Münster-"Tatort" mit Roland Kaiser: Mord und tote Schlager

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Münster-"Tatort": Bitte mehr Rock'n'Roll, die Herren! Fotos
ARD

Komm, wir schunkeln uns zum Quotenhit: In Münster spielt der echte Schnulzensänger Roland Kaiser den fiktiven Schnulzensänger Roman König. Dazu wird die übliche Gag-Kanonade abgefeuert. Der Boerne-Thiel-"Tatort" wirkt inzwischen leider selbst wie ein schaler Schlager.

Schlager und Rockmusik, das liegt in Deutschland ja näher beisammen, als es den Vertretern der beiden Genres lieb ist. Im Münsteraner "Tatort" treffen wir auf zwei leicht aus dem Leim gegangene Exponenten des schönen und des schnellen Liedes: Da ist Balladensänger Roman König (Roland Kaiser), zurückgegelte Haare, Gesichtsruine, Anzug. Und da ist Manni Pleuger (Guntbert Warns), zurückgegelte Haare, Gesichtsruine, Lederhose.

Die beiden unterscheiden sich dann aber doch nicht nur in ihrer Kleidung, sondern auch in ihren Unterkünften: Schlagerstar König residiert im besten Hotel der Stadt, während draußen Fans und Stalker für Chaos sorgen, Loser Manni haust auf der Couch in der Gartenlaube von Herbert Thiel (Claus D. Clausnitzer), dem kiffenden Vater von Kommissar Thiel (Axel Prahl). Das ist praktisch, denn es erspart lange Wege, als im Umfeld vom Lackaffen König und Rock'n'Roll-Zausel Manni ermittelt werden muss.

Eine Journalistin, die "Ehrenkarten" zu einem König-Konzert bei sich hatte, wurde ermordet. Kann es sein, dass die Tat etwas mit einem Streit zwischen König und Manni zu tun hat? Der Rocker wirft dem Schlagerheini vor, einen Song von ihm geklaut und in eine Schnulze verwandelt zu haben. Was ja Verrat in zweifacher Hinsicht wäre: am Rock'n'Roll und am Songwriter, der um seine Tantiemen geprellt wäre.

Wo ist die alte Anarchie hin?

Eigentlich ein ganz pfiffiger Plot aus der Welt des Musikgeschäfts - würde er nicht auf ähnlich vorhersehbare Art in Szene gesetzt werden, wie Schlagerproduzenten ihre Hits programmieren. Wohlmeinende Kritiker sehen in dem alternden Schlagerstenz König, der in jeder Stadt einer anderen ein Liebesversprechen macht, um ein bisschen Sex abzustauben, eine diskrete Karikatur des Wettermoderators Jörg Kachelmann. Allerdings sind entsprechende Anspielungen, wenn man sie denn erkennen will, so subtil, dass sie unter den üblichen Gag-Kanonaden aus Münster verschüttgehen.

Immer die gleiche Leier beim Münsteraner "Tatort". Dessen Macher sind, nicht unähnlich dem Schnulzenkönig Roman König, mit ihrer Kunst arg in die Jahre gekommen. Warum etwas ändern, wenn man auch so die Fans auf die Fernsehcouch bekommt? Wenn man einen Quotenrekordnach dem anderen Quotenrekordeinfährt? Wie lange das wohl noch für den WDR gutgeht? Das Autorenduo Stefan Cantz und Jan Hinter liefert mit der Episode "Summ, summ, summ" bereits den zehnten Krimi aus Münster, Regisseur Kaspar Heidelbach seinen vierten. Jetzt versuchen sie, sich erneut ins Quotenhoch zu schunkeln.

Und sicherheitshalber drücken die Filmemacher die Knöpfe, die sie zuvor auch gedrückt haben. Die lustigen Sidekicks werden es schon richten. Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann) referiert mit rauchiger Stimme und glasigen Augen über die Vortragskunst von Schlagersänger König, Gerichtsmediziner Boerne (Jan Josef Liefers) läuft im Kimono durchs Hotelzimmer und lauscht mit Kennermiene seltenen Opernaufnahmen, Kommissarsvater Thiel vertritt vor dem Beamtensohn das Recht auf Rausch. Das war vor zehn Jahren mal witzig, vielleicht sogar anarchisch. Aber nach der immer gleichen Formel zusammengerührt, wirkt das inzwischen nur noch wie ein schaler Schlager.

Soll der Münsteraner "Tatort" noch weitere zehn Jahre bestehen, wäre ein bisschen Rock'n'Roll nicht schlecht.


"Tatort: Summ, summ, summ", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 63 Beiträge
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1.
!!!Fovea!!! 22.03.2013
Zitat von sysopARDHaha. Hihi. Wie lustig: Im Münster-"Tatort" spielt der echte Schnulzensänger Roland Kaiser den fiktiven Schnulzensänger Roman König. Dazu wird die übliche Gag-Kanonade abgefeuert. Leider. http://www.spiegel.de/kultur/tv/tatort-aus-muenster-mit-gaststar-roland-kaiser-a-889697.html
Zwangsfinanzierter Klamauk aus Münster, super! Aber Schweiger niedermachen, Schimanski als zu alt und überholt brandmarken. Also wenn der Münsteraner Quatsch so toll ist, dann kann man den überdrehten Schweiger in Amimanier auch lassen, sowie einen Gerontoermittler wie Schimanski, das gibt sich nichts. Entweder Klamauk oder Ernsthaftigkeit. Was kommt als nächstes, Heino der seine Coversongs im Tatort singt, während sich das ÖR winden muss zu erklären, dass es keine Werbung für Heinos neues Album war?
2. Geschichten schreiben in Münster
abominog 22.03.2013
ist etwas völlig anderes, als in Münster Geschichte zu schreiben. Also ich muss das wahrhaftig wissen.
3.
barlog 22.03.2013
Ist das nicht die Art von "Tatort", die sich die, über den letzten Hamburger-Tatort so Echauffierenden, wünschen ?
4. Geschmacksache
schlechtental 22.03.2013
Ohne diesen Tatort gesehen zu haben, bin ich sicher das dieses Mal ein unterhaltsamer Sonntagabend für mich bevorsteht. Bei der Vielzahl der Ermittler sind natürlich wie im richtigen Leben einige Charaktere vertreten die einem nicht so liegen. Das schöne am Fernseher ist der Abschaltknopf. Mir sind jedenfalls diese handgemachten und auch vorhersehbaren Sendungen lieber als nuschelnde und unnötig herumballernde Actiontatorte.
5. Wann ...
mima59 22.03.2013
lernt es der SPON endlich, das heißt Rechtsmediziner und nicht Pathologe ! So seicht wie die die Artikel so seicht ist auch die Recherche !
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Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden noch so schlechten "Tatort". Doch der TV-Krimi ist für ihn nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Wer wissen will, wie das Land tickt, der kommt um den "Tatort" nicht herum.