Von Christian Buß
Der Horror eines jeden deutschen Ermittlers? Amerikanisches Fernsehen. Freddy Schenk (Dietmar Bär) steht vor einer Leiche, auf der partout keine Spuren des Mörders zu finden sind. Der Hautptkommissar stöhnt: "Seit diesen amerikanischen Krimi-Serien haben alle Mörder scharfe Putzmittel."
Eine Klage, die sich selbstreferentiell lesen lässt: Denn der Kölner "Tatort"-Ermittler mit dem Kumpelcharme wird in der jüngsten Produktion noch durch andere Vorgaben aus dem US-Fernsehen in die Ecke gedrängt. Er findet sich in einem Serientäter-Krimi wieder, der amerikanischen Vorbildern nachgestellt wurde. Außerdem treten er und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) diesmal gemeinsam mit den Leipziger Kollegen Eva Saalfeld (Simone Thomalla) und Andreas Keppler (Martin Wuttke) an - so wie man es aus Crossover-Doppelfolgen von "CSI" kennt.
Ach, hätten die Verantwortlichen sich doch erinnert. Schon die beiden Folgen "Quartett in Leipzig" (2000) und "Rückspiel" (2002), bei denen die Kölner Ermittler auf ihre damaligen Ost-Kollegen trafen, waren Tiefpunkte der "Tatort"-Unterhaltung gewesen.
Wer fordert, deutsche Fernsehmacher sollten mal über den Teich schauen und sich an ihren amerikanischen Kollegen orientieren, wird hier ein besseren belehrt: Die US-Ranschmeiße wirkt so ungelenk, dass man sich beim Zuschauen sofort in die deutsche Krimi-Provinzialität zurückwünscht. Sowohl ästhetisch als auch inhaltlich haben sich die Macher an ihrer Aufgabe verhoben, hinter dem schnittigen Stil regiert der öffentlich-rechtliche Redlichkeitsmuff in seiner schlimmsten Form.
Der Triebtäter als Ästhet, wie originell
Dabei haben sich Jürgen Werner (Buch) und Thomas Jauch (Regie) alle Mühe gegeben, zwei Fälle ineinander zu verweben, die den Zuschauer drei Stunden bei der Stange halten könnten: In Leipzig und in Köln werden zeitgleich die Leichen zweier Mädchen gefunden, die eine in der Nähe des Leipziger Kinderstrichs, die andere wird aus dem Rhein gezogen. Die Ermittler aus Köln schlagen bald in Leipzig auf, später folgt ein Revanche-Besuch.
In der MDR-Episode "Kinderland", die am Ostersonntag läuft, geht es um Mädchen, die auf der Straße leben, die für die Gesellschaft nicht existent sind. Verschwindet eines von ihnen, bemerkt es keiner. In der anschließenden WDR-Episode am Ostermontag folgt der Zuschauer dann einem dieser Mädchen in ein Martyrium: Von einem Psychopathen entführt, wird Anna Römer (Stark: Lotte Flack) in einem Foto-Atelier gefangen gehalten. Der Mann pinselt ihr die Fingernägel an, balsamiert ihr die Haut und steckt sie in ein rotes Kleid. Am Tag ihres Todes soll sie wunderschön sein.
Der Triebtäter als Ästhet - das hat man in zig amerikanischen Krimis schon besser gesehen. So wie man überhaupt alles in diesen beiden "Tatorten" schon mal in amerikanischen Krimis besser gesehen hat. Doch es ist gar nicht so sehr das plumpe Plagiat, das an dieser Doppelfolge stört, es sind nicht die linkischen Parallelmontagen, mit der die beiden Ermitter-Teams am Anfang zueinander in Beziehung gesetzt werden, es sind auch nicht die umständlichen Dialoge - richtig schrecklich ist der voyeuristische Impuls, der hinter dem Aufklärungs-Krimi über Straßenstrich und Kinderschänder-Verlies auszumachen ist.
Letzte Woche war auf Arte Dominik Grafs Cop-Thriller "Das unsichtbare Mädchen" zu sehen, der ebenfalls von Kinderprostitution erzählte, allerdings ohne dabei Betroffenheits-Moll anzustimmen: Einmal sieht man den Ermittler, wie er im Bordell mit drei Halbwüchsigen Karten spielt, aus der Schachtel mit dem Kinderspielzeug schauen Dildos hervor. Eine Szene, die einem die Schuhe auszieht.
Beim Leipziger "Tatort" wird dagegnen die ganz Zeit der Babystrich gezeigt, auf dem die Mädchen wie heruntergekommene "Topmodel"-Anwärterinnen posieren. Die Kamera klebt an ihnen, der narrative Grund erschließt sich einem dabei nicht. Futter für die die alten Säcke im Fernsehpublikum.
Apropos alte Säcke: In einer Szene nimmt der Leipziger Kommissar Keppler seinen Kölner Kollegen Ballauf auf dem Babystrich fest, weil er ihn für einen Freier hält. Die beiden schlagen sich die Nasen blutig. Die einzigen 30 Sekunden, die in diesem Drei-Stunden-Brocken wirklich Sinn machen.
"Tatort: Kinderland", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD
"Tatort: Ihr Kinderlein kommet", Montag, 20.15 Uhr, ARD
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik TV | RSS |
| alles zum Thema Im Fadenkreuz | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH