"Tatort"-Sequel mit Lars Eidinger Das Monster hat jetzt ein Baby

Er leckt wieder an fremden Zahnbürsten und überschüttet die Menschen mit grausamer Liebe: Als Psycho Kai Korthals zog Lars Eidinger schon vor drei Jahren "Tatort"-Gucker in den Bann - jetzt kehrt er mit Nachwuchs zurück.

NDR/ Philip Peschlow

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"Er hat sich tatsächlich vermehrt!" Ein Satz wie aus einem Horrorfilm, in dem das Böse seine Macht über den Nachwuchs ausbaut und vollendet. Hier beziehen sich die Worte auf den Paketboten Kai Korthals, der bereits in einem Kieler "Tatort" vor drei Jahren Mitmenschen mit zweifelhaften Päckchen und noch zweifelhafteren Zärtlichkeiten behelligte.

Der sanfte Berserker Lars Eidinger spielte Korthals als Psycho auf der Suche nach Nähe, als Voyeur mit Helfersyndrom. Er verschaffte sich Zutritt in fremde Wohnungen, putzte sich verzückt mit anderer Leute Zahnbürste die Zähne, leckte lustvoll an liegengebliebenen Brötchenresten, schnüffelte beseelt an den Turnschuhen junger Frauen. Er kümmerte sich aber auch um das vernachlässigte Kleinkind einer Prostituierten. Der Spanner, dein Freund und Helfer.

Die Figur, die zugleich Beschützer und Peiniger ist, brannte sich tief ins kollektive "Tatort"-Gedächtnis ein, wie zuvor der leicht autistische Aushilfsermittler Gisbert im München-"Tatort" (Fabian Hinrichs) oder das rabiate Vatertier Trimborn im Köln-"Tatort" (Armin Rohde). Beide wurden im Nachgang vom Publikum gefeiert. Auch Eidinger bewies, wie viel Raum für schockschöne Ambivalenzen im doch oft so schlicht-öden deutschen Fernsehkrimi steckt.

Von Caligari bis Totmacher

Jetzt ist er also wieder da. "In Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes" hat Eidingers Korthals mit einer allein lebenden Borderlinerin ein Baby gezeugt, das er jetzt mit Flasche aufzuziehen versucht. Die Kindsmutter - halb tot, halb lebendig - hat Korthals in einem Kühlschrank aus dem Haus abtransportiert und den Kühlschrank am Strand abgestellt. Bald irrt die Arme im Sand herum, später sitzt sie bei Kommissar Borowski (Axel Milberg) und Kollegin Brandt (Sibel Kekilli) und malt im Wahn mit Kohlestift gigantische Bilder, in denen der gute, der böse Korthals als übergroße Macht dargestellt wird.

Man fühlt sich bei diesen Verweisen auf den Expressionismus unweigerlich an Robert Wienes cineastische Psycho-Ursuppe "Das Cabinet des Dr. Caligari" (1920) erinnert. Das Kino der Angst wie das Kino des Kranken sind ja eine deutsche Spezialität. Das Pathologische, es wurde nirgendwo so lust- und liebevoll ins Visier genommen. Von, eben, "Caligari" über Fritz Langs frühen Pädo-Krimi "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" (1931) bis Romuald Karmakars Mörderbeichte "Der Totmacher" (1995). Deutschland, Deine Serienkiller.

Der aktuelle "Tatort" steht ganz in dieser Filmtradition, seziert und zelebriert dabei das Kranke gleichermaßen. Das zeigt sich besonders in Kommissar Borowski, der in seiner Affinität zu den seelisch Verbeulten und kriminell Derangierten vielleicht der deutscheste aller Ermittler ist. Oder wie er es selbst in diesem "Tatort" bei einem Abendessen bei seiner zukünftigen Schwiegermutter auf den Punkt bringt: "Ich wollte immer Verbrecher werden. Ich habe sechs Semester forensische Anthropologie studiert, dann wurde mir klar, dass man Verbrecher und Psychologe werden kann: Man wird Beamter!"

Liebesglück und Alpdruck

Ausgedacht hat sich diesen und andere tolle Sätze in "Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes" Sascha Arango. Der Drehbuchautor steigt immer wieder mit Schattenwesen, Borderlinern und Großpsychopathen in deren ganz eigene Gedankenwelten hinab. Liebesakte nehmen sich da schon mal wie Gewaltakte aus. Zuletzt sah man das sehr schön in der Kieler "Tatort"-Folge "Borowski und der Engel", in der ein Mädchen im Sommerkleidchen Morde begeht wie andere Blumen pflücken.

Für die Rückkehr des Kai Korthals hat Arango jetzt ein weiteres Mal mit der Regisseurin Claudia Garde zusammengearbeitet, die bereits seine Drehbücher zu "Borowski in der Unterwelt" und "Borowski und das Mädchen im Moor" als Mischung aus schönen und bösen Träumen in Szene gesetzt hat. Auch in dem neuen gemeinsamen "Tatort" nun gibt es ein Wechselspiel zwischen Liebesglück und Alpdruck.

Und das liegt auch an Maren Eggert als Psychologin Frieda Jung. Eigentlich war die Figur ja vor fünf Jahren aus dem Kiel-Krimi herausgeschrieben worden, jetzt ist sie wie aus dem Nichts wieder da, und auf einmal löst sich all der aufgestaute Druck bei Kommissar Borowski auf. Wo die beiden früher wütend aufeinander einredeten, da betatschen sie sich jetzt aufgeregt wie Teenager im ersten Liebesglück. Borowski hat sich einen kecken Schnauzer wachsen lassen, die Sonne lacht, der Schatten wirkt in diesem Film umso düsterer.

Leider aber geht dieser Liebesstrang erzählerisch nicht ganz auf, und ein bisschen zu geballt kommt auch der psychologische Furor daher, mit dem hier die Spiegelungen zwischen Ermittler und Täter vorangetrieben werden. Nach dem Motto: Sind wir nicht alle ein bisschen krank?

Das doch nicht. Hoffen wir zumindest. Umso stärker erschüttert, bewegt und, auch das, unterhält uns die pervertierte Liebe des Kai Korthals. Wir freuen uns - eine Trilogie sollte schon noch drin sein - so oder so auf ein weiteres Wiedersehen.

Bewertung: 7 von 10


"Tatort: Borowski und der stille Gast", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
siebke 27.11.2015
1. Ja!
schon alleine wegen dem großartigen Schauspieler Lars Eidinger, muss ich diesen Tatort sehen !!
skell100 27.11.2015
2. Was wird das für ein Tatort?
Wenn Herr Buß für das hanebüchene "Deutschland 83" 10/10 Punkte vergibt, hier aber nur 7/10, lässt ein das schon nachdenklich werden. Unwillkürlich kommt einem das böse Wort mit L und ü am Anfang in den Sinn, oder der Spruch "Wess' Brot ich ess, dess' Lied ich sing".
AliceAyres 27.11.2015
3.
Beim Namen Lars Eidinger war ich für diesen Tatort gewonnen. So wie ich mir den neuen Spielberg-Film nur wegen Mark Rylance anschauen werde (die Kombination Spielberg/Hanks ist für mich eigentlich die Garantie für gepflegte, emotionsgesättigte Langeweile auf technisch hohem Niveau), so werde ich den Tatort wegen Eidinger einschalten. Das ist ein Schauspieler, der auch mediokre Filme rausreißt.
sekundo 27.11.2015
4. ...und dann
Zitat von AliceAyresBeim Namen Lars Eidinger war ich für diesen Tatort gewonnen. So wie ich mir den neuen Spielberg-Film nur wegen Mark Rylance anschauen werde (die Kombination Spielberg/Hanks ist für mich eigentlich die Garantie für gepflegte, emotionsgesättigte Langeweile auf technisch hohem Niveau), so werde ich den Tatort wegen Eidinger einschalten. Das ist ein Schauspieler, der auch mediokre Filme rausreißt.
erst der Jahrhundert-Mime Axel Milbergmit seinen zwei bis drei Ausdrucksmöglichkeiten! Der wird an Präsenzlosigkeit nur nochvon dieser Furtwängler übertroffen.
huppim 27.11.2015
5. Kucken wir...
...eigentlich Tatort oder müssen wir ein Cineasten-Seminar belegen? Ist alles ein bisschen sehr overdone, oder?
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