Pädophilie-"Tatort" aus Kiel Rauschi, der Rächer der Entehrten

Ein pädophiler Hartz-IV-Empfänger wurde erschlagen. Waren es die jugendlichen Outlaws des Brennpunkts Kiel-Gaarden? Sheriff Rausch stellt sich vor die Jungs. Der "Tatort" als Prekariats-Western.

ARD

Von


Er ist der Sheriff von Gaarden. Er trägt Sonnenbrille und streift mit dem breitbeinigen und selbstgewissen Gang desjenigen durch sein Revier, der jedes Geheimnis hinter jeder Wohnungstür zu kennen glaubt. Der international agierende deutsche Schauspieler Tom Wlaschiha, der unter anderem 2011 und 2012 in der zweiten Staffel von "Game of Thrones" zu sehen war, spielt den Polizeiwachtmeister Rausch im Kieler "Tatort" als Gesetzeshüter von eigenen Gnaden. Wer seinen Regeln folgt, dem soll es gut ergehen, die anderen haben ein Problem.

Mögen Politiker und Behördenheinis doch an Kiel-Gaarden und dessen Horrordaten (Arbeitslosigkeit, Kinderarmut, Bildungsdesaster!) verzweifeln, Rausch aber meint, sein Viertel fest im Griff zu haben. Hat er das wirklich?

Ein Sozialhilfeempfänger mit pädophilen Neigungen wurde in seiner Wohnung erschlagen. Zuvor trafen sich dort die Kids des Viertels, tranken Schnaps und guckten Pornovideos. Hand angelegt, so ist sich Sheriff Rausch sicher, habe der Alte bei den Jungs nie. Er selbst habe da immer ein Auge drauf gehabt, und außerdem war der Alte meist zu besoffen und die Jungs viel zu kampferprobt. Sie sind Outlaws, Underdogs und Ausgestoßene, die es gelernt haben, sich gegen die Widrigkeit des Lebens zu verteidigen.

Großes "Game of Thrones"-Treffen in Kiel

Eigentlich eine gute Idee, die Geschichte von Verwahrlosung und möglichem Missbrauch aus dem realen Brennpunkt Kiel-Gaarden als Elends-Western zu erzählen. Statt hier die Problemviertelbewohner zu Nummern in einem deprimierenden Statistikbogen zu machen - fast 50 Prozent der Kinder in Gaarden leben in Familien, die auf Sozialhilfe angewiesen sind -, werden sie zu Helden ihrer eigenen Geschichte. Einer der Jungs versucht, sich gegen seine Bestimmung aufzubäumen. Ein anderer nimmt mit seinem Hund Reißaus, und Sheriff Rausch gibt dazu den Rächer der Entehrten.

Dieses mythisch leicht erhöhte Spiel mit den soziologischen Zuschreibungen in "Borowski und die Kinder von Gaarden" (Regie: Florian Gärtner) geht auf, solange Kommissar Borowski (Axel Milberg) und Kollegin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) nicht auf der Bildfläche erscheinen. Da kippt der Prekariats-Western dann doch ins Problemfilmchen.

Ganz amüsant ist noch das Geplänkel zwischen Sheriff Rausch und Kommissarin Brandt; die Darsteller Wlaschiha und Kekilli kennen sich vom "Game of Thrones"-Set, in der Handlung kennen sich ihre Figuren aus vergangenen, gemeinsamen Zeiten im Ghetto. "Rauschi", wie er damals genannt wurde, war der große Macker des Viertels, eine Legende und der große Held für die kleine Sarah. Fortan nennt "Rauschi" die Ermittlerin nur noch "kleine Nachbarin", das nervt irgendwann.

Richtig problematisch wird es, als der distinguierte Borowski mit den Kids zu sprechen versucht. Die machen sich anfänglich über seinen Dienstausweis lustig und erniedrigen ihn mit obszönen Gesten. Später kommt der Kommissar mit Kettenschloss auf den Bolzplatz, riegelt das Gelände ab und fordert die Jungs zum Rededuell. Da werden sie auf einmal ganz weich und erzählen alles, was sie wissen. Eine vollkommen unplausible Wendung.

Die Drehbuchautoren Eva Zahn und Volker A. Zahn haben einige außergewöhnliche Gesellschaftsdramen geschrieben, etwa den klug konstruierten Arbeitnehmer-Albtraum "Mobbing". Hier scheitern sie leider, das Thema Missbrauch und Verwahrlosung auf eine neue Ebene zu heben. Das ist zuvor auch schon den Kollegen vom Münchner "Tatort" passiert, als diese versucht haben, minderjährige Opfer aus der Internetporno-Szene aus ihrer Ohnmacht zu befreien und zu Akteuren zu machen. Häme ist bei diesem Scheitern aber fehl am Platz. Alles ist erst mal zu begrüßen, was das öffentlich-rechtliche Fernsehen von seinen Problemfilmstanzen befreien könnte.

Zumal in der Figur des "Rauschis" zumindest eine starke tragische Person in diesem "Tatort" existiert. Am Ende, das berührt wirklich, schauen wir mit dem Sheriff in einen menschlichen Abgrund, so tief wie der Grand Canyon.


"Tatort: Borowski und die Kinder von Gaarden", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

Mehr Artikel von Christian Buß

insgesamt 30 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
h.hass 27.03.2015
1.
Ohne Pädophilie, Prostitution und Psycho-Kommissarinnen geht heute nix mehr beim "Tatort". Am besten wäre ein "Tatort", in dem ein pädophiler Serienkiller mit Kindheitstraumata die Tochter der jüngst geschiedenen, alleinerziehenden Kommissarin um die 40 in einen Folterkeller verschleppt, um sie dort zusammen mit bildhübschen Ostblock-Zwangsprositutierten fiesen Bankstern für Sadomaso-Spiele zuzuführen. Da könnte dann mal wieder Nick Tschiller mit der schweren Wumme aufräumen.
Peter Prtnkewycz 27.03.2015
2. Wenn da auch nur
eine politische Unkorrektheit auftaucht, gucke ich nie wieder "Tatort". Naja, eigentlich tue ich das schon seit etwa 1990 nicht mehr, aber nicht verraten.
Ch. Demian 27.03.2015
3. Er- vs. über-
Zitat Filmkritik: "Dieses mythisch leicht erhöhte Spiel..." Na, ob das nicht eher "überhöht" als "erhöht" ist? Oder ist tatsächlich ein Hockerchen gemeint?
jsmeta 27.03.2015
4. öffentlich-rechtliches Fernsehen
...was das öffentlich-rechtliche Fernsehen von seinen Problemfilmstanzen befreien könnte... Dort gibt es viel Seichtes, leider. Aber auch aktuell die Serie Schuld nach von Schirrach. Oder "Im Angesicht des Verbrechens" Oder die dänische Serie "Borgen", und vieles mehr. Herrvoragend. Das ist alles viel besser wie der amerikanische Scheiß bei den PRIVATEN. Hallo Herr Buß, ich brauche niemanden, der mir sagt, was ich sehen oder nicht sehen soll!
kneppe 27.03.2015
5. Meine Wenigkeit...
...tut sich den Tatort schon seit Jahren nicht mehr an ! Die letzteFolge an die ich mich erinnere war strunz-doof und die Darsteller laienhaft.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.