Falke-"Tatort" über Schleuser Bei der Bundespolizei herrscht jetzt der Punk

Aufatmen! Nach Irrungen in Ostfriesland finden Falke und Lorenz nun langsam ihre Bestimmung bei der Bundespolizei in Wilhelmshaven. Ihr neuer "Tatort" ist pralles Paranoia-Kino mit Proll-Faktor und Punk-Attitüde.

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An seinen Pranken sollst du ihn erkennen, den Proletarier. "Sehen Sie meine Hände an - Arbeiterhände", sagt der Kommissar in vielleicht etwas zu breitem Hamburgisch und mit etwas zu ausholender Armbewegung. Und seine Hände sehen eigentlich auch gar nicht nach Öl, Ruß und Schwielen aus. Trotzdem: "Mein Vater war Hafenarbeiter, Schweißer bei Blohm + Voss. Eines konnten sie ihm nicht nehmen: seinen Stolz."

Jetzt aber steht Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring), der Proll mit Polit-Punkattitüde, nicht vor der Traditionswerft an der Elbe, sondern im neuen JadeWeserPort, dem erst 2012 fertiggestellten Tiefseewasserhafen, in dem unabhängig von der Tide die ganz großen Pötte anlegen können. Oder besser gesagt: anlegen könnten. Denn in dem Hightechhafen, dessen Bau Milliarden von Steuergeldern verschlungen hat, herrscht ewige Ebbe, frachttechnisch betrachtet. Manchmal legt in einer ganzen Woche nur ein einziges Containerschiff an. Die Speditionslager sind leer, die Krähne stehen still, die Kaimauern bröckeln.

Arbeit ist in dem Gespensterhafen so gut wie nicht vorhanden, die wenigen verbliebenen Spediteure melden Kurzarbeit an. Auch Lademeister Martinsen (Jochen Nickel), dem Proletariersohn Falke seine schöne Erweckungsrede hält, bringt kaum noch Geld nach Hause. Um über die Runden zu kommen, so findet der Kommissar bald heraus, agierte der Mann als Handlanger eines Schleuserrings, unwürdig für einen aufrechten Malocher. Falke und seine Kollegin Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller), die inzwischen zur Bundespolizei gewechselt sind, sollen den Ring hochnehmen.

Mord per Drohne

Ein Glück, sie leben. Nach der letzten Folge mit den Hamburger Ermittlern Falke und Lorenz hatte man sich ja ernsthaft Sorgen gemacht. Weil in Hamburg neben dem XXL-Cop Til Schweiger kein Platz für einen zweiten Cop ist, hatte man Falke in einer völlig abstrusen Episode auf Langeoog zwischengeparkt. Der Dreh mit der Bundespolizei eröffnet der Figur nun völlig neue Möglichkeiten: Als Mitglied einer Mobilen Fahndungseinheit (MFE) wird er mit den Auswüchsen globaler Kriminalität konfrontiert, außerdem wird mit ausgefuchsten Observations- und Verfolgungsinstrumenten gearbeitet.

Beste Voraussetzungen also für einen modernen Thriller - die in "Kaltstart" (Buch: Volker Krappen, Raimund Maessen) auch zu einem XXL-Schocker nach Art des letzten Hamburger "Tatort" genutzt werden. Das Schleuser-Verbrechen führt zu einem Waffenhändlerkonsortium, das Milizen in Zentralafrika mit neuestem Gerät versorgt. Der Plot ist zwar über Strecken schwer überschaubar, die Täter, die das Geschehen im Hintergrund an Großbildleinwänden verfolgen, bleiben diffus, hinzu kommen einige kriminalistische Absurditäten. Dafür gibt es eine aufwühlende, souveräne Bildsprache.

Regisseur Marvin Kren hat 2010 mit "Rammbock" einen amtlichen Zombie-Thriller vorgelegt, hier spielt er nun souverän die Motive eines Paranoia-Szenarios durch. Überwachungskameras sind in der Geschichte überall präsent, gemordet wird schon mal mit einer bewaffneten Drohne, die nach vollbrachter Tötung ins dunkle Nass der Wilhelmshavener Nacht verschwindet. Apropos Regen: keine Szene, in der es nicht tröpfelt und weht vor zerklüfteter Nordsee.

Und der gute ehrliche Asi Falke? Läuft mit zerschlissenem Band-Shirt der linksradikalen Hardcore-Legende Minor Threat am windigen Hafenbecken herum und versucht, die Welt zu retten. Nachdem Ermittler afrikanische Flüchtlinge in einem Frachtcontainer gefunden haben, schreit er die Kollegen zusammen: "Die sind in einem Scheißcontainer hergekommen. Sie sollen 'Asyl' sagen!"

So will Falke verhindern, dass die Flüchtlinge sogleich in ihre Heimat zurückgeschickt werden. Eine eher zweifelhafte Hilfsmaßnahme. "Wenn sich herausstellt", so Kollegin Lorenz, "dass sie aus dem Kongo sind, sind die ganz schnell weg. Der Kongo ist ein befriedetes Land." Da hat sich, bittere Pointe, der linke Punk und solidarische Proll Falke zum Helfer einer rigorosen Abschiebepolitik gemacht.


"Tatort: Kaltstart", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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thomas.b 25.04.2014
1.
Das wird klasse. Nur schade, dass die durch die Rattatatata-Krawall mit Familie Schweiger aus Hamburg verdrängt wurden.
theodorzaloschnik 25.04.2014
2.
Nicht mein Lieblings-Tatort, aber dennoch weiß ich, was ich am Sonntag um viertel nach acht für ein Programm einschalte. Der Sonntagabend gehört einfach dem Tatort oder auch meinetwegen Polizeiruf. Die einzige Ausnahme ist Tatort mit T.S. aus HH.
copelsnorti 25.04.2014
3. Tatort
Ich finde die Tatortsendung gut , nach 10 B.......r
drsuelz 25.04.2014
4.
ist mir doch egal, was die Vorschau vorhersagt, das ist ja oft genug Mumpitz... allein wegen der Locations ist bei mir am Sonntag Tatort angesagt... außerdem bin mir sicher: Totgesagte leben länger, das gilt auch für WHV. Gruß aus dem Nordwesten!
Mayowe 25.04.2014
5. Regen in jeder Szene?
Ist nicht verwunderlich! Habe in kleinen Stadt dreieinhalb Jahres des Studiums verbracht. Sonne gibt es dort tatsächlich nur selten ;)
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