Gag-Kanonade beim Münster-"Tatort" Besoffen von der eigenen Witzigkeit

Pointe? Prost! Professor Boerne und Kommissar Thiel ermitteln Mordfälle im Zoo nach Art eines Trinkspiels. Das geht in Ordnung - aber wo bleibt die Selbstironie?

WDR/ Thomas Kost

Von


Gut möglich, dass die Drehbücher zum Münster-"Tatort" mithilfe eines Trinkspiels verfasst werden. Wir stellen uns vor, wie der jeweilige Autor erst einmal die lustigen Ideen für den Comedy-Krimi zusammenträgt und für jeden Gag einen kippt. Pointe? Prost! Und im Münster-"Tatort" sind sehr viele Pointen drin, da hat der Drehbuchautor einige Schnäpse zu kippen. Hat er dann alle Pointen beisammen, muss er sternhagelvoll einen Plot um sie herumbauen.

Bei der Entwicklung der aktuellen Folge wurde offensichtlich wieder mächtig gesoffen. Hier ein paar Einfälle, die begossen gehören: Der schöngeistige Rechtsmediziner Boerne nimmt in seinem Institut eine Gourmet-Kochshow auf und kühlt den Hummer im Leichenfach. Stößchen! Der Single-Kommissar Thiel hat endlich wieder eine Beziehung - mit der Pinguindame Sandy. Cin Cin! Thiels Hippievater präsentiert sein bunt bemaltes Fahrrad: "Mit dem Teil bin ich 72 über den Hindukusch gefahren. Ach was: geflogen. Ich sag nur: schwarzer Afghane." Hau wech!

Die, um im Trinkspielbild zu bleiben, im Vollrausch herumgebaute Handlung geht dann so: Eine Tierliebhaberin wurde ermordet, die Spur führt die Ermittler in den Zoo, der finanziell von jenem Privatfernsehmogul unterstützt wird, dem Professor Boerne (Jan Josef Liefers) seine Gourmet-Show verkaufen will. Der Fernsehmogul ist ein Freund exotischer Tiere und exotischer Genüsse, möglicherweise hängt das eine mit dem anderen zusammen.

Fotostrecke

12  Bilder
Münster-"Tatort": Gags im Akkord

Jedenfalls gibt es einen auffälligen Schwund von Tieren im Zoo zu beklagen. Kommissar Thiel (Axel Prahl) lässt sich deshalb undercover als Tierpfleger einschleusen, streichelt versonnen seine Sandy am langen Hals und liefert auch sonst allerhand putzige Szenen zwischen Feder- und Fellvieh. Die lang geplante Vater-und-Sohn-Radtour - um eine letzte hammerbreite Pointe abzufeuern - ins Kifferparadies Amsterdam muss er dafür absagen.

Keine Scherze auf WDR-Kosten

Es ist also alles wie immer in Münster: Stammautor Jan Hinter, der enormes Stehvermögen beim "Tatort"-Trinkspiel beweist und mit "Schlangengrube" bereits seine 14. Folge für Boerne und Thiel vorlegt, wirft effektsicher seine vielen Gags ab und Regisseurin Samira Radsi ("Die Füchsin") filmt routiniert in Schlängellinien hinter diesen Gags her. Wir haben uns diesem Einer-geht-noch-Prinzip schon lang ergeben.

Eine Sache aber macht bei diesem öffentlich-rechtlichen Sonntagskrimi doch wütend: Dass der dubios-dekadente Fernsehbonze (Robert Hunger-Bühler), auf den die Lösung des Falles zutorkelt, ausgerechnet von der privaten Konkurrenz sein soll, zeugt doch von mangelnder Souveränität des verantwortlichen WDR.

Möglicherweise ist den Redakteuren der zurzeit skandalgeschüttelten Sendeanstalt nicht zu Scherzen auf eigene Kosten zumute, aber in einem Punkt hätte man wirklich auf die Höhepunkte im eigenen Vollprogramm hinweisen können: Im Zoo treibt sich ein Dokumentarfilmer herum, der eine Tierpark-Soap mit dem Titel "Löwe, Seehund, Pinguin" für den Privatfernsehboss dreht. Aber warum sich über die private Konkurrenz beömmeln? Zoo-Soaps sind eine öffentlich-rechtliche Spezialität, mit der die Rentnerstammkundschaft am Nachmittag bei Laune gehalten wird.

Besoffen von der eigenen Witzigkeit, aber kein Mut zur Selbstironie, geht gar nicht.

Bewertung: 5 von 10 Punkten

"Tatort: Schlangengrube", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 50 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
winnirich 25.05.2018
1. Klamauk...
...wer sinnleeren Klamauk liebt, ist bei diesen Folgen gut aufgehoben. Für mich ist das nur noch peinlich und unterirdisch.
sametime 25.05.2018
2. Wahrscheinlich dann souveräner als der Kritiker
Warum sich über die private Konkurrenz lustig gemacht wird? Weil sonst die ganzen Spinner kommen und schreien, dass das Öffentliche ja jetzt wohl zugibt, dass es abgrundtief böse ist. 5 Punkte bei einem Münster-Tatort, zudem noch bei einem derartigen Verriss, sind ja erstaunlich viel für Herrn Buß. Da scheint diese Folge ja nicht so doll zu sein.
rrippler 25.05.2018
3. Börne und Thiel ...
... sind schon per se selbstironisch. In unübertrefflicher Art und Weise. Alkohol sehe ich beim Verfassen des Drehbuchs nicht im Spiel, so eine Komik auf höchstem Niveau ist sehr harte Arbeit. Vielleicht aber braucht man eine Antenne dafür, und wer politisch korrekt eingenordet ist, dem mag inzwischen diese Antenne abgebrochen sein.
surry 25.05.2018
4. Richtig!
Ich amüsiere mich königlich über die Einfälle: "Da lob ic mir den braven Mann, der sich selbst zum Besten halten kann" (Frei nach J. W. v. Goethe)
prodemo 25.05.2018
5. Schön
Ein schöner Kommentar! Besonders der Hinweis auf den WDR, so humorvoll wie die Sendung sein wird, sofern man das Gehirn abschaltet.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.