Kiel-"Tatort" über Vorstadtfrust Mein Haus, mein Garten, mein Hass

Obacht vor der Nachbarin! In diesem Vorstadt-"Tatort" aus Kiel fantasiert sich eine Supermarktkassiererin ins Leben eines erfolgreichen Pärchens. Ein bisschen abgründig, ein bisschen albern.

NDR/ Christine Schroeder

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Vom hellblauen Vorstadthimmel schwebt die Kameradrohne hinab zu einem Eigenheim, surrt durchs geputzte Wohnzimmerfenster und schaut einer Vorstadtfrau bei ihrem Tagewerk zu: Dieser "Tatort" mit dem Titel "'Borowski und das Glück der Anderen" über Voyeurismus und Neid gibt gleich am Anfang die Grundbewegung des Krimis vor - aus der Vogelperspektive in die Spanner-Position.

Das Verhalten der beobachteten Vorstadtfrau Peggy Stresemann (Katrin Wichmann) zielt weniger aufs Dekorative als aufs Destruktive. Mit einem Rasenmäher zerlegt sie den Flokati-Teppich, die Fernbedienung kommt in den Quirl, dann wird das Mobiliar zerkleinert. Letztendlich, so erfahren wir im Laufe der Handlung, speist sich der Furor aus einem einzigen Blick in die Küche im Haus gegenüber. Denn dort glaubte Peggy zu sehen, wie das geschniegelte und sowieso schon erfolgreiche Nachbar-Pärchen das Gewinner-Los der Fernsehlotterie feiern.

Im Glück der anderen offenbart sich immer auch das Unglück von einem selbst. Oder was man dafür hält. Peggy aber - sitzt tagsüber an der Kasse des "Mega-Markts" und abends mit einem Zausel von Ehemann (Aljoscha Stadelmann) vor dem Fernseher- will haben, was die anderen haben.

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Borowski-"Tatort": Ermittlungen im Schlendermodus

Sie schleicht sich ins Haus gegenüber, nascht von den Pralinen auf dem Wohnzimmertisch, steigt in die Schuhe der Dame des Hauses, findet im Nachttisch im Schlafzimmer den Revolver des Ehemanns. Und als sie in dem fremden Haus überrascht wird, verteidigt sie sich mit dem Revolver, als wäre sie in ihrem eigenen. Peggy baut sich die Welt, wie sie ihr gefällt.

Erdacht hat sich das der Roman- und Drehbuchautor Sascha Arango, der für den Borowski-"Tatort" schon einige wahnhafte voyeuristische Gestalten erfunden hat. Etwa den Serienmörder mit Helfersyndrom, der an fremden Zahnbürsten leckte und fremde Babys in den Schlaf wiegte, bevor er sein blutiges Werk vollbrachte. Oder die Veterinärin, die Hunde der Nachbarschaft vergiftete, um so in Kontakt zu kommen mit ihren properen Herrchen, denen sie hinterhergespannt hatte. Oder die Altenpflegerin, die sich mit sanftem Lächeln und blutigen Taten Zutritt zu jenen Villen verschaffte, die sie zuvor eifersüchtig in Augenschein genommen hatte.

Ihre kranke Logik ist die unsrige

Spannertum, Hausfriedensbruch, Mord - in den Krimis von Arango bildet das eine Reihe. Das Tolle ist meist, dass der monströse Grenzübertritt vom Peeping Tom zur Home-Invasion so sanft, beschwingt und heiter erzählt wird, dass einem das amoralische Verhalten der Charaktere überhaupt nicht tadelnswert erscheint. Wir sehen die Welt durch ihre Augen, ihre kranke Logik wird temporär zu der unsrigen.

Das aber funktioniert bei dieser neuen "Tatort"-Folge nicht ganz. Regie bei dem suburbanen Entfesselungsakt führte Andreas Kleinert, der auch schon die Arango-Geschichte von der toxischen Altenpflegerin in den Farben einer lustigen Liebelei inszenierte. An dieser eleganten Doppelbödigkeit mangelt es der neuen "Tatort"-Episode nun stellenweise. Die Selbstverständlichkeit, mit der das pathologische Aschenputtel Peggy von fremden Tellerchen nascht und auf fremden Bettchen liegt, wirkt einfach nur unverfroren, man fiebert nicht wirklich mit ihr mit.

Auch Kommissar Borowski (Axel Milberg) und Kollegin Sahin (Almila Bagriacik) zeigen wenig Anteilnahme. Am Anfang, hoppla, stellen die beiden durch einen Zufall einen international gesuchten Gangster und erhalten daraufhin Glückwünsche von Scotland Yard; die Ermittlungen zum Vorstadtmord absolvieren sie dann im Schlendermodus. In einer launigen Szene sehen wir, wie Kommissar Borowski sich bei einer Observation neckisch hinter einer Zuckerwatte versteckt.

Solche Albernheiten lenken irgendwann doch vom subtilen Horror ab, der sich wie auf Hausschlappen in die Eigenheimwelt schleicht: Was wissen wir schon darüber, wie sehr uns unserer Nachbar hasst.

Bewertung: 6 von 10 Punkten


"Tatort: Borowski und das Glück der anderen", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 7 Beiträge
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e-cdg 02.03.2019
1. Tatort light
Kommissar Tschiller trifft weder Mega-Quoten noch den Geschmack der meist Ü60-Zuschauer. Vordergründig albern, dafür leicht verdaulich - so lautet das Erfolgsgeheimnis des Tatort.
kuschmucki 03.03.2019
2.
Es war nicht Aschenputtel. Schneewittchen hatte vom Tellerchen genascht und in Bettchen gelegen.
nexus32 03.03.2019
3. Schwach
Ganz, ganz schwacher Tatort. Maximal 4 Punkte. Ich muss mich zudem auch noch an den neuen Sidekick von Klaus gewöhnen.
microthewave 03.03.2019
4. Super, typischer Milberg-Tatort ..
.. und DANKE!!! an Jens Weisser, den Stern des Abends!
timofine 03.03.2019
5. Lieber Herr Buß,
in Ihrer Analyse sind drei Fehler enthalten: Den Rasenmäher benutzt Peggy im neuen Tatort zwar am Anfang vor der Zerstörung der Fernbedienung, aber diese wird zeitlich gesehen zuerst zerstört und dann - ein paar Tage später - das Wohnzimmer mit dem Rasenmäher... dann: nein, die Dells haben nicht im Lotto gewonnen wie Peggy neidisch, aber falsch zu beobachten glaubt (sozialkritische Beobachtung des Autors: zu oft werden Beobachtungen fehlinterpretiert ;-) , daraus entstehen doch Ambivalenzen oder gar noch mehr, wie dieser Tatort zeigt :-) )... denn Viktoria hat etwas ganz anderes erreicht für ihre Karriere ;-)... und letzter Fehler: Aschenputtel mag auf Peggy zutreffen, aber nicht Aschenputtel sondern Schneewittchen aß von den Tellerchen und trank aus den Gläsern... aber dieser Punkt wurde ja längstens bemerkt. Bemerkenswert fand ich diesen Tatort sehr, mit überraschenden Wendungen, Humor, sozial Studie in Sachen überborderndem Neid. 9 von 10 - ich wiederhole mich ;-)
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