Krimis über Pornoindustrie, RAF und AfD Das sind die "Tatort"-Highlights der Saison

In Frankfurt ermitteln die Kommissare unter Gespenstern, in Hamburg unter Rechtspopulisten und in München unter Pornoproduzenten: Dies sind die gewagtesten "Tatorte" der Saison 2017/2018.

Szene aus der "Tatort"-Folge "Fürchte dich"
HR

Szene aus der "Tatort"-Folge "Fürchte dich"


Gespenster in Frankfurt: "Fürchtet dich"

War das realistisch? Auch SPIEGEL ONLINE macht Montagmorgen oft den Faktencheck. Bei unserem "Tatort" sind wir Deutschen nun mal besonders pedantisch: Die Polizeiarbeit muss stimmen, die gesellschaftspolitische Wirklichkeit soll reflektiert werden. Dem Hessischen Rundfunk (HR) ist das jetzt mal egal, er befreit den Frankfurter "Tatort" vom Fluch des Faktischen und lässt Brix (Wolfram Koch) und Janneke (Margarita Broich) in der Folge "Fürchtet dich" in einem Geisterhaus ermitteln.

Für Schaueratmosphäre sorgen Donner, Blitze und gruselig hallende Knackgeräusche, die direkt aus den Knochen der Toten zu kommen scheinen. Unter den Holzdielen eines Dachbodens wird ein Kinderskelett gefunden, Gespenster lassen sich über Séancen zur Zwiesprache herausfordern und fordern Sühne für ein ungeahndetes Verbrechen aus ferner Vergangenheit.

Die Genre-Experten vom HR haben in der Vergangenheit für den "Tatort" immer mal wieder mit dem Horrorfach experimentiert, etwa in kunstvollen Variationen auf Klassiker wie Wes Cravens "Last House on the Left" oder David Finchers "Se7en". "Fürchte dich" ist der bislang konsequenteste Versuch, die Krimireihe vom Realitätsdiktat zu befreien. Soll passenderweise um Halloween 2017 herum ausgestrahlt werden.

RAF in Stuttgart: "Der rote Schatten"

Lannert (l.) und Bootz im "Tatort" (Archivbild)
SWR/ Johannes Krieg

Lannert (l.) und Bootz im "Tatort" (Archivbild)

Und noch ein "Tatort" über Untote. Hier spuken allerdings die Gespenster des ganz realen Deutschen Herbstes in die Handlung hinein: Die Stuttgarter Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) ermitteln einen Todesfall, der sie direkt in die Nacht zum 18. Oktober 1977 zurückführt, als Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe, die Anführer der ersten RAF-Generation, in ihren Zellen in Stuttgart-Stammheim Suizid begingen.

"Der rote Schatten" heißt die Folge, Regie führte Dominik Graf, das Drehbuch schrieb Rolf Basedow, die beiden haben schon für das Berliner Russenmafiapanorama "Im Angesicht des Verbrechens" zusammengearbeitet. In ihrem Stuttgarter RAF-Krimi geht es um größtmögliche Authentizität. Penibel wurden die Gefängniszellen in Stammheim nachgebaut, es gibt - für den "Tatort" eher ungewöhnlich - viele historische Aufnahmen zu sehen.

Doch es geht Deutschland-Deuter Graf, der zuletzt mit "Am Abend aller Tage" eine frei gestalteten Thriller um den Schwabinger Kunstfund geliefert hat, vor allem auch um die Nachwirkungen des Deutschen Herbstes im Hier und Jetzt. Der Plot, der Richtung V-Männer und Verfassungsschutz gedreht ist, suggeriert Fehler, Versäumnisse und verbrecherische Energien aufseiten des Staates. Ein ungemütlicher Thriller, läuft im Oktober drei Tage vor dem 40. Jahrestag der Stammheimer Suizide.

AfD in Hamburg: "Die dunkle Zeit"

Falke (l.) mit den Kollegen Fohlen und Grosz in "Die dunkle Zeit"
NDR/ Christine Schroeder

Falke (l.) mit den Kollegen Fohlen und Grosz in "Die dunkle Zeit"

Wenn der Punk die Rechtspopulisten schützen muss: Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) macht aus seiner Gesinnung kein Geheimnis, früher trug er schon mal ein T-Shirt mit dem Logo der linksradikalen Band Minor Threat im Dienst, diesmal hat er wieder den alten Fetzen mit dem Ramones-Logo an. Eine klare Provokation für die Fraktionsvorsitzenden der Partei "Neue Patrioten", die nach Anschlägen und Hassmails Polizeischutz erhält.

Der Name AfD fällt nicht einmal, und doch sind in die Figur der Politikerin Züge von Frauke Petry und anderen AfD-Persönlichkeiten eingeflossen. Und neben ihr agieren Männer, die an rechtsnationale Vordenker wie Götz Kubitschek erinnern. Regisseur und Autor Niki Stein, der auch schon den brisanten Stuttgart-21-"Tatort" gedreht hat, geht mal wieder aufs Ganze. Der gerade abgedrehte AfD-"Tatort" mit dem Titel "Die dunkle Zeit" wird im Winter ausgestrahlt, da ist die Bundestagswahl schon gelaufen; weil der Film aber vor dem Hintergrund einer Wahl spielt, musste Stein eine eigene Prognose aufstellen: Im "Tatort" liegen die Rechtspopulisten bei acht Prozent.

Nach Ausflügen nach Niedersachsen kehrt Möhrings Bundespolizist Falke für diesen hochrelevanten Fall nach Hamburg zurück. Aber ist die Hansestadt nicht ganz in der Hand von Till Schweigers Tschiller? Im Moment nicht. Zwar wartet noch Schweigers Kino-"Tatort" auf die TV-Ausstrahlung im Sommer 2018, und es gibt einen Vertrag für drei weitere "Tatorte" - das Wie und Wann ist aber noch völlig offen. Erst einmal hat Falke, der Kommissar Punk, wieder freie Bahn.

Mafiosi in Ludwigshafen: "Kopper"

Andreas Hoppe (r.) als Kommissar in "Kopper"
SWR/ Roland Suso Richter

Andreas Hoppe (r.) als Kommissar in "Kopper"

Das war doch kein Leben, was Kopper über die letzten Jahre als Schatten von Kollegin Odenthal geführt hat: Wein entkorken, Pasta würzen, Katzenklo säubern. Ansonsten schleppte sich der von Andreas Hoppe verkörperte Ermittler und WG-Genosse lustlos bis bockig in seinen Cowboyboots durch den Ludwigshafen-"Tatort". Wenig verwunderlich, die moderne Profilerin Johanna Stern macht dem Macho-Cop alten Schlages den Sidekick-Platz streitig.

Zum Abschied bekommt Kopper nun noch einmal einen großen Auftritt. In der nach ihm benannten "Tatort"-Folge legt sich der italienischstämmige Verwöhn- und Zudröhn-Cop mit der Stidda an, einem Zweig der sizilianischen Mafia, die zwar weniger einflussreich als die Cosa Nostra ist, aber in ihrer Organisation auch schwieriger durchschaubar. Ein alter italienischer Freund weiß um Steuerbetrug und andere Machenschaften der Gangster und will ins Zeugenschutzprogramm.

Ausgangspunkt für ein amtliches Mafia-Paranoia-Panorama samt abgeschnittener Körperteile und Dialoge auf Grappa, das den "Tatort"-Cowboy Andreas Hoppe noch mal auf Hochtouren bringt. Die Episode wird im Winter ausgestrahlt, für die Cowboyboots von Kopper wird angeblich noch ein Museumsplätzchen gesucht.

Existenzkämpfe in Niedersachsen: "Der Fall Holdt"

Szene aus dem Lindholm-"Tatort" "Der Fall Holdt"
NDR/ Marion von der Mehden

Szene aus dem Lindholm-"Tatort" "Der Fall Holdt"

Es ist einer der mysteriösesten Kriminalfälle der letzten zehn Jahre: 2010 wurde in Baden-Württemberg die Bankiersehefrau Maria Bögerl entführt, eine Lösegeldübergabe scheiterte, einen Monat später wird die Leiche gefunden, im Jahr darauf begeht der Ehemann Suizid. Bis heute sind die Behörden mit dem Fall Maria Bögerl beschäftigt, bis heute verläuft jede Spur im Leeren.

Der NDR hat sich von dem realen Fall nun für den "Tatort" inspirieren lassen: Die von Maria Furtwängler gespielte Kommissarin Charlotte Lindholm wird durch die Entführung einer Bankiersfrau in der niedersächsischen Provinz an die eigenen Grenzen geführt, in der Spiegelung zu dem Fall droht sie verloren zu gehen.

Der Copthriller als weibliches Identitätsschauspiel mit offenem Ausgang: Regie führte die junge Regisseurin Anne Zohra Berrached, die zuvor das im Wettbewerb der Berlinale gelaufene Spätabtreibungsdrama "24 Wochen" gedreht hat . Ohrensesselhobbydetektive lassen bei Ausstrahlung dieses "Tatort" im November lieber den Fernseher aus.

Pornoindustrie in München: "Hardcore"

Batic (l.) und Leitmayr in "Hardcore"
BR/ Hagen Keller

Batic (l.) und Leitmayr in "Hardcore"

In Sachen Erotik ist den beiden in Ehren ergrauten Buben aus München ja nichts fremd. Mit heiterem Interesse betrachten Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) stets auch die abseitigeren Techniken des Lustgewinns, teilweise werden sie selbst Ausführende, wie zuletzt bei der Folge "Die Liebe ist ein seltsames Spiel" über das Phänomen der Polyamorie.

Bei Batic' und Wachtveitls erotischen Exkursen mischt sich oft eine gewisse Melancholie in den Blick auf das immer unterschiedliche, immer gleiche verzweifelte Treiben des Menschen, seinen Fantasien hinterherzukommen. Das dürfte auch bei der Folge über das Münchner Pornobusiness der Fall sein, deren Ausstrahlung für den Oktober angesetzt ist. Zwar klingt der Episodentitel "Hardcore" brutal, doch schwingt darin auch eine gewisse Nostalgie mit. Es ist ein Verweis auf die frühen Tage des Münchner Pornohandwerks.

Früher war bekanntlich alles besser. Das finden in München auch die Sexfilmproduzenten, die sich nach der Goldenen Ära der Achtziger- und Neunzigerjahre, in der sie den Homevideomarkt belieferten, nun mit der Konkurrenz aus dem World Wide Web herumschlagen müssen. Nach dem Mord an der Darstellerin Luna Pink ermitteln Batic und Leitmayr in einer Branche, die ihre glamourösen Tage hinter sich hat. Internet kills the Pornostar.

insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
konopka1978 23.08.2017
1. Mir unverständlich...
...wie der Tatort ein solch nationales Kulturgut werden konnte, dass ich auf kaum einer Nachrichtenseite an ihm vorbeikomme. Langweilige Krimis, oft mit erhobenem Zeigefinger, manchmal mit Soziokitsch, das braucht wirklich kien Mensch.
Little_Nemo 23.08.2017
2. Tatort-Besichtigung ohne aufstehen zu müssen
Besonders auf die Frankfurter Halloween-Folge und die Hamburger Folge freue ich mich schon. Seitensprünge, weg vom Routine-Tatort sind oft gut. Auch die Lindholm-Folge klingt interessant, was aber, argwöhne ich, wohl mehr Herrn Buß und seiner Schreibe geschuldet ist, als der Tatort-Folge selbst. Mit der Figur der Frau Lindholm konnte ich bisher nie viel anfangen, was, denke ich, maßgeblich mit ihrer Darstellerin zu tun hat, die immer ein bisschen zu sehr auf Sophisticated macht. Auch die Figur Kopper ist nicht so mein Ding, wie die Ludwigshafener Tatorte überhaupt. Die Münchener sind natürlich eine feste Bank ("Frau Bu lacht" ist aber immer noch unübertroffen). Und Bootz und Lannert überzeugen wenigstens hin und wieder. Was mich ein wenig ernüchtert ist, dass man hier gar nichts über einen neuen Dortmunder Tatort lesen kann. Für mich die Königsklasse der Tatort-Reihe, nur noch vergleichbar mit dem Rostocker Polizeiruf und den Murot-Tatorten. Und was ist mit den Kölnern und den Weimarern?
tkedm 23.08.2017
3.
Zitat von Little_NemoBesonders auf die Frankfurter Halloween-Folge und die Hamburger Folge freue ich mich schon. Seitensprünge, weg vom Routine-Tatort sind oft gut. Auch die Lindholm-Folge klingt interessant, was aber, argwöhne ich, wohl mehr Herrn Buß und seiner Schreibe geschuldet ist, als der Tatort-Folge selbst. Mit der Figur der Frau Lindholm konnte ich bisher nie viel anfangen, was, denke ich, maßgeblich mit ihrer Darstellerin zu tun hat, die immer ein bisschen zu sehr auf Sophisticated macht. Auch die Figur Kopper ist nicht so mein Ding, wie die Ludwigshafener Tatorte überhaupt. Die Münchener sind natürlich eine feste Bank ("Frau Bu lacht" ist aber immer noch unübertroffen). Und Bootz und Lannert überzeugen wenigstens hin und wieder. Was mich ein wenig ernüchtert ist, dass man hier gar nichts über einen neuen Dortmunder Tatort lesen kann. Für mich die Königsklasse der Tatort-Reihe, nur noch vergleichbar mit dem Rostocker Polizeiruf und den Murot-Tatorten. Und was ist mit den Kölnern und den Weimarern?
Da brauche ich ja eigentlich gar keinen eigenen Kommentar zu schreiben: Den Dortmunder Tatort vermisse ich hier auch. Die besten Stories der letzten Jahre.
ersatzaccount 23.08.2017
4.
Zitat von konopka1978...wie der Tatort ein solch nationales Kulturgut werden konnte, dass ich auf kaum einer Nachrichtenseite an ihm vorbeikomme. Langweilige Krimis, oft mit erhobenem Zeigefinger, manchmal mit Soziokitsch, das braucht wirklich kien Mensch.
Weil für viele deutsche dieses Programm, warum auch immer, den Höhepunkt der Fernsehunterhaltung darstellt. in den USA läuft derzeit am Sonntagabend "Game of Thrones" und Netflix und Konsorten sind auch nicht jedem bekannt.
koch-51 23.08.2017
5. "Tatort", das richtige Mittel gegen Rechts
Ich halte den Tatort für das optimale Medium, um politische Aufklärungsarbeit zu leisten. Fiktion mit Realitätsbezug spricht das Empfinden an und erzielt somit eine nachhaltigere Wirkung, gerade auch bei "einfacheren" Gemütern als eine noch so detailgenaue politische Dokumentation oder Talkshow. Beim Kampf gegen die AfD stimmt nur das Timing nicht, jetzt müsste dieser Tatort in den öffentlich - rechtl. Medien gesendet werden.
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