Wien-"Tatort" über Polizeigewalt Unter Bullenschweinen

Das Gesetz bin ich: Ermittlerin Fellner gerät an einen Polizeiausbilder, der seine Schülerinnen drangsaliert. Der Wiener "Tatort" als süffige Abrechnung mit Macho-Cops.

ARD/ ORF

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Es lässt sich wirklich nicht sagen, dass er Frauen ungleich behandelt: Polizeiausbilder Thomas Nowak (Simon Hatzl) versprüht seine Misogynie sehr gerecht - junge Schülerinnen kriegen Nowaks Frauenhass ebenso zu spüren wie gestandene Kolleginnen. Nun ist es im Umfeld seiner Polizeischule zu einem Doppelmord gekommen. Majorin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) übernimmt die Leitung des Instituts, um zu herauszufinden, welch verbrecherische Ausmaße der Chauvinismus des Schleifers angenommen hat.

Krimis aus dem Polizeimilieu handeln auch immer davon, wie die Exekutive in Versuchung gerät, sich als Judikative aufzuspielen, nach dem Motto: Das Gesetz sind wir. In diesem Copthriller aus Wien erfährt Bibi Fellner am eigenen Leib, welch massiven machistischen Züge die Selbstermächtigung ihrer Kollegen angenommen hat. Frauen werden zu Objekten für den männlichen Frustrationsabbau degradiert.

Dieser "Tatort" (Buch: Uli Brée, Regie: Christopher Schier) ist zwar etwas grob gestrickt, aber die Figur Fellner wird klug eingesetzt. Ist sie doch der perfekte Gegenentwurf zu dem aggressiven Testosteron-Stenz Nowak, und zwar nicht etwa deshalb, weil sie auf ihn mit ebenso aggressiver Östrogen-Gegenwehr reagiert, sondern weil ihr Auftreten ambivalenter, aber auch effizienter ist. In ihrer Verletzlichkeit verfügt sie über ein Sensorium, das sie beim Schnüffeln in Nowaks Ausbildungszentrum schnell die neuralgischen Punkte aufspüren lässt.

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Wien-"Tatort": Die Polizei, dein Feind und Helfer

Freilich hat diese Verletzlichkeit ihren Preis: Bei der trockenen Alkoholikerin und traurigen Alleinstehenden sind alle Flanken für eine gezielte Demütigung offen. Gleich am Anfang sehen wir, wie sie sich abends bei der Single-Börse Lonely Hearts akkreditiert - in ihrer rührenden Arglosigkeit denn auch gleich mit echtem Namen.

Testosteron und Korruption

So macht Fellners Liebesannonce bald auch bei den Polizeianwärterinnen und -anwärtern die Runde. Als es in einer Unterrichtsstunde in ihrer Gegenwart zu Unruhe kommt, nutzt Nowak die Gelegenheit, um sie jovial abzukanzeln: "Wenn die Majorin Fellner einsam ist und auf einem Single-Portal einen Sexualpartner sucht, ist das ganz allein ihre Sache." Später schiebt er noch süffisant nach: "Wie mutig in ihrem Alter."

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Alle "Tatort"-Teams im Überblick

Dieser "Tatort" ist auch ein Katalog der Demütigungstechniken - wobei die verbalen Grausamkeiten, die gegen Fellner gerichtet sind, noch die erträglichsten sind. Im Verlauf des Films wird der Zuschauer Zeuge handfester sadistischer Inszenierungen - Testosteron und Korruption, eine böse Mischung.

Krimis aus dem Polizeimilieu handeln ja auch immer davon, wie dicht Gerechtigkeit und Selbstgerechtigkeit zusammenliegen; wie der Ekel und Selbstekel, der daraus entsteht, dass man sich gegen das Böse machtlos fühlt, in eine zweifelhafte Rächerattitüde umschlägt. Die Münchner "Tatort"-Folge "Macht und Ohnmacht" zeigte diesen Mechanismus vor vier Jahren mit brutaler Doppelbödigkeit: Die Polizei, dein Feind und Helfer. Selten stieg man so tief in die Seelen korrumpierter, kaputter, aber auch bemitleidenswerter Streifenpolizisten hinab.

Fellners Gegenspieler im neuen Wiener "Tatort" ist nun hingegen ein amtliches "Bullenschwein", für das man keine Sekunde Mitleid empfindet. Besonders perfide: Der Macho-Cop packt der Alkoholikerin das Handschuhfach ihres Autos mit einer Batterie Flachmänner voll. Bibi bleibt halbwegs trocken, auch eine Art Sieg.

Bewertung: 6 von 10 Punkten

"Tatort: Wehrlos", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 3 Beiträge
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spon-1230374361226 24.04.2017
1. Keine Kommissarin
Frau Fellner wird dem Zuschauer als Frau Majorin vorgestellt. Damit ist sie beileibe keine Kommissarin sondern auf das deutsche Polizeisystem übertragen Polizeirätin. Das wäre also nicht unplausibel somit Standortleiterin einer regionalen Polizeischule zu sein. Schließlich ist sie als Polizeirätin Angehörige des höheren Polizeivollzugsdienstes.
ompo58 24.04.2017
2. Klasse!
Der Wiener Tatort wie immer schauspielerisch erstklassig. Klar, alles etwas überzogen, aber auch nicht gänzlich unglaubwürdig. Super Unterhaltung, bitte weiter so!
TheFunk 24.04.2017
3. Ich gucke nicht
den Wiener Tatort, sondern Bin Fellner. Großartig!
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