS und Sterbehilfe, Darknet und Amoklauf - dieser stimmungstechnisch eisige, plotmäßig gefährlich heißlaufende Münster-"Tatort" greift sich die heißen Eisen des öffentlich-rechtlichen Fernsehfilms. Allerdings nicht als Debattenstoff, den es zu erklären und abzuwägen gilt, sondern als reine Erzählgimmicks. Zynisch? Nein, nicht in diesem Falle, wo man die schwierigen Themen ohne jeden aufklärerischen Gestus konsequent in das Genre der Thrillergroteske einspeist. Immer, wenn der Münster-"Tatort" mal richtig gut war, erinnerte er ja auch an den Kinofilm "Fargo" der Coen-Brüder.

In "Feierstunde" gelingt das nun nach ewiger Zeit mal wieder halbwegs. Regisseur Lars Jessen hat zuvor die Techno-Groteske "Fraktus" in Szene gesetzt, mit Drehbuchautorin Elke Schuch drehte er einige Folgen der Elbschnurre "Großstadtrevier". Hier lassen die beiden nun, zugegeben mit etwas zu deutlichen Anleihen bei der "Fargo"-TV-Serie von Noah Hawley, genüsslich das Räderwerk der Thrillergroteske surren, ohne sich von gesellschaftspolitischen Feinabwägungen ausbremsen zu lassen.

Das ist geschmackloses, aber genresicheres Krimifernsehen, bei dem, schöne Wendung, ausgerechnet ein armer Wicht als Held ans Licht tritt. Eine kranke Liebeserklärung an den kleinen Amokläufer in uns allen.

Bewertung: 7 von 10 Punkten


"Tatort: Feierstunde", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
neurobi 23.09.2016
1. Tatort Münster?
Ich freue mich schon auf Sonntag! Wie immer bei Börne und Tiehl!
.patou 23.09.2016
2.
Ich würde es ja gerne glauben, aber ich habe schon zu viele öde Tatort-Folgen mit Boerne und Thiel gesehen. Dass der durch und durch behäbige und humoristisch sehr altbackene Münster-Tatort Garstigkeit bzw. Abgründigkeit entwickelt und auch nur in die Nähe von "Fargo" kommt ... dazu fehlt mir inzwischen die Phantasie.
siebke 23.09.2016
3. Sonntag !
...dann schauen wir einmal.....ich mag die Zwei.
baggi_schmitz 23.09.2016
4. Boerne und Thiel herzloser denn je?
Da haben Sie wohl einderen Tatort gesehen als ich. *lol* Selten spielt das Viererteam so genial auf wie in dieser Folge, selten sieht man solche Sorge umeinander. Schade, dass Ihnen so elementare Dinge entgehen beim Rezensieren. Ist aber ja irgendwie immer der Fall, also, was wundert's mich.
dosmundos 23.09.2016
5. Oha!
Sollte ich tatsächlich mal wieder einen Tatort anschauen? Wenn da schon auf Fargo verwiesen wird... Die vieldiskutierten Herren aus Münster habe ich ja auch noch nie gesehen, vielleicht wird's mal Zeit.
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