"Tatort"-Doppelfolge aus Leipzig und Köln: Nase blutig, Story billig

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Wenn das deutsche Fernsehen das amerikanische nachahmt: Die Leipziger und Kölner "Tatort"-Teams finden sich am Osterwochenende zu einer Doppelfolge nach "CSI"-Manier zusammen - um dann dann doch nur einen provinziellen Straßenstrich-Krimi zu liefern.

Crossover-"Tatort": Drei Kölsch und eine Limo Fotos
MDR

Der Horror eines jeden deutschen Ermittlers? Amerikanisches Fernsehen. Freddy Schenk (Dietmar Bär) steht vor einer Leiche, auf der partout keine Spuren des Mörders zu finden sind. Der Hautptkommissar stöhnt: "Seit diesen amerikanischen Krimi-Serien haben alle Mörder scharfe Putzmittel."

Eine Klage, die sich selbstreferentiell lesen lässt: Denn der Kölner "Tatort"-Ermittler mit dem Kumpelcharme wird in der jüngsten Produktion noch durch andere Vorgaben aus dem US-Fernsehen in die Ecke gedrängt. Er findet sich in einem Serientäter-Krimi wieder, der amerikanischen Vorbildern nachgestellt wurde. Außerdem treten er und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) diesmal gemeinsam mit den Leipziger Kollegen Eva Saalfeld (Simone Thomalla) und Andreas Keppler (Martin Wuttke) an - so wie man es aus Crossover-Doppelfolgen von "CSI" kennt.

Ach, hätten die Verantwortlichen sich doch erinnert. Schon die beiden Folgen "Quartett in Leipzig" (2000) und "Rückspiel" (2002), bei denen die Kölner Ermittler auf ihre damaligen Ost-Kollegen trafen, waren Tiefpunkte der "Tatort"-Unterhaltung gewesen.

Wer fordert, deutsche Fernsehmacher sollten mal über den Teich schauen und sich an ihren amerikanischen Kollegen orientieren, wird hier ein besseren belehrt: Die US-Ranschmeiße wirkt so ungelenk, dass man sich beim Zuschauen sofort in die deutsche Krimi-Provinzialität zurückwünscht. Sowohl ästhetisch als auch inhaltlich haben sich die Macher an ihrer Aufgabe verhoben, hinter dem schnittigen Stil regiert der öffentlich-rechtliche Redlichkeitsmuff in seiner schlimmsten Form.

Der Triebtäter als Ästhet, wie originell

Dabei haben sich Jürgen Werner (Buch) und Thomas Jauch (Regie) alle Mühe gegeben, zwei Fälle ineinander zu verweben, die den Zuschauer drei Stunden bei der Stange halten könnten: In Leipzig und in Köln werden zeitgleich die Leichen zweier Mädchen gefunden, die eine in der Nähe des Leipziger Kinderstrichs, die andere wird aus dem Rhein gezogen. Die Ermittler aus Köln schlagen bald in Leipzig auf, später folgt ein Revanche-Besuch.

In der MDR-Episode "Kinderland", die am Ostersonntag läuft, geht es um Mädchen, die auf der Straße leben, die für die Gesellschaft nicht existent sind. Verschwindet eines von ihnen, bemerkt es keiner. In der anschließenden WDR-Episode am Ostermontag folgt der Zuschauer dann einem dieser Mädchen in ein Martyrium: Von einem Psychopathen entführt, wird Anna Römer (Stark: Lotte Flack) in einem Foto-Atelier gefangen gehalten. Der Mann pinselt ihr die Fingernägel an, balsamiert ihr die Haut und steckt sie in ein rotes Kleid. Am Tag ihres Todes soll sie wunderschön sein.

Der Triebtäter als Ästhet - das hat man in zig amerikanischen Krimis schon besser gesehen. So wie man überhaupt alles in diesen beiden "Tatorten" schon mal in amerikanischen Krimis besser gesehen hat. Doch es ist gar nicht so sehr das plumpe Plagiat, das an dieser Doppelfolge stört, es sind nicht die linkischen Parallelmontagen, mit der die beiden Ermitter-Teams am Anfang zueinander in Beziehung gesetzt werden, es sind auch nicht die umständlichen Dialoge - richtig schrecklich ist der voyeuristische Impuls, der hinter dem Aufklärungs-Krimi über Straßenstrich und Kinderschänder-Verlies auszumachen ist.

Letzte Woche war auf Arte Dominik Grafs Cop-Thriller "Das unsichtbare Mädchen" zu sehen, der ebenfalls von Kinderprostitution erzählte, allerdings ohne dabei Betroffenheits-Moll anzustimmen: Einmal sieht man den Ermittler, wie er im Bordell mit drei Halbwüchsigen Karten spielt, aus der Schachtel mit dem Kinderspielzeug schauen Dildos hervor. Eine Szene, die einem die Schuhe auszieht.

Beim Leipziger "Tatort" wird dagegnen die ganz Zeit der Babystrich gezeigt, auf dem die Mädchen wie heruntergekommene "Topmodel"-Anwärterinnen posieren. Die Kamera klebt an ihnen, der narrative Grund erschließt sich einem dabei nicht. Futter für die die alten Säcke im Fernsehpublikum.

Apropos alte Säcke: In einer Szene nimmt der Leipziger Kommissar Keppler seinen Kölner Kollegen Ballauf auf dem Babystrich fest, weil er ihn für einen Freier hält. Die beiden schlagen sich die Nasen blutig. Die einzigen 30 Sekunden, die in diesem Drei-Stunden-Brocken wirklich Sinn machen.


"Tatort: Kinderland", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD
"Tatort: Ihr Kinderlein kommet", Montag, 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 379 Beiträge
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1. Armes Deutschland
auswandererusa 12.02.2012
Kann es wirklich sein, dass nach 40 Jahren Tatort, dieser immer noch das kulturelle Gespraechsthema ist? Will wirklich irgend jemand behaupten dass wir nicht mehr koennen? Rund 8 Milliarden Euro fliessen jaherlich an die Oeffentlich Rechtlichen, und das Ergebnis ist noch immer Tatort, Lindenstrasse und (bis neulich - und vielleicht dann doch wieder) Wetten Dass! Aber ach, und ich werde mir hier sicher einigen Widerstand einholen, wenn ich es genau betrachte ist es mit der ganzen deutschen Kulturlandschaft so. Museen sind fast immer nur die Museen "grosser klassischer oder zeitgenoessischer Kuenstler. Als Juroren fuer: The Voice of Germany: NENA und die Fantastischen Vier. Im Film: Wim Wenders und Helmut Dietl. Moderatoren: Gottschalk, Jauch, und "ich setz mein verschmitztes Lachfalten Gesicht auf Pilawa". Im bevoelkerungsreichsten Bundesland (16Millionen) gibt es gerade mal 5 WDR Radiosender und dann noch semi-privates (d.h. zum grossen Teil vom WDR mit bestimmtes) Lokalradio das ueberall und den ganzen Tag auf allen Stationen die gleiche Playlist hat - und keiner regt sich auf. Keine Bewegung, kein Einfallsreichtum, aber auch kein Wunsch danach in der Bevoelkerung. Mir wird Angst und Bange das, wenn ich irgendwann zurueckkomme (ja schreiben sie nur: Bleib doch weg!!!) dass ich nicht geistig, aber doch kulturell verarme. Gerade mal Berlin scheint mir ein Ort der Hoffnung, aber sonst... wirklich Tatort? Hoher Anspruch? Weil man mal einen Braunfilter draufsetzt oder mal einen Gruenen. Weil man diesen Ermittler grob und leicht ironisch charakterisiert, waehrend jene haerter und scharfsinniger ist. "Leichendichte; blutig oder nicht; Satz fuer die TV Ewigkeit?" Das ganze Konzept gehoert in die Ewigkeit verbannt. Gebt endlich mal jungen Kuenstlern (ich weiss, das sind auch Schauspieler und Regisseure die diese Tatort Folgen drehen) eine Chance. Probiert aus. Hier drueben in den "fuerchterlichen USA" geht man in Cafes und 16 Jaherige lesen Gedichte vor und spielen Jazzgeige. Live Musik von voellig unbekannten Kuenstlern die wahnsinnig gute Lieder schreiben und nicht nur "In The Army now" covern. Kneipen mit Stand Up Comedy ueberall. (Und ich wohne nicht in NY). Auch wenn so einige das nicht werden wahrhaben wollen. Wir sind 80 Millionen Menschen. Das kann doch noch nicht alles gewesen sein. Meine Forderung geht also an Institutionen UND an meine Mitmenschen. Ach ja, und wirklich: Weg mit Joerg Pilawa.
2.
Karl_Lauer 12.02.2012
Zitat von auswandererusaKann es wirklich sein, dass nach 40 Jahren Tatort, dieser immer noch das kulturelle Gespraechsthema ist? Will wirklich irgend jemand behaupten dass wir nicht mehr koennen? Rund 8 Milliarden Euro fliessen jaherlich an die Oeffentlich Rechtlichen, und das Ergebnis ist noch immer Tatort, Lindenstrasse und (bis neulich - und vielleicht dann doch wieder) Wetten Dass! Aber ach, und ich werde mir hier sicher einigen Widerstand einholen, wenn ich es genau betrachte ist es mit der ganzen deutschen Kulturlandschaft so. Museen sind fast immer nur die Museen "grosser klassischer oder zeitgenoessischer Kuenstler. Als Juroren fuer: The Voice of Germany: NENA und die Fantastischen Vier. Im Film: Wim Wenders und Helmut Dietl. Moderatoren: Gottschalk, Jauch, und "ich setz mein verschmitztes Lachfalten Gesicht auf Pilawa". Im bevoelkerungsreichsten Bundesland (16Millionen) gibt es gerade mal 5 WDR Radiosender und dann noch semi-privates (d.h. zum grossen Teil vom WDR mit bestimmtes) Lokalradio das ueberall und den ganzen Tag auf allen Stationen die gleiche Playlist hat - und keiner regt sich auf. Keine Bewegung, kein Einfallsreichtum, aber auch kein Wunsch danach in der Bevoelkerung. Mir wird Angst und Bange das, wenn ich irgendwann zurueckkomme (ja schreiben sie nur: Bleib doch weg!!!) dass ich nicht geistig, aber doch kulturell verarme. Gerade mal Berlin scheint mir ein Ort der Hoffnung, aber sonst... wirklich Tatort? Hoher Anspruch? Weil man mal einen Braunfilter draufsetzt oder mal einen Gruenen. Weil man diesen Ermittler grob und leicht ironisch charakterisiert, waehrend jene haerter und scharfsinniger ist. "Leichendichte; blutig oder nicht; Satz fuer die TV Ewigkeit?" Das ganze Konzept gehoert in die Ewigkeit verbannt. Gebt endlich mal jungen Kuenstlern (ich weiss, das sind auch Schauspieler und Regisseure die diese Tatort Folgen drehen) eine Chance. Probiert aus. Hier drueben in den "fuerchterlichen USA" geht man in Cafes und 16 Jaherige lesen Gedichte vor und spielen Jazzgeige. Live Musik von voellig unbekannten Kuenstlern die wahnsinnig gute Lieder schreiben und nicht nur "In The Army now" covern. Kneipen mit Stand Up Comedy ueberall. (Und ich wohne nicht in NY). Auch wenn so einige das nicht werden wahrhaben wollen. Wir sind 80 Millionen Menschen. Das kann doch noch nicht alles gewesen sein. Meine Forderung geht also an Institutionen UND an meine Mitmenschen. Ach ja, und wirklich: Weg mit Joerg Pilawa.
tl;dr Gegenfrage: Warum den Tatort als Referenz für den gesamten Kulturbetrieb des Landes heranziehen? 16-jährige Gedichtvorträge und live Jazz gibt es auch in Köln, wenn man weiß wo. Es könnte sicher noch viel viel mehr geben, aber das es garnichts abseits des staatlich gefördert und Verordneten gibt ist auch nicht wahr.
3. wieso nicht?
PrettyHateMachine 12.02.2012
Einen Tatort mit den "Bremern" habe ich noch nie gesehen, bin gespannt. "Bizarres Szenario"? Immer gerne, Haupsache, es endet nicht wie "Das Dorf" Tatort: Das Dorf (http://de.wikipedia.org/wiki/Tatort:_Das_Dorf) damit konnte ich mich so gar nicht anfreunden. Ab und an ein schöner, grade durcherzählter Krimi ist schon was schönes am Sonntagabend ;-) @ auswandererusa yep, ich bin vollkommen kulturell verarmt, danke für Ihre Anteilnahme
4. Warum nicht ?
Skeptisch 12.02.2012
Zitat von sysopDer ARD-"Tatort" erzielt nach wie vor Spitzenquoten, die Fälle und Ideen scheinen den Machern einfach nicht auszugehen. Aber jeden Sonntag steht die Reihe wieder auf Prüfstand, denn die Erwartungen sind immer hoch. Ihr Urteil: Wie steht's aktuell um dem "Tatort"? Gediegen und spannend oder eher Durchschnitt?
Ich (Jahrgang 1946) sehe mir den Tatort regelmäßig an. Eigentlich "schon immer". Es gibt Gute und weniger Gute. Klar. Ist wohl auch Geschmackssache. Im Vergleich zu den amerikanischen Krimiserien der Privatsender , wo hauptsächlich action, bum-bum, viel Blut und Leichen und natürlich Sex vorherrschen, eine gute Alternative, wenn man Krimis mag. Den heutigen werde ich mir nicht anschauen, die Besprechung darüber hat mir gereicht. Denn ein Krimi sollte schon ein Krimi bleiben und nicht in ein Psycho-Drama ausarten. Obwohl ich dieses Tatort-Duo ansonsten mag, vor allem Lürsen.
5. zzzzZZZzzzz
interference 12.02.2012
Das beste am TATORT ist bekanntlich der skandinavische Krimi irgendwann danach …
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Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden noch so schlechten "Tatort". Doch der TV-Krimi ist für ihn nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Wer wissen will, wie das Land tickt, der kommt um den "Tatort" nicht herum.