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24. August 2018, 10:43 Uhr

Vulgärkulinarischer Weimar-"Tatort"

Die Welt ist eine Kartoffel

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Wer gehört zusammen wie Soß und Kloß? Nora Tschirner und Christian Ulmen ermitteln für den Weimar-"Tatort" in der Kartoffelteigmanufaktur - Küchenpsychologie und Küchenpoesie der rustikalen Art.

Je mehr Jahre der Weimar-"Tatort" auf dem Buckel hat, desto stärker erinnert er an den Münster-"Tatort" in jungen Jahren. Oft ist er sich selbst genug damit, pro Folge eine kulinarische Scheußlichkeit der Region zu präsentieren und die kriminellen wirtschaftlichen Implikationen des produzierenden Gewerbes ins Groteske zu drehen. Uns ist er damit meistens auch genug.

Nach der überladenen Rotlicht-Recherche samt explosivem Finale vom Februar schnurrt sich die aktuelle Folge des Weimar-"Tatorts" im fünften Jahr seines Bestehens wieder korrekt ins Vulgärkulinarische. Der Besitzer einer Manufaktur für Kartoffelprodukte, Christoph Hassenzahl, wurde ermordet. Oder, um im Bereich der Speisezubereitung zu bleiben: granuliert. Genauer gesagt: schockgefrostet und dann in unzählige Partikel geteilt. "Minus 196 Grad, überlebt das die DNA?", fragt die Ermittlerin die Rechtsmedizinerin.

Der Wissenschaftsdiskurs bleibt in diesem Krimi natürlich verkürzt, der Themenkomplex Liebe, Tod, Kartoffel verleitet die Ermittler Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen) und die Menschen um sie herum vielmehr zu Exkursen in die Küchenpsychologie und die Küchenpoesie.

Wenn sich in dieser Folge Menschen lieben, dichten sie: "Wir gehören zusammen wie Soß und Kloß." Wenn sie der Sache genauer auf den Grund gehen wollen, konstatieren sie: "Erst wenn die Kartoffel geschält ist, zeigt sie ihren wahren Charakter." Die "Tatort"-Folgen aus Thüringen muss man zitieren. Verstehen muss man sie nicht.

Kloßfabrikant wird schockgefrostet

Die Handlung um den schockgefrosteten Kloßfabrikanten kullert denn auch wie eine gedellte Kartoffel auf verdrängungswettbewerbliche Verstrickungen zu: Die größte Supermarktkette der Region wollte die "Hassenzahler Kloßspezialitäten" - sechs Klöße, 79 Cents - aus dem Sortiment nehmen, was den Ruin des Knollen-Imperiums bedeutet hätte. Ein pleite gegangener Kartoffelbauer, ein zwielichtiger Toilettenreiniger und eine unter Gedächtnisverlust leidende Kartoffelkönigin spielen auch eine Rolle.

Fragen Sie jetzt nicht, wie das eine mit dem anderen zusammenhängt. Die Stammautoren des Weimar-"Tatorts", Murmel Clausen und Andreas Pflüger, sowie der Regisseur Richard Huber, die vor der "Robusten Roswita" schon "Den irren Iwan" gemeinsam gedreht haben, setzen auf die Komik der Situation, nicht auf die Plausibilität des Ganzen. Der Plot vom Kartoffelkomplott ist arg salopp.

Am besten funktioniert dieser "Tatort" deshalb, wenn in Verhör- oder Analyse-Momente die Konventionen des Fernsehkrimis für einen Wimpernschlag rhetorisch oder handlungstechnisch ins Groteske verschoben werden. Etwa, wenn die Ermittlerin beim Blick auf ein Bild des Kartoffelkönigs mit Frau und Kindern am Esstisch neunmalklug konstatiert, dass dieser wohl Familienmensch gewesen sei und seine Angestellte nur trocken antwortet, dass seien bezahlte Schauspieler. Oder wenn da noch der Frühstücks-Kloß des Verstorbenen auf seinem Schreibtisch steht, eine neue Kreation, die er abnehmen sollte, bevor diese in Produktion gehen kann: ein Exemplar mit Altenburger Milbenkäse.

Dieser "Tatort" ist ein Loblied auf die Knolle geworden, bei dem sich mit der Erdfrucht jede menschliche Beziehung und jede kriminologische Verstrickung erklären lässt. Die Welt ist eine Kartoffel.

Bewertung: 7 von 10 Punkten


"Tatort: Die robuste Roswita", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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