"Tatort" mit Ulmen und Tschirner Absolute Verzweiflung, enormer Witz

Im Weimar-"Tatort" geht es um sensible Stahlkocher und den Denker Kierkegaard, aber auch um Sex- und Waxing-Späße. Eine existenzphilosophische Nummernrevue.

MDR/ Anke Neugebauer

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Ein Stahlwerk, dessen Hochofen lodert wie ein Höllenfeuer. Eine Plattenbausiedlung, die gottvergessen in der thüringischen Landschaft steht. Ein Wohnwagen, in dem eine Prostituierte ihren Körper verkauft. Und dann, oha, wird auch noch Kierkegaard zitiert.

Der Aphorismus des Denkers wird eher genuschelt als aufgesagt. Wir schreiben ihn deshalb an dieser Stelle in seiner ganzen Pracht auf, damit man beim "Tatort"-Schauen am Sonntag nicht googeln muss: "In der endlichen Verzweiflung schließe ich mich ein mit dem Endlichen; in der absoluten Verzweiflung schließe ich mich auch für das Unendliche."

Sehr witzig, Weimar! Oder meinen die das ernst? Das Gute an den "Tatorten" mit Nora Tschirner und Christian Ulmen ist ja, dass man das oft nicht sagen kann. Hinter einer extrem trockenen Komik tut sich bei ihnen oft ein großes Verständnis für die Tragik allen menschlichen Miteinanders auf. So auch in der aktuellen, existenzphilosophisch aufgeladene Nummernrevue zu den Themen Lebensmüdigkeit und ewige Liebe.

Im Zentrum steht das Geschwisterpaar Siegrid und Roy. Er (Florian Lukas) malocht in einem Stahlwerk, wo Kerle auch Gefühle haben dürfen; sie (Fritzi Haberlandt) führt einen Beauty-Salon, in dem nicht viel Schönheit zu finden ist.

Das Drama zwischen Bruder und Schwester: Kurz vor Siegrids Heirat hat Roy mit dem Bräutigam Junggesellenabschied gefeiert; betrunken setzte man in einem Becken des Stahlwerks eine Feuerzangenbowle auf, die außer Kontrolle geriet. Der Bräutigam verlor ein Bein und wird seitdem Flamingo genannt, die Liebe der Schwester ging in die Brüche, der Bruder wird von Suizidgedanken gequält.

Die Grenze zwischen Ironie und Zynismus wird nicht überschritten

Jetzt werden in der Schlacke vor dem Hochofen verkohlte Leichenteile gefunden, die offensichtlich von Roy stammen. Wurde der Mann in den Ofen gestoßen? Oder hat er sich selbst in die Flammen geschmissen? Und was hat die Prostituierte aus dem vor der Plattenbausiedlung geparkten Wohnwagen mit der Sache zu tun?

Ein Krimi-Spießer, wer diese Fragen in Form eines klassischen Täterrätsels beantwortet haben möchte. Andreas Pflüger und Murmel Clausen, die Hausautoren des Weimar-"Tatorts" , feiern die einzelne Szene; sie setzen auf Pointen statt plot points. Muss man mögen. Zum Beispiel als Tschirners Kommissarin Dorn ankündigt, undercover im Schönheitssalon zu ermitteln: "Vielleicht sollte ich mir mal die Beine wachsen lassen." Antwort von Ulmens Lessing: "Oh, ja, fünf Zentimeter."

Regisseur Gregor Schnitzler, der Komödienhighlights gedreht hat ("Was tun, wenn's brennt?") und auch Komödientiefpunkte ("Resturlaub"), inszeniert diesen tragikomischen "Tatort" punktgenau. Die Grenze zwischen Ironie und Zynismus wird nicht überschritten. Auch nicht wenn Stilelemente des Stahlwerk- und Plattenbau-Sozialreports imitiert werden, um diese dann aberwitzig zu brechen. Auf diese Weise funktionieren in "Der treue Roy" auch die Gags im Wohnwagenpuff oder die grotesken Suizidversuche des Titelhelden, die in Rückblenden gezeigt werden.

Der MDR hat in Sachen "Tatort" in den letzten Jahren ja nicht immer schlau agiert , beim sogenannten Event-"Tatort" aus Weimar, dessen dritte Episode an diesem Sonntag läuft, schien er zwischenzeitlich ein bisschen zu zögerlich. Die Ausstrahlung der zweiten Episode liegt immerhin schon 16 Monate zurück. Doch inzwischen ist ein vierter Weimar-"Tatort" bereits abgedreht, und ein fünfter wurde eben gerade in Auftrag gegeben, danach soll es in solider Taktung weitergehen. Sauber.

"Tot aber lebendig" lautet der Arbeitstitel der nächsten Folge. Klingt schon wieder nach Kierkegaard.

Bewertung: 8 von 10 Punkten

"Tatort: Der treue Roy" , Sonntag, 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
spiegelklammer 22.04.2016
1. Oh Herr Buß ....
neben Ihren "existenzphilosophischen" Ergüssen sollten Sie sich doch mal mit der Geographie der nicht mehr so neuen Bundesländer vertraut machen, Dorn und Lessing ermitteln doch laut SPON in Weimar, Weimar liegt aber nicht in Sachsen, sondern in Thüringen, und ich glaube da sind die ganz stolz drauf. Oder ermitteln die jetzt über Landesgrenzen hinaus, naja ist letztendlich alles MDR-Land. Im Übrigen bin ich ja mal gespannt, wie Arendt, Heidegger, Nietzsche in die Tatortvorgänge verwickelt sind.
Eduschu 22.04.2016
2.
Ich weiß gar nicht, warum ich mir die Vorschauen zum Tatort immer durchlese. Bei mir steht eh jedes Mal vorher fest, was ich anschauen werde. Tschirner und Ulmen in Weimar sind dabei. Ebenso wie die Münsteraner und (aus Lokalpatriotismus) die Stuttgarter. Trotzdem gut, wenn sich meine Präjudizien mit der Meinung eines neutralen Beobachter stützen lassen wie in diesem Fall.
ancoats 22.04.2016
3. Ja!
Ich freu mich, denn die Dinger waren, wenn auch kein klassischer Tatort (was immer das heutzutage auch sein mag...), undeutsch witty and highly entertaining. Hoffentlich haben sie diesmal beim Drehen auch mal ein zweites Mikrophon benutzt...
vegefranz 22.04.2016
4. Tatort ist muffige Volkserziehung im Regierungsfernsehen
Ohne Tatort wären die Umfragewerte von CDUSPDGrün noch weiter im Keller. Der Tatort hat im Konzept der Regierungsparteien eine wichtige Rolle
Blockade 22.04.2016
5. Im Osten sprechen alle sächsisch
Frage: Spielt der Tatort in Weimar ? Wenn ja, sollten da keine "sächsischen Plattenbauten" zu sehen sein.
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