Kultur

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"Tatort"-Hokuspokus aus Kiel

Schöner wohnen mit Gespenst

Dialog mit einer Toten, Tänzchen mit der neuen Kollegin: Borowski ermittelt sich sonderbar salopp durch ein Geisterhaus. Ein "Tatort" über Lug und Spuk, der sich selbst nicht so recht traut.

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Freitag, 31.08.2018   15:41 Uhr

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Die freistehende Badewanne mit den kleinen Füßchen kommt uns irgendwie bekannt vor. Hatte im letzten Kieler "Tatort" nicht genau in demselben antiken Stück Christiane Paul als sirenenhaftes Wesen ihren Filmliebhaber unter ihren nackten Schenkeln ertränkt? Der Ermittler war in eine ferne, sagenhafte Nordseewelt entsandt worden, der öffentlich-rechtliche Krimi öffnete sich riskant ins Sinnliche und Übersinnliche. So soll es jetzt offensichtlich weitergehen beim Nord-"Tatort".

Auch die neue Episode, die sich am Ende ebenfalls in einem Badezimmer wie aus einem "Schöner wohnen"-Katalog dramatisch zuspitzt, beginnt als Landpartie ins Mystische: Gespenster, wo Borowski (Axel Milberg) hinschaut und hinhört. Beim Besuch des Landhauses seines alten Schriftstellerfreundes Frank Voigt (Thomas Loibl) pfeift es nachts blutgefrierend und spukhaushaft aus jeder geölten Diele, vorbeihuschende Schatten scheinen von jenseitigen Wesen zu künden.

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Ziel der Geisterattacken ist Anna (Karoline Schuch), die junge Frau des Schriftstellers. Kann es sein, dass die vor vier Jahren auf rätselhafte Weise verschwundene erste Ehefrau Zeichen aus dem Totenreich sendet? Viel spricht dafür, dass sie einst von Voigt selbst ermordet wurde, Borowski ermittelte damals gegen seinen Freund, konnte ihm aber nichts nachweisen, auch weil nie eine Leiche gefunden wurde. Seitdem ist die Stimmung zwischen den beiden angespannt.

Das Traurige an diesem "Tatort" ist, wie wenig seine Verantwortlichen dem Genre trauen, das sie selbst gewählt haben. Die Mystery-Stimmung, die sie in der Retro-Villa so altmodisch wie umständlich heraufbeschwören, wird sofort widerrufen. Kaum poltergeistert und koboldknarzt es im Haus wie in einem alten Gruselfilm, da wird auch schon die These verbreitet, dass das wahrscheinlich nur von jemandem inszeniert sei, um die sowieso schon labile junge Ehefrau in eine Psychose zu treiben.

Vorsicht vor dem Hochfrequenztongeber

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In einer Szene unterhalten sich Kommissar und Hauptverdächtiger über George Cukors Filmklassiker "Gaslight" aus dem Jahr 1944, in Deutschland unter dem Titel "Das Haus der Lady Alquist" bekannt, Vorbild für etliche Thriller, in denen schwindsüchtig schöne Frauen aus unterschiedlichen Gründen durch fadenscheinigen Hokuspokus in den Wahnsinn getrickst werden sollen. Später findet der Kommissar im Haus ein obskures Gerät, das er sofort fachmännisch als Hochfrequenztongeber identifiziert. Mit ihm wurden offenbar die Spukgeräusche hergestellt. Regisseur Elmar Fischer und Autor Marco Wiersch, eigentlich Routiniers in Sachen Suspense, verraten die ganze Zeit die Tricks ihres Budenzaubers.

Möglicherweise fürchteten sie nach der Ausstrahlung des völlig ernst gemeinten Frankfurter Geisterhaus-"Tatorts" , der für Ärger mit den ARD-Gremien und für schlechte Quoten bei der Ausstrahlung gesorgt hatte, dass man ihren Film für ein weiteres Horror-Experiment halten könnte. Möglicherweise hatten sie aber auch einfach kein gutes Gefühl bei ihrer Geschichte.

Denn in der stimmt fast gar nichts. Weshalb empfängt der Schriftsteller seinen alten Kommissar-Widersacher mit großzügig gedeckter Tafel im sommerlichen Garten, obwohl der andere ihm den Mord an der Frau anhängen wollte? Warum durfte und darf Borowski hochoffiziell gegen seinen guten Freund ermitteln, obwohl er doch schwer befangen war und ist? Und was soll diese Séance, während der Borowski mit den Töchtern des Schriftstellers Gläser auf dem Boden hin und herschiebt, die angeblich von der toten Mutter gelenkt werden? Meinen die das ernst oder ironisch?

Vielleicht ja beides. Andauernd misstraut sich der Film selbst. Kein schöner Start für die eigentlich tolle junge Schauspielerin Almila Bagriacik ("4 Blocks"), die hier als Nachfolgerin von Sibel Kekilli als neue Kollegin von Borowski namens Mila Sahin in einen Fall stolpert, in dem es für sie nichts zu gewinnen gibt. Erstmal hängt Sahin einen Boxsack in ihrem Büro auf, dann aber ziemlich in den Seilen, weil sie bei der privaten Abrechnung von Borowski einfach nichts zu tun hat.

Eine wahre, tolle Szene gibt es dann doch: Borowski und Sahin stehen ohne jeden dramaturgischen Sinn auf einem Parkdeck, er ruft eine Nummer an, gerät in eine Warteschleife, in der Easy-Listening-Musik gespielt wird. Und dann legen die beiden eine improvisierte Tanznummer hin. Kleiner Schwof gegen die große Langeweile.

Bewertung: 4 von 10 Punkten


"Tatort: Borowski und das Haus der Geister", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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