Missbrauchs-"Tatort" aus Bremen Oh Tochter, wer bist du?

Eine 17-Jährige steht vor der Tür eines Bremer Eigenheims und behauptet, die vermisste Tochter zu sein. Ein abgründiger "Tatort" über fürsorgliche und verheerende Familienkräfte.

ARD

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Über ihrem Bett hängt ein Plakat zu "Lauras Stern" - womit sich siebenjährige Mädchen eben so die Wände ihrer Kinderzimmer tapezieren. Gelegentlich hüpft sie zu lauter Musik auf der Wohnzimmercouch herum und trinkt dazu Jack Daniel's aus der Flasche - womit sich 17-jährige Mädchen eben so ihre Nachmittage vertreiben.

Fiona Althoff (Gro Swantje Kohlhof) ist irgendwo zwischen sieben und 17 hängengeblieben. Vor zehn Jahren war sie auf einmal verschwunden, irgendwann hatte man die Suche nach ihr aufgegeben und sie für tot erklärt. Jetzt steht sie auf einmal vor der Tür des Bremer Vororteigenheims und zieht wieder in ihr altes Zimmer ein; alle Kuscheltiere von damals sind noch da. Die ältere Schwester (Amelie Kiefer) ist skeptisch, ob es sich wirklich um die Vermisste handelt, die Mutter (Gabriela Maria Schmeide) scheint sich sicher zu sein.

Bei der ersten Begegnung steht sie still vor der Tochter und schnuppert an ihr. So ein Muttertier kann die Wahrheit riechen, da bedarf es doch keines DNA-Tests, so wie ihn Kommissarin Lürsen (Sabine Postel) und Kollege Stedefreund (Oliver Mommsen) einfordern. Lürsen hatte damals schon ermittelt; offensichtlich waren ihre Schlüsse in dem Fall falsch.

Dass die Heimgekehrte Dinge aus ihrer frühen Kindheit vergessen hat, kann nicht verwundern. Sie ist schwer traumatisiert. Die letzten zehn Jahre fuhr Fiona, so berichtet sie, mit einem holländischen Hippie-Pärchen in einem Wohnmobil durch Europa, von Campingplatz zu Campingplatz. Offenbar waren die beiden Teil eines Pädophilen-Rings; das Mädchen erzählt von Partys, bei denen sie sich ausziehen musste und nässt bei der Erinnerung die Couch ein.

Therapie-Krimi und Identitäts-Thriller

Dieser Bremer "Tatort" beginnt als redliches Missbrauchsdrama. Sensibel, anrührend, und bei aller Explizität wird der Hauptfigur ihre Würde gelassen. In bestimmten Momenten geht die Kamera ganz nah ran an das Mädchen, dann wählt sie den Abstand und zeigt sie nur in der Rückenperspektive. Was weiß Fiona eigentlich über sich selbst? Was will sie über sich wissen? Und was dürfen die anderen über sie wissen?

Aus diesem Ineinander von Verdrängung und Aufarbeitung entwickelt sich ein doppelbödiger Plot. Fiona umarmt ihre Familie. Und scheint doch eine Andere zu sein als die, die sie früher war. Aber wie könnte es bei einer solchen Traumatisierung auch anders sein. Der Therapie-Krimi wird zum Identitäts-Thriller mit waghalsigen Handlungswendungen.

Am Skript waren insgesamt vier Personen beteiligt (Drehbuch: Matthias Tuchmann und Stefanie Veith, Drehbuchvorlage: Felice Götze und Sabine Radebold); das lässt darauf schließen, dass es bei der Entwicklung der Geschichte einige Probleme gab. Der fertige Film funktioniert aber trotz kleiner Schwachstellen, und das liegt auch an der sicheren Inszenierung von Florian Baxmeyer.

Der hatte einst für den Hamburger Undercover-Ermittler Cenk Batu einen für das deutsche Fernsehen sehr modernen Thriller-Stil entwickelt, in seinen inzwischen neun Bremer "Tatorten" versucht er oft, wenn auch nicht immer erfolgreich, Mord, Melo und Experiment zusammenzubringen. Unvergessen sein Mafia-Kintopp aus dem Müllmänner-Milieu.

In "Die Wiederkehr" finden er und Kameramann Peter Krause nun Bilder für den Annäherungs- und Aufarbeitungsprozess, die suggestiv sind, aber der Hauptfigur nicht das letzte Geheimnis entlocken müssen. Großartig auch die Impressionen von den Campingplätzen und den Eigenheimsiedlungen in und um Bremen. Sie passen gut zur Heldin, die so fremd zu sein scheint in diesem Idyll.


"Tatort: Die Wiederkehr", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
jaidru 13.03.2015
1. Lürsen
... ist das Stichwort zum Ausschalten. Danke, ohne mich!
iconoclasm 13.03.2015
2.
Es wäre schön wenn der Tatort wenigstens versuchen würde aktuelle Entwicklungen zu behandeln. Ist wahrscheinlich politisch nicht gewollt.
Augustusrex 13.03.2015
3. Wie wahr
Zitat von jaidru... ist das Stichwort zum Ausschalten. Danke, ohne mich!
Sie nehmen mir das Wort aus dem Mund.
Bondurant 13.03.2015
4. Der
Der hatte einst für den Hamburger Undercover-Ermittler Cenk Batu einen für das deutsche Fernsehen sehr modernen Thriller-Stil entwickelt... "moderne Thriller Stil" bei Kommissar Batu litt allerdings an extrem unwahrscheinlichen Geschichten. Eher ein böses Omen.
dorok 13.03.2015
5. Abgestumpft
Der kommende Tatort thematisiert offenbar das überaus brisante und aktuelle (siehe Großbritannien, aber nicht nur!) Thema organisierte Kriminalität zum Vorteil von sog. "Pädophilen", und alles, was den meisten Kommentatoren hier einfällt, ist das Lästern über Tatort-Kommissare! Wie abgestumpft muss man eigentlich sein?
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