"Bremen"-Tatort aus dem Müll-Milieu Euer Dreck macht uns reich 

Aufstieg dank Abfall: Im Bremer "Tatort" treffen Lürsen und Stedefreund auf einen Trupp Müllmänner, die es zu Wohlstand gebracht haben. Ein Krimi zwischen Milieustudie und Mafia-Epos. Riecht schlecht, kommt gut.

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Kerle in orangefarbenen Schutzanzügen, aufgereiht in grimmig entschlossener Kampfhaltung, abgefilmt in prachtvoller Slow Motion: Mitten im neuen "Tatort" aus Bremen diese Szene, die aussieht wie aus dem Action-Blockbuster "Armageddon" geklaut. Allerdings rettet hier nicht Bruce Willis mit seinen Astronautenkumpels die Welt vor einem Meteoriten, sondern eine Truppe Müllmänner sich selbst vor dem Abstieg in den Niedriglohnsektor.

Bei so einem Anblick muss das Herz jedes Gewerkschafters aufgehen: Die stolzen Müllmänner um Schichtführer Pavel Symanek (Hendrik Arnst) sind bestens organisiert, vom Gehalt bleibt genug übrig, um kleine Eigenheime abzubezahlen, in Bremen gehört den Männern zusammen fast eine ganze Straße. Ein gemeinsam betriebener Fahrservice bringt ihre Kleinen sicher zur Schule, nach Schichtende trifft man sich mit den Ehefrauen zum Grillen.

Nicht ganz unschuldig am erstaunlichen Wohlstand im Müll-Milieu ist der Bewährungshelfer Uwe Frank (Roeland Wiesnekker). Er hat schon einige schwere Jungs an einen örtlichen Müllentsorger vermittelt, kaum einer ist rückfällig geworden, in der Behörde raunt man neidvoll von einer Rehabilitierungsrate von 94 Prozent. Einer mit so einer Bilanz muss nicht im Büro erscheinen, deshalb residiert Frank in einem heruntergekommen chinesischen Restaurant um die Ecke, wo er zwischen Boney M. und Falco aus den Musikboxen Streitigkeiten zwischen "seinen Jungs" ausräumt. Die Müllmänner nennen ihn Papa, man könnte auch Pate zu ihm sagen.

Aufstieg dank Abfall: In einer tollkühnen Genre-Mixtur erzählt "Alle meine Jungs" (Buch: Erol Yesilkaya, Boris Dennulat, Matthias Tuchmann) von einer etwas anderen Parallelgesellschaft, von einer Schattenwirtschaft im Schatten der Müllberge. Hier die hemdsärmlige Milieugeschichte, dort die Mafia-Groteske, und schließlich beinhaltet dieser "Tatort" auch noch einen Korruptionskrimi.

"Good Fellas" im Müllmänner-Look

Denn irgendwas in diesem auf den ersten Blick vorbildlichen Versorgungssystem ist nicht koscher. Einer der Männer stirbt nach einer Messerattacke in seinem Müllwagen; während ihrer Untersuchungen stoßen Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) bei den anderen Müllmännern auf eine Mauer des Schweigens. Im Film wird gerade von Politik und Wirtschaft ein Modell ausgearbeitet, durch das Besitzer von Müllverbrennungsanlagen den zuliefernden Müllmännern zusätzliche Sozialleistungen zukommen lassen sollen.

Möglicherweise zeigen diese sich dadurch erkenntlich, dass sie nicht so genau auf die Deklarierung des Mülls schauen, den sie durch die Gegend fahren. Und der Mord könnte mit dem sensiblen Verhandlungsprozess in Verbindung stehen.

Beachtlich, wie Regisseur Florian Baxmeyer die Balance hält zwischen Fabulierlust und Gegenwartsbezug. Die Verantwortlichen des Bremer "Tatort" wagten immer viel, gingen dafür freilich auch öfter mal baden. Immerhin: Ein Bremer Krimi ist eigentlich nie richtig langweilig. Egal ob man nun, wie vor zwei Jahren, von einer komplett abstrusen Hochzeitsgeiselnahme erzählt oder von der höchst realen Clan-Kriminalität, so wie unlängst in der aufsehenerregenden Episode über die arabische Mafia in der Hansestadt. Beide "Tatort"-Episoden setzte Baxmeyer in Szene.

Für "Alle meine Jungs" läuft der Regisseur nun zu Hochform auf. Ein paarmal hat man Angst, dass die schwierige Erzählanordnung in sich zusammenfällt. Tut sie aber nicht. Was auch an den Figuren liegt, die angenehm ambivalent bleiben. Die Müllmänner sind eben nicht eine Truppe sozialer Randgestalten, die auf unser Mitleid angewiesen sind. Sie bilden vielmehr eine "ehrenwerte Gesellschaft" - mit all deren Vor- und vor allem Nachteilen. "Good Fellas" im Müllmänner-Look.


"Tatort: Alle meine Jungs", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
d.enkmalwieder 16.05.2014
1. Was erlaube....
Buss ? Ist die Verissflasche schon wieder leer? Darf das sein 3 oder 4 positive Tatort Kritiken am Stück?
christian simons 16.05.2014
2.
Zitat von sysopARDAufstieg dank Abfall: Im Bremer "Tatort" treffen Lürsen und Stedefreund auf einen Trupp Müllmänner, die es zu Wohlstand gebracht haben. Ein Krimi zwischen Milieu-Studie und Mafia-Epos. Riecht schlecht, kommt gut. http://www.spiegel.de/kultur/tv/tatort-bremen-sabine-postel-und-oliver-mommsen-in-alle-meine-jungs-a-968948.html
Originell: Die Müllbeseitigungsbranche als Fassade für die Mafia. Wie ist das wohl zustande gekommen? Tatort-Redakteur nach dem Mittagsschlaf: Wir machen mal was mit "Sopranos".
weserbaer 16.05.2014
3. Lürsen und die heißen Eisen
Zitat von sysopARDAufstieg dank Abfall: Im Bremer "Tatort" treffen Lürsen und Stedefreund auf einen Trupp Müllmänner, die es zu Wohlstand gebracht haben. Ein Krimi zwischen Milieu-Studie und Mafia-Epos. Riecht schlecht, kommt gut. http://www.spiegel.de/kultur/tv/tatort-bremen-sabine-postel-und-oliver-mommsen-in-alle-meine-jungs-a-968948.html
Sabine Postel schreckt vor Dreck nicht zurück. Sie fasst heiße Eisen an und auch die braune Brut bekam von ihr ihr Fett weg nun also ist die Recycling Mafia dran. Gratulation.
heerfenns 16.05.2014
4. Freundlich, nicht grimmig gemeint...
...ein Rat an Sie, Herr Buß. Überprüfen Sie bitte Ihr Vokabular. "Grimmig" scheint Ihr Favorit unter den Adjektiven zu sein. Kommt in nahezu JEDEM Artikel vor. Ehrlich!
heerfenns 16.05.2014
5. All das in der obigen Kritik beschriebene...
trifft insofern zu, als dass es sich um Wünsche und Vorstellungen vor Drehbeginn gehandelt haben mag. So (oder ähnlich) sollte der Film wahrscheinlich werden. Hat aber so gar nicht geklappt. Um es kurz zu machen: bei diesem Tatort ist eigentlich alles in die Hose gegangen: Schauspieler, die nicht überzeugen, ein Drehbuch, dass verstörend konstruiert wirkt, überdrehte Inszenierungen ("Armageddon"), die sich nicht als solche vermitteln, Logiklöcher größer als der Bremer Müllberg und am Ende ein vollkommen inkonsequenter Plot. Es gibt (auch) in Bremen dubiose Geschäfte mit dem Müll. Mutig wäre es gewesen, erzählerisch den entscheidenden Schritt weiter zu gehen. Beispiel? die Politik! Speziell die grünangestrichene Müllpolitik. Tragisches Fazit: einer der schlechtesten Tatort-Filme ever!
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