Vampir-"Tatort" aus Bremen Das Blut der anderen

Eine junge Frau wurde totgebissen, ein Vater füttert seine Tochter mit Blutkonserven: In Bremen gehen offenbar Vampire um - der "Tatort" als smarter Überwältigungsakt fürs junge Publikum.

Radio Bremen/ Christine Schröder

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Ist denn schon wieder Halloween? Am Anfang dieses "Tatort" schauen sich drei Freundinnen bei einem Mädchenabend einen Slasher-Movie im Fernsehen an, auf einmal steht die Balkontür im anderen Zimmer weit offen. Man befürchtet schon, dass gleich Mike Myers mit Fleischmesser hinterm Vorhang hervorkommt. Passiert natürlich nichts.

Zum Abschied vor der Tür reißen zwei der Mädchen dann noch sarkastische Witze, die Kamera beobachtet sie wie ein nervöses Tier, das hinter Bäumen und Büschen umherschleicht. Passiert natürlich wieder nichts. Aber irgendwann ist der Augenblick der blutigen Wahrheit dann doch da: Eines der Mädchen wird abseits der Straße in einem Waldstück attackiert und später mit gigantischen Bisswunden am Hals gefunden, das andere hockt stumm und verstört in einer Abwasserröhre, ihre Augen ein Spiegel der Angst.

Der neue Bremer "Tatort", der korrekterweise kurz vor Halloween gesendet wird, spielt souverän mit den Suggestionstechniken des klassischen Horrors, Verzögerungs- und Überraschungsmomente inklusive: Der Toten fehlen drei Liter Blut, die Bisswunden am Hals stammen von einem Menschen. Die Arbeitshypothese von Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen): gesucht wird ein Vampir.

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"Tatort" mit Lürsen und Stedefreund: Blutrausch in Bremen

Dieser "Tatort", der vorletzte vom 2019 abtretenden Ermittlerteam Lürsen und Stedefreund, ist also ein weiteres Horror-Experiment geworden. Nachdem vor genau einem Jahr an der Frankfurter Folge um ein Gespensterhaus eine erregte Debatte darüber entbrannte, wie viele Schockelemente und Konventionsbrüche die Reihe verträgt, legt nun Radio Bremen einen Krimi vor, der wieder viele ältere Armsesseldetektive vor den Fernsehbildschirmen laut aufschreien lassen wird.

Regisseur und Autor Philip Koch, Jahrgang 1982, ist heftige Reaktionen gewohnt. Für den Münchner "Tatort" inszenierte er vergangenes Jahr eine Folge, die sich sehr ernsthaft mit abseitigen Spielarten des Pornofilms auseinandersetzte. Das war ein Film, der tief in die Inszenierungstechniken und Vertriebsformen der Sexfilmindustrie eintauchte, um die seelischen Verwüstungen bei dem im Metier arbeitenden Menschen aufzuzeigen. Im Auftrag von Netflix wird Koch demnächst die postapokalyptische Thriller-Serie "Tribes of Europe" drehen.

George Romero lässt grüßen

Für den "Tatort" spielt Koch einerseits lustvoll die Klaviatur des fantastischen Schreckens, andererseits treibt er die Geschichte am Ende wieder subtil in Richtung psychologischen Realismus. Die Effekte sitzen, auf bildgewaltig inszenierte Kunstblutfontänen verzichtet Koch aber. Sein "Tatort" bleibt nah bei seinen Figuren, Monster sucht man hier vergeblich. Die Folge erinnert ein bisschen an das Nekrophilen-Psychogramm "Martin" des im letzten Jahr verstorbenen Horror-Großmeisters George A. Romero.

Das Publikum des "Tatort" wird sehr schnell mit den Hauptpersonen hinter dem Verbrechen konfrontiert, ein Vater-Tochter-Gespann, das sich zärtlich zugetan ist: Nora Harding (Lilith Stangenberg) ernährt sich zum Teil von Blut und träumt davon, durch die Beißattacken auf andere Menschen eine Gefährtin oder einen Gefährten für ihr vampir-artiges Leben zu finden. Ihr kranker Vater (Cornelius Obonaya) fährt frische Rinderblutkonserven vom Schlachter und abgelaufene Menschenblutkonserven aus dem Krankenhaus an, um die Tochter vom Töten abzuhalten.

Ins Visier der Blutsaugerin gerät auch Kommissar Stedefreund. Nach einem Biss von Nora Harding glaubt er einen Transformationsprozess an seinem Körper feststellen zu können, seine Körpertemperatur geht auf über 40 Grad hoch, bei einer ihn behandelnden Krankenschwester glaubt er deren Blut unter der Haut pulsieren zu hören. Das Blut der anderen, wie verlockend es pocht.

Wie jeder Vampirfilm - von "Nosferatu" bis zur "Twilight"-Reihe - ist dieser öffentlich-rechtliche Krimi mit seinen unverbrauchten Akteuren auch ein Film über die Sehnsucht nach Vereinigung. Ein romantischer Blutrausch und Überwältigungsakt für die junge Zielgruppe, der in enger Absprache mit dem Jugendschutzbeauftragten von Radio Bremen entstanden ist. Denn frisches Blut tut dem "Tatort" gut.

Bewertung: 9 von 10 Punkten


"Tatort: Blut", Sonntag, 20.15 Uhr



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k-d.hollbecher 26.10.2018
1. Noch normal?
Wenn ich das lese frage ich mich: Kann es noch Unterhaltung geben ohne Mord und Volksmusik, ohne diese Geschichten im Tatort, die immer abartiger werden. Sind die Autoren verwirrt, oder ist unsere Realität dort angekommen? Das andere Extrem: Heile Welt und Volksmusik. Merken die Programmmacher insbesondere bei den öff.-rechtl. Sendern nicht, wie öde das ist. Wenn dann gar nichts mehr einfällt, wird wiederholt. Und das alles kostet uns alle ein Schweinegeld. Zitat: Empört Euch!
angst+money 26.10.2018
2.
Dem letzten Satz des Artikels kann man nur zustimmen. Vielleicht würde der Tatort dann endlich die Nölbürger los, die im Forum langweilen. Wo bleibt der erste "Spiegel lobt ihn also muss er schlecht sein"?
Erkläromat 26.10.2018
3. Mal wieder ein "Grusel"-Tatort zu Halloween
Das hatten wir doch schon öfter: Zu Halloween kommt ein Schwachsinnstatort mit unrealistischer Möchtegerngruselstory und Christian Buß erkennt (vermutlich als einziger) darin wieder was frisches, gewagtes - dieses Mal auch für das junge Publikum, das sowieso nicht zuschaut. Immerhin weiß ich bei 9 von 10 Punkten, dass sich dieser Tatort mal wieder nicht lohnt. Auch gut - es gibt am Sonntagabend auch anderes zu tun.
wsbraun 26.10.2018
4. ma wieder auf der übernölspur
Das liebe ich an den Foristen - bzw einem Teil von ihnen - das Nölen aus Prinzip. SPON weiß wohl, was es hier für die seelische Hygiene seiner LeserInnenschaft tut. Ohne den Film gesehen zu haben schon mal feststellen, dass es sich bestimmt nicht lohnt, weil Buß ihn gut findet: sowas dient nur dem Autoren selbst. man erleichtert sich, indem man abrotzt. Mal ehrlich: das ist privat und gehört nicht in die Öffentlichkeit!
troy_mcclure 26.10.2018
5.
Die einzig gute inhaltliche Zeile des Artikels lautet: "Dieser 'Tatort', der vorletzte vom 2019 abtretenden Ermittlerteam Lürsen und Stedefreund" (mal abgesehen davon, dass hier der Genitiv umkam).
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