Bizarrer "Tatort"-Saisonauftakt Ebola in der Steiermark

Kamasutra und Ebola, Kollegensprüche und Flüchtlingselend: Die österreichischen Ermittler Eisner und Fellner kämpfen beim "Tatort"-Saisonauftakt gegen Heuchler, Seuchen und schlechte Witze.

ARD/ Hubert Mican

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Gerade noch schraubt der Gerichtsmediziner an der Leiche eines Afrikaners herum, da fallen die Ermittler bei ihm ein. Großes Hallo, man neckt sich auf literarisch höchstem Niveau. Höhnt der Kommissar: "Wie geht es deiner angeblich erst 23-jährigen Lebensabschnittspartnerin?" Entgegnet der Gerichtsmediziner "Welcher? Die sind alle erst 23." Setzt der Kommissar nach: "Wunschdenken!" Kontert der Gerichtsmediziner: "Das Feigenblatt des Neides ist die sittliche Entrüstung. Karl Kraus!" Schließlich greift die Kommissarin in den Schlagabtausch ein: "So fasziniert ich auch von diesem Beispiel männlicher Dialogkultur bin, könnten wir vielleicht etwas über den Toten erfahren?"

Ach so, fast vergessen, der Tote liegt ja immer noch aufgeschraubt auf dem Obduktionstisch rum. Er wurde in einem Steinbruch nahe eines Flüchtlingslagers erschlagen aufgefunden, hat aber nicht nur ein Loch im Kopf, sondern trägt auch das Ebola-Virus in sich.

Das Problem dieser Folge mit Eisner (Harald Krassnitzer) und Fellner (Adele Neuhauser): Die Dialoge sind derart auf Pointe poliert, dass man das geballte Elend des zugespitzten Flüchtlings-, Dritte-Welt- und Epidemie-Szenario schnell aus dem Blick verliert. Drehbuchautor Rupert Henning zeichnete schon für den "Tatort" über die Generation Y verantwortlich, in dem depressive Studenten ihre Zukunftssorgen in flotte Sinnsprüche kleideten, während die Handlung irre Kapriolen schlug. Beim Zuschauen wurde einem schwindelig.

Witz und Weltpolitik wechseln in schneller Taktung

Ein Gefühl, das sich jetzt auch in "Virus" einstellt. Witz und Weltpolitik wechseln einfach in zu schneller Taktung. Das ist vor allem deshalb schwierig, weil im Plot Flüchtlingsfragen mit Aspekten der Seuchenparanoia verquickt werden. Mit dem saloppen Anreißen der großen Themen spielen die Verantwortlichen allerdings Rechtspopulisten in die Hände: Wenn die Flüchtlinge aus Afrika nun auch noch Ebola mitbringen, muss man doch die Grenzen schließen.

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"Tatort" aus Österreich: Achtung Witzvirus, holt den Seuchenschutz!

Dabei ist dieser "Tatort" vermutlich als Statement gegen die plakative Schließmuskelpolitik von Österreichs Außenminister Sebastian Kurz gedacht, der immer wieder damit droht, alle Grenzen zu seinem Land dichtzumachen. Einmal heißt es: "Wir leben in Österreich, gastfreundlich ist man zu den Touristen, bei anderen Besuchern unseres Landes schaut das anders aus." Gesprochen wird dieser Satz von einem Mediziner, der seit zehn Jahren in verschiedenen Hilfsorganisationen in Afrika tätig war und nun in der Steiermark eine privat finanzierte Flüchtlingsunterkunft leitet.

Der Provinzkosmos wird mit gutem Gespür für Ambivalenzen ausgeleuchtet: Die Leute im Ort akzeptieren größtenteils die Fremden, sie unterstützen die Unterkunft, gelegentlich arbeiten die Flüchtlinge im Steinbruch der Familie des Mediziners. Eine interessante Parallelstruktur, die sich da jenseits der Abschottungspolitik von Kurz und Co. ausgebildet hat.

Der Flüchtlingsaktivist bringt die Schattengesellschaft auf den Punkt: "Kein Asylstatus, keine Arbeitserlaubnis, die Lehrerin in der Volksschule unterrichtet eine Integrationsklasse, die es offiziell gar nicht gibt."

Aber kaum beginnt der Zuschauer sich mit dieser fragilen Solidargemeinschaft vertraut zu machen, da bricht aufgrund der Ebola-Diagnose der Seuchenschutz ins Alpen-Hinterland ein. Regisseurin Barbara Eder holt das ganz große Katastrophenbesteck samt Schutzanzugballett heraus, und Autor Henning stürzt seine Figuren aus dem Nichts in komplexe Ethikdiskussionen. Ebola in Mitteleuropa wird gleichsam zur Strafe für eurozentrische Verdrängungs- und Abschottungsmaßnahmen.

Sonderbar, dass die ARD ausgerechnet mit diesem "Tatort" die Saison 2017/2018 eröffnet - zumal es in den nächsten Monaten reichlich große, brisante Fernsehstücke zu sehen gibt. (Hier finden Sie einen Überblick.) Aber ein Krimi, der vorgibt sich mit Folgen des Postkolonialismus zu beschäftigen, um dann in Albernheiten zu versinken, gibt keinen guten Auftakt ab. Holt den Seuchenschutz, der Witzvirus geht um!

Am Anfang, gleichsam zum Warm- und Lockermachen, wird ein besonders grober Gag abgefeuert. Eisner und Fellner absolvieren Kampfsportübungen in der Sporthalle und verrenken sich dabei so absurd ineinander, dass es aus einem Kollegen herausplatzt: "Sieht aus wie eine Stellung aus meinem Kamasutra-Buch: der gestürzte Engel. Das ist jetzt eher der glühende Wacholder, ist der Favorit von meiner Frau."

Die Szene kommt kurz nach dem Vorspann; die Konzentration für ihr großes Thema scheint den Filmemachern da bereits abhanden gekommen zu sein.

Bewertung: 3 von 10 Punkten


"Tatort: Virus", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
gnarze 25.08.2017
1. 3 von 10
Wird geguckt, macht sicher Spaß
francisheldenstein 25.08.2017
2. Tradition
Der Obduktionstisch gehört mittlerweile zu jedem Krimi, Nervenkitzel für frustrierte Voyeure ? Oder stinklangweilig...
alfredbonn 25.08.2017
3. Kann nur gut und kurzweilig werden
Wenn Herr Buß nur 3 Punkte gibt dann lohnt sich der Tator sicher ! Ich will unterhalten werden beim Tatort - keine Weltverbesserungsschelte, überdrehte Psychokacke oder überforderte alleinerziehende Mütter sehen. Davor gibt es schon viel zu viel in den Tatorten (bevorzugt in den von Herrn Buß hoch gelobten).
josefinebutzenmacher 25.08.2017
4. Bibi! Bibi!
Bibi ist die beste.
permissiveactionlink 28.08.2017
5. Unverantwortliche
Angst- und Panikmache ! Da wird völlig übertriebene Angst provoziert vor Migranten, die als hochinfektiöse lebende Virenbomben ganz Europa bedrohen. Vorsorglich rückt noch das Bundesheer mit einer ABC-Schutz-Einheit an. Absurd. Migranten sind heute aus Westafrika so lange unterwegs nach Europa (Monate !), die würden eine Ebola-Infektion gar nicht mehr lebend zu uns bringen. Die Infektion würde aber zuvor in Nordafrika ausbrechen und sofort internationale Aufmerksamkeit erregen. Ebola-Viren übertragen sich nur durch direkten Körperkontakt zu bereits Erkrankten oder an dieser Infektion Verstorbenen. (Nahezu alle Filoviren sind nicht durch die Luft übertragbar. Einzige Ausnahme bisher : Ebola-Reston). Viele Menschen werden jetzt nach diesem Tatort in ihrer Haltung gegenüber Migranten noch ablehnender und feindseliger. Dabei stellen Flugreisende in der Regel ein wesentlich größeres Risiko dar als Armutsflüchtlinge. (Beispiel SARS. Das ist grade noch mal gut gegangen !) Ein unverantwortlicher, reißerischer Tatort, der nun wieder all jene in Panik versetzt, die sonst nicht einmal zu einer sinnvollen Tetanus- oder Diphtherie-Schutzimpfung zu bewegen sind.
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