"Tatort"-Faktencheck Gibt es wirklich keine gescheite Musik aus Österreich?

Castingshow gewonnen, Leben zerstört: Der Wiener "Tatort" zeichnete ein düsteres Bild der Musikszene. Muss man wirklich in eine solche Sendung gehen, um in Österreich mit Musik Erfolg zu haben?

ARD/ Petro Domenigg

Sogar die vermeintliche Todesart beim "Tatort"-Fall aus Wien erinnerte an Musik: ein Unfall beim autoerotischen Sexspiel, - da fiel der Gerichtsmedizinerin ihre frühere Lieblingsband ein, INXS, deren Sänger Michael Hutchence, auf diese Art umgekommen sei. Diese Theorie stellte jedenfalls seine damalige Freundin Paula Yates auf - die australischen Behörden gingen 1997 aber von Suizid aus und haben dies als Ursache für Hutchence' Tod nie aufgegeben.

Im Falle des Musikmanagers Udo Hausberger aus der Folge vom Sonntagabend kommen die "Tatort"-Ermittler schnell darauf, dass sein Tod unzweifelhaft fremdverschuldet war: Der Castingshowjuror erstickte an einem Papier mit einem Songtext darauf. Die Nachforschungen führen die Kommissare in die österreichische Musikszene.

Wurde sie realistisch dargestellt? Der Faktencheck.

Gíbt es reale Vorbilder?

Der Film wurde eröffnet mit einer Schrifttafel, gleich nach dem "Tatort"-Vorspann, wonach alle Ähnlichkeiten mit realen Personen unbeabsichtigt und zufällig seien. Und doch machten Regisseur Michi Riebl und Drehbuchautor Uli Brée überdeutlich, an wen Joschi Graf, der tote Vater des Castingteilnehmers Aris, erinnern solle: Im Autoradio von Ermittlerin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) lief "Keine Angst", der größte Hit von Hansi Lang, dem 2008 verstorbenen Austropop-Star, dessen Karriere unter seiner Drogensucht litt.

Die Musik für den "Tatort" stellte Thomas Rabitsch zusammen, der nicht nur als Bandleader und Keyboarder die Karriere von Österreichs allergrößtem Popstar Falco begleitete, sondern eben auch mit Hansi Lang eine Band hatte.

Dass in den Jurys von Castingshows in aller Regel ein Bad Boy sitzt, der die Kandidaten hart drannimmt, gehört zu deren Grundstruktur seit Nigel Lythgoe bei "Popstars" und Simon Cowell bei "Pop Idol". Im deutschsprachigen Raum denkt man da natürlich zuerst an Dieter Bohlen. Doch gegen den ermordeten fiktiven Jurychef Udo Hausberger sei Bohlen "ein Ministrant", heißt es einmal. Das Zitat "Scheiß aufs Talent, du brauchst nur einen guten Manager", mit dem Hausbergers Boshaftigkeit belegt werden soll, wirkt aber vergleichsweise harmlos.

Sind Castingshows ein Sprungbrett?

Aber vielleicht zeigt das schon, wie sehr ein gewisser Grundzynismus seit mehr als einem Jahrzehnt Erfahrung mit Musik-Castingshows im Fernsehen verbreitet ist. Insofern dürfte der Knebelvertrag, unter dem die frühere Gewinnerin der fiktiven Castingshow "Sing Your Song", Vera Sailer (Sabrina Rupp), ächzt, nicht überraschen: Einige reale Castingshow-Teilnehmer haben Auskunft gegeben über die Bedingungen, manche sogar ein Buch darüber geschrieben.

Den Songtext, an dem Udo Hausberger erstickt, hatte eigentlich Vera Sailer geschrieben, doch in der Show soll ihn Aris Graf singen - und zwar ausgegeben als seine eigene Komposition, als Hommage an seinen verstorbenen Vater. Soweit die Fiktion - in der Realität stammt der Song "Gone" von Rafael Haider, dem Schauspieler, der den Castingsänger Aris spielt. Haider hat ihn zusammen mit seinem Vater Siggi komponiert.

Seine Figur Aris diskutiert einmal heftig mit seiner Mutter darüber, dass die Teilnahme am "Sing Your Song"-Casting sein "Sprungbrett" sei. Dabei gelangen auch österreichischen Castingshowsiegern selten nachhaltige Karrieren - auch wenn es Gegenbeispiele gibt wie Christina Stürmer (2003 Zweite bei "Starmania") oder natürlich Conchita Wurst, die sich vor ihrem ESC-Sieg bei "Starmania" (2006 noch als Tom Neuwirth) und "Die große Chance" versuchte.

Für Aris ist die Horrorvorstellung, bloß nicht wie seine Mutter vor fünf Hanseln alte Rocksongs singen zu müssen. Das sei nämlich "die typische Karriere von einem österreichischen Musiker". Abgesehen davon, dass dieser Karriereverlauf für viele hoffnungsvolle Musiker überall auf der Welt nicht untypisch sein dürfte: Tatsächlich ist der Anteil erfolgreicher einheimischer Musiker auf dem österreichischen Musikmarkt nicht allzu groß.

Haben Österreicher im Radio eine Chance?

Im aktuellsten vorliegenden Marktbericht der Branchenorganisation IFPI heißt es, dass 2014 unter den 100 meistverkauften Alben 24 von heimischen Künstlern stammten - was sogar schon als erfreuliche Entwicklung gewertet wurde. Zum Vergleich: In Deutschland kamen im selben Jahr rund zwei von drei verkauften Alben aus nationaler Produktion.

Dennoch: Eigentlich ist Österreichs Musikszene im Aufwind, mit Bilderbuch und Wanda waren zwei österreichische Bands zuletzt auch beim großen Nachbarn Kritiker- und Publikumslieblinge. Einmal beklagt Kommissar Moritz Eisner (Harald Krassnitzer), jahrelang seien österreichische Künstler nicht im Radio gespielt worden. Doch da hatte die öffentlich-rechtliche Popwelle Ö3 inzwischen Besserung gelobt und sich auf eine freiwillige Quote von 15 Prozent Musik aus heimischer Produktion verpflichtet.

Doch nun kamen die ersten Zuschauerzahlen seit Einführung der Austro-Popquote: ein deutlicher Rückgang der Hörerquote im zweiten Halbjahr 2015. Vielleicht mögen die Österreicher ihren Pop einfach selbst nicht so.

feb

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insgesamt 60 Beiträge
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Seite 1
brooklyner 08.02.2016
1.
Nach langem ungläubigen Augenreiben über den Erfolg von Wanda oder Bilderbuch war ich sehr dankbar, im Rolling Stone eine Stimme der Vernunft lesen zu dürfen: http://www.rollingstone.de/eine-fischvergiftung-namens-wanda-889957/
heinerkarin 08.02.2016
2. Gescheite Musik
gibt es in Österreich mehr als genug. Ich denke an Hubert von Goisern, Wolfgang Ambros, Georg Danzer, Falco, STS, EAV und viele andere. Zum Teil zwar schon tot, aber unvergessen.
pelayo1 08.02.2016
3.
Wenn man sich mal vom Castingshow-Niveau entfernt, findet amn auch fähige österreichische Musiker: https://de.wikipedia.org/wiki/Joe_Zawinul
espet3 08.02.2016
4.
Wieder ein persönlicher Erfolg von mir, mich nicht in die Armee der Krimigeilen eingereit zu haben. Die wirkliche Kriminalität in Mitteleuropa ist viel interessanter und steigert sich von Tag zu Tag.
erzrotti 08.02.2016
5. Klar gibt es...
...gescheite Musik in Österreich! Ich höre sehr gerne den Andreas Gabalier...! Mit seiner neuen Scheibe im Player ist jede Fahrt zur Arbeit ein Genuss! Bei dem wird auch keiner stranguliert. Und ich habe nicht den Eindruck, dass er mit seinem Produzenten schlafen muss...
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