Blutiger "Tatort" aus Wien Knochenjob Serienkiller

"Bisschen zu überladen": Eisner und Fellner verfolgen einen Mörder, der im Akkord tötet und die Leichen umständlich arrangiert. Ein Serienkiller-"Tatort", bei dem die Ermittler die Kritik gleich mitliefern.

ARD/ Hubert Mican

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Serienmörder haben es auch nicht leicht. Über die letzten Jahrzehnte wurden in Krimis immer wieder neue Maßstäbe gesetzt, was die Inszenierungen ihrer Taten angeht. Zwischen Serienmördern, so wie wir sie aus dem Kino und aus dem Fernsehen kennen, herrscht ja ein knallharter Kampf in Sachen Aufmerksamkeitsökonomie. Wer denkt sich die ambitioniertesten Tötungstechniken aus? Wer drapiert seine Opfer am ausgefallensten? Wer legt die anspruchsvollsten Spuren und Verweise aus?

In diesem Wettbewerb um die brutalsten und brillantesten Morde kann man schon mal von Müdigkeit übermannt werden. Prekäres Arbeitsumfeld, starker Konkurrenzdruck, hohes Eigenrisiko - so mancher Serienmörder steht da vielleicht schon vor dem Burn-out. So wie es vor Kurzem zu sehen war im Münster-"Tatort", einer Psychokiller-Parodie, wo ein offenbar stark erschöpfter Täter die Leichen plump als Pappmachéskulpturen arrangierte. Die hohe Kunst der Serienmords geht anders.

Der neue "Tatort" aus Wien handelt nun ebenfalls von einem Serienkiller, der seinen Job ziemlich schludrig absolviert. Er arbeitet zwar im Akkord, die Abstände zwischen den Toten sind für Morde solcher Art extrem kurz, aber seinen hohen Anspruch an Originalität kann er nicht einlösen.

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Serienmörder-"Tatort": Mörder mit Burn-out-Symptomen

Dabei gibt er sich große Mühe. So wie er das wahrscheinlich schon mal in anderen Krimis gesehen hat, richtet der Serienmörder seine Opfer in ikonischen Posen her: Die erste Leiche inszeniert er in Jesus-Haltung, um sie herum zeichnet er ein orthodoxes Kreuz an die Wand, eine andere knüpft er an einer Toilettendecke auf, dazu stellt er als Judas-Zitat einen Topf mit Münzen auf den Boden. Zusätzlich wurden die Opfer anal penetriert; irgendwas Sexuelles muss bei solchen Taten ja immer mitschwingen.

Theologie und Trieb

"Bisschen zu überladen", kommentiert Major Eisner (Harald Krassnitzer) trocken gegenüber Kollegin Fellner (Adele Neuhauser). In Serienkillerthrillern ist der Kommissar ja auch immer eine Art Kunstkritiker, der das Werk des Täters zu interpretieren und zu taxieren hat. Eisner stellt dem Mörder jedenfalls kein gutes Zeugnis aus, weil seiner Meinung nach Theologie und Trieb stümperhaft zusammengemixt werden.

Der Serienmörderthriller ist ein überreiztes Genre, das insgesamt erhebliche Ermüdungserscheinungen aufweist. Seine Hochphase hatte es in den Neunzigerjahren mit Kinoerfolgen wie David Finchers "Se7en", jetzt wird es immer schwieriger, ihm neue Pointen und Aspekte abzuringen. Ein smarter Dreh, dass die Filmemacher (Regie: Christopher Schier, Buch: Mischa Zickler) durch die Ermittlersprüche die Kritik gleich mitliefern. Ein Film, der an Überfrachtung leidet und diese Überfrachtung selbst thematisiert - sehr sympathisch.

Die ambitionierte Spur, die der Mörder ausgelegt hat, führt die Ermittler über Umwege in ein noch viel ambitionierteres geopolitisches Verschwörungsszenario: Alle Opfer waren Anfang des Jahrtausends in (inzwischen gescheiterten) südosteuropäischen Befreiungsbewegungen aktiv gewesen, etwa bei der Rosenrevolution in Georgien oder beim ersten demokratischen Umbruchsversuch in der Ukraine.

Jetzt lebten sie enttäuscht vom Ausgang ihres Engagements und unter falschen Namen in Österreich; bei einem serbischen Professor (Misel Maticevic) laufen die Spuren verdächtig zusammen. Fellner und Eisner kämpfen sich bald durch einen Fall, in dem offenbar ganz große Mitspieler mitmischen. Bald raunen Informanten, dass auch "die Russen" oder "die CIA" involviert sein könnten.

Die Weitung des Serienmords in die Weltpolitik kommt in diesem "Tatort" sehr gewollt daher. Dass man trotzdem dranbleibt, ist dem Matter-of-fact-Charme der Ermittler zu verdanken, die mit ihrem Kommentar am Serienmörder auch gleich den Kommentar am Serienmörderplot mitliefern. Soviel Selbstkritik muss belohnt werden. Ein "Tatort", bei dem man gerne ein Auge zudrückt.

Bewertung: 7 von 10 Punkten


"Tatort: Die Faust", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 4 Beiträge
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thd1958 12.01.2018
1. ... na, lieber Christian Buß ...
... das österreichische Team Fellner/Eissner gefällt mir ohnehin, nicht zuletzt wegen dem "Weaner Schmäh", der dann und wann so sympatisch rüberkommt. Lassen wir uns also wieder mal gut unterhalten ... am Sonntag Abend.
Deep Thought 14.01.2018
2. Ein sehr guter Tatort....
... da er unbestreitbare Fakten des geopolitischen Agierens der USA schildert und als zeitgeschichtlichen Hintergrund eines guten Krimis nutzt. Schliesslich wissen wir ja seit der Veröffentlichung des Telefongesprächs der US-Beauftragten für die EU, daß die USA allein in der Ukraine 5 Mrd US-Dollar investierte, um einen Umsturz zu inszenieren. Was die "politischen Frühlinge" rund ums Mittelmeer und in Osteuropa den Menschen dort einbrachten, wissen wir ja inzwischen. Dieser Tatort war schauspielerisch, in seiner Verzahnung der 3 Ebenen: 1) Knallharter geopolitischer Aussenpolitik, 2) einer geradezu kabarettistischen Verzahnung verlogener angeblicher Sicherheitspolitik und 3) einer durchaus spannenden Mordserie sehr unterhaltsam - und ausnahmsweise auch mal zum Nachdenken anregend. Hut ab !
meinungsforscher 15.01.2018
3. Oh jeh!
Selten einen so schlechten Tatort gesehen: total emotionslos gespielt, absolut krude Story, Tote und Tote und noch mehr Tote... Am nächsten Sonntag dann wohl wieder einen Spieleabend!
Aberlour A ' Bunadh 16.01.2018
4. Serienkiller?
Der Witz war ja, dass der Täter gar kein Serienkiller war, mithin der Serienkiller nur "vorgetäuscht" war, um die Ermittler auf die falsche Fährte zu locken. Dass aber allein schon die relative Kurzfristigkeit der Taten den Serienkiller in den Augen der Ermittler des "Fake"-Verdachts aussetzt - die ganze aufwendige Konstruktion also in der Kosten-Nutzen-Analyse hinfällig - scheint so gar nicht zum hochintelligenten Täter zu passen. Ein Schwachpunkt in der Drehbuchkonzeption. So tötete der ehemalige Berufsrevolutionär schlussendlich aus dem profanen Grund, seine nun spießbürgerliche Existenz als Hochschulprofessor zu bewahren. Denn die sah er auf dem Spiel, sollten seine ehemaligen Mitstreiter mit der Veröffentlichung eines revolutionären Enthüllungsbuchs Ernst machen. Zudem macht er noch einen entscheidenden Fehler, der ihm zum Schluss selbst das Leben kostet Na ja. Ziemlich viel Drehbuchschmalz in einem kruden Story-Telling. 5 von 10 Punkten. Eigentlich schade, weil das Wiener Ermittlerduo zu meinen Lieblingsermittlerduos beim Tatort gehört.
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