Kluger "Tatort" aus Stuttgart Der Lügner, dem wir vertrauen

Der Stuttgarter "Tatort" schafft es, dass wir mit einem Trickser und Betrüger sympathisieren. Ein Film noir, bei dem die deutsche Krimiordnung aus den Fugen gerät.

SWR/ Alexander Kluge

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Ein Mann läuft durch Stuttgart und lügt seinen Mitmenschen die Hucke voll. Er führt offenbar ein Doppelleben neben dem mit seiner Kleinfamilie, tischt seiner Frau fadenscheinige Geschichten über längere Bürozeiten auf und lässt sich vom befreundeten Zahnarzt ein falsches Alibi geben. Das Problem ist: Dieser Mann ist unser Mann. Der Trickser und Betrüger ist die einzige Informationsquelle, über die wir verfügen. Aber wie sollen wir jemandem glauben, der offenbar mit der Wahrheit auf Kriegsfuß steht?

Dieser "Tatort" stellt raffiniert die Perspektive des klassischen Ermittlerkrimis auf den Kopf: In "Der Mann, der lügt" schauen wir nicht den Kommissaren zu, wie sie die Fakten zusammentragen, um einen Verdächtigen ausfindig zu machen, sondern wir schauen dem Verdächtigen zu, wie er versucht, die Fakten, die die Kommissare bereits zusammengetragen haben, in seinem Sinn zu entkräften.

Auf einmal steht nämlich die Polizei in seinem schönen Eigenheimleben: Jakob Gregorowicz (Manuel Rubey) wird darüber informiert, dass ein Anlageberater, mit dem er gelegentlich Termine hatte, ermordet wurde. Weil er die Treffen abstreitet und sich in Widersprüche verstrickt, werden die Ermittler misstrauisch. Tatsächlich hatte Gregorowicz bis in jüngste Zeit regelmäßige Treffen mit dem Anlageberater, tatsächlich hatte er sich üppige Aktienpakete aufschwatzen lassen, tatsächlich hatte er enge Verbindungen in die Familie des Toten. Doch er leugnet und lügt, was das Zeug hält.

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"Tatort" mit Lannert und Bootz: Dämmerung im Eigenheim

Sagen wir mal so: Jakob Gregorowicz ist eine Mensch gewordene Fake News. Doch der hierzulande noch recht unbekannte österreichische Schauspieler Manuel Rubey ("Falco - Verdammt, wir leben noch") spielt den Mann mit einem solch nervösen Charme, dass man ihm noch glauben will, wenn man längst weiß, dass er Frau, Familie und Freunde nach Strich und Faden betrogen hat.

"Tatort"-Jubiläum auf die trockene Tour

Regisseur und Autor Martin Eigler hat dem deutschen Fernsehkrimi einige wichtige Impulse gegeben ("Solo für Schwarz"), zusammen mit Ko-Autor Sönke Lars Neuwöhner schrieb er ambitionierte "Tatort"-Folgen, die klassische Krimithemen innovativ aufbereiten, etwa den bösen Stuttgarter Knast-Thriller "Freigang" aus dem Jahr 2014. Mit ihrem doppelbödigen Film noir legen Eigler und Neuwöhner nun die Jubiläumsfolge zum zehnjährigen Bestehen des Stuttgarter "Tatort" vor, und gerade vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, dass sie durchsetzen konnten, die Ermittler als emotionslos erscheinende Funktionsträger in einem Bedrohungsszenario auftreten zu lassen.

Um nicht missverstanden zu werden: Richy Müller und Felix Klare als Lannert und Bootz spielen sehr gut, weil sehr uneitel. Die von ihnen verkörperten Ermittler rücken immer wieder im privaten Umfeld des Verdächtigen an, bespielen ungefragt die kleine Tochter, nähren durch freundliches Nachfragen die Zweifel der Ehefrau. Sie verrichten denkbar nüchtern ihren Job, erwecken aber - durch die vor Angstschweiß beschlagene Sportbrille des Verdächtigen betrachtet - schon über ihre bloße Präsenz Perfidität und Impertinenz: Lannert und Bootz sind Eindringlinge in Gregorowicz' Luxuslügenwelt.

Über dessen mögliche Verstrickungen in die Tat wird das Publikum bis zum Ende im Unklaren gelassen, verzerrte Rückblenden und Vorblenden in Zeitlupe verlangen eine hohe Toleranz, der grandiose Score der Band SEA + AIR hält mit sparsam getupften Piano und getriebener Percussion den Schwebezustand.

Eine hochspannende Angelegenheit, aber nichts für Menschen mit geringer Aufmerksamkeitsspanne. Das Publikum ist gezwungen, unentwegt Fakten und Falschmeldungen zusammenzusammeln in der Hoffnung, irgendwann im Verlauf der Handlung das eine vom anderen unterscheiden zu können.

Ein Krimi, bei dem souverän die deutsche Fernsehkrimi-Gemütlichkeit aus den Fugen gehoben wird: Es gilt, durch die Augen eines Lügners die Wahrheit zu erkennen.

Bewertung: 8 von 10 Punkten


"Tatort: Der Mann, der lügt", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
.patou 02.11.2018
1.
Ich schalte erst wieder ein, wenn der Tatort nicht für die vergleichsweise bescheidene Aufgabe gefeiert wird, einen Trickser und Betrüger sympathisch erscheinen zu lassen. Wenn das schon "souverän die deutsche Fernsehkrimi-Gemütlichkeit aus den Fugen hebt", dann kann ich verstehen, dass man sich hierzulande schwer tut mit Szenarien à la Dexter oder Breaking Bad, die mühelos ein Mitleiden des Zusauers mit Schwerverbrechern hinkriegen. Nicht dass dies prinzipiell wünschenswert ist, aber es lässt die deutschen Produktionen doch ziemlich mutlos wirken. Wenn schon Empathie mit Kriminellen, dann aber doch bitte die putzige Variante, damit der Zuschauer nicht durch die eigene Reaktion verschreckt wird (siehe auch "Morgen hör ich auf"). Auch dass es "bemerkenswert" ist, dass man "durchsetzen konnte, die Ermittler als emotionslos erscheinende Funktionsträger auftreten zu lassen" spricht Bände. Wo kommen wir auch hin, wenn die Kommissare mal nicht die Sympathieträger sind. Nicht dass der Zuschauer noch verwirrt im Sessel sitzt.
Sal.Paradies 02.11.2018
2. Geht klar
Den Stuttgarter Tatort halte ich noch für einen der besseren und Lannert und Bootz kommen als Ermittler gut und authentisch rüber. Was Hr.Buß hier beschreibt möchte ich gerne live sehen und selbst beurteilen, was dann bedeutet, dass ich (ausnahmsweise) am Sonntag den Tatort schauen werde....
realplayer 02.11.2018
3.
Diese Experimentiertatorts gefallen nur den Produzenten - auf lange Sich nicht mehr den Endkunden.
charlybird 02.11.2018
4. Nachdem
Buß dem letzten Tatort 9 Punkte verabreicht hat, hat seine schon immer nicht ganz zutreffende Verlässlichkeit in Sachen Geschmack und Beurteilung, zumindest bei mir, einmal mehr ziemlich gelitten.
Little_Nemo 02.11.2018
5. Mein Name ist Nobody
Zitat von realplayerDiese Experimentiertatorts gefallen nur den Produzenten - auf lange Sich nicht mehr den Endkunden.
Also mir gefallen die gerade gut. Nicht immer, denn Experimente können halt auch daneben gehen, aber oft. Wer will schon immer das gleiche sehen? Da bräuchte man dann ja auch gar keine neuen Filme mehr drehen, sondern könnte einfach immer wieder die selbe Folge zeigen.
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