"Tatort" über Selbstjustiz Ich bin Arzt, ich bring dich um

Unser Schmerz wird euer Schmerz: Im neuen "Tatort" verübt ein Ehepaar, dessen Tochter ermordet wurde, Selbstjustiz am Täter und setzt dabei auch dem Rest der Welt zu. Ein gefährlich schiefes Rache-Gleichnis.

SWR/Stephanie Schweigert

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Der Arzt im Haus erspart den Folterknecht. So mögen die Verantwortlichen dieses mit beschränktem Personal und ebenso beschränkter Plausibilität inszenierten "Tatort" gedacht haben: Ein Ehepaar (Robert Hunger-Bühler und Michaela Caspar), dessen Tochter einst vergewaltigt und ermordet wurde, rächt sich am Täter. Der Ehemann ist Arzt; mit seiner Frau bringt er den verurteilten Gewalttäter nach dessen Haftentlassung in ihr schönes Einzelhaus, wo sie ihn mit fachmännisch gesetzten Infusionen in den Exitus quälen.

Später findet man die Leiche des Gefolterten in einem Abfallcontainer. Kommissar Lannert (Richy Müller) erscheint vor Ort, schaut in den Container und lässt sich vom Forensiker erklären, dass der Tote vom Müllmann entdeckt wurde: "War er da schon tot?" Klar, man wird doch mal fragen dürfen; aber man darf auch so viel Verstand beim Kommissar voraussetzen, dass er sich vorzustellen vermag, dass die Kollegen das Opfer schnellstmöglich ins Krankenhaus gebracht hätten, wenn noch der kleinste Funke Leben in dessen Körper gewesen wäre.

Was ist da los im Stuttgarter "Tatort"? Über die letzten Folgen hat der Krimi an Fahrt gewonnen, die letzte über Stuttgart 21 war ein großangelegtes Gesellschaftspanorama, brutal, bissig, politisch brisant bis ins kleinste Detail. Nun folgt ein Krimi, bei dem man sich für die Sparflammen-Geistesblitze der Kommissare genauso schämt wie für die Plot-Patzer in Reihe.

Riskantes Opfer-Täter-Szenario

Kaum erfährt zum Beispiel Kommissar Lannert, dass der Vater des missbrauchten Mädchen Arzt ist, nimmt er ihn auch schon als potenziellen Rachemörder ins Visier und lässt ihn observieren. So abrupt die Handlungswendungen, so unlogisch das Ausgangsszenario: So holt am Anfang die Mutter des toten Mädchen als Sozialarbeiterin getarnt den Peiniger aus dem Gefängnis ab - obwohl der Täter sie in den langen Verhandlungen nach der Ermordung der Tochter doch etliche Male gesehen haben muss.

Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt hat mit "Mord auf Amrum" einen Gewaltwestern mit verstörendem Witz geschrieben, Regisseur Roland Suso Richter mit seinem Terror-Thriller "Mogadischu" über die Landshut-Entführung eine psychologisch klug verdichtete Konfrontation von Entführern und Entführten gedreht. Im "Tatort" aber verfängt das Opfer-Täter-Szenario nicht.

Und das hat auch damit zu tun, dass die Filmemacher nicht die riskanten Ambivalenzen des Stoffes in den Griff bekommen. Erst sehen wir das Geschehen aus den Augen des Rächerehepaars, später sind wir emotional ganz bei Kommissar Bootz (Felix Klare). Dessen Tochter wird vom Ehepaar entführt; durch den drohenden Verlust soll er erleben, was einst die trauernden Eltern durchgemacht haben. Eine schwierige Konstruktion, weil sie, so wie sie erzählt ist, die Rächer-Hybris zumindest über Strecken legitimiert.

Besonders problematisch: Am Ende dieses Unser-Schmerz-wird-euer-Schmerz-Terrors gibt es einen unpassenden kathartischen Moment, der einen weiteren Beteiligten tot und alle anderen gereinigt zurücklässt. Zu viel Emo-Schmiere für einen Selbstjustizkrimi.

Bewertung: 2 von 10


"Tatort: Der Preis des Lebens", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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"Tatort: Der Preis des Lebens", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
DieButter 23.10.2015
1.
Wirklich sehr ulkig. Als ob nur Ärzte in der Lage wären Infusionen zu setzen. Die meiste Erfahrung mit dieser Methode Menschen quälen zu können, dürften wohl eher die Schwestern haben. Da gibt es hingegen für Ärzte viel mehr und weitaus effizientere Möglichkeiten, als sich wohl so mancher schlechter Drehbuchautor vorzustellen vermag.
gustavredlicher 23.10.2015
2. Na ja,
die übliche Furcht vor dem "gefährlich schiefen Rache-Gleichnis" ist unbegründet, solange der Staat seiner Pflicht des Schutzes der Bürger nachkommt. Selbstjustiz gibt es aber zuweilen dort, wo dies nicht der Fall ist. Unsere Kuscheljustiz tut in der Tat alles, um alles zu verharmlosen. Da werden Straftäter manchmal wegen irgendwelcher aus der Luft gegriffenen mildernden Umständen mit Samthandschuhen angefasst, anstatt alle rechtsstaatlichen Mittel auszuschöpfen. Und dann wundert man sich, daß die Opfer selber ihr Recht in die Hand nehmen.
Susi Sorglos 24.10.2015
3. So, wie dieses Werk zerissen wird
wird es bestimmt der beste Tatort seit Monaten. Auch wenn Herr Buss barocke Gustaf-Gründgens-Theatralik leidenschaftlich verehren mag - es ist UNTERHALTUNG!
lemmy 25.10.2015
4. Geschmäcker und die Qualität von Rezensionen
Über Geschmäcker lässt sich nicht wirklich streiten. Sind halt unterschiedlich. Was soll´s. Über die Qualität von Rezensionen schon. Und die hier im Spiegel sind neuerdings, was den Tatort-Plot anbelangt ein wenig einseitig geraten, wie mir scheint. Es werden doch durch die Bank nur noch die Folgen hoch gelobt, die einen total engen Bezug zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Themen aufweisen. Alles Andere findet in den Augen des Autors keine Gnade. In Meinen schon. Und damit stehe ich weiß Gott nicht alleine da. War doch erst vor wenigen Tagen in einer renommierten Zeitung folgende Rezension zum selben Tatort zu lesen: "Ideal zum mitfiebern, spannend, überraschende Wendungen, gut aufspielende Darsteller. Fazit: Gelungen !" Noch Fragen ?
clararu 25.10.2015
5. Sehr geehrter Herr Buß,
'Mörder auf Amrum' wäre der korrekte Titel gewesen; und bei aller Wertschätzung für Herrn Imboden und Herrn Schmidt - 'Gewaltwestern mit verstörendem Witz'? Geht's auch ne Nummer weniger tarantinesk? Quentin T. ist nicht das Maß aller Dinge. Sollten Sie einen 'Tatort' in Westernmanier sehen wollen, dann empfehle ich 'Jagdrevier' von 1973; Buch: Herbert Lichtenfeld, Regie: Wolfgang Petersen
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