Dortmund-"Tatort" Oberbürgermeister spricht von "Mobbing"

Unvorteilhaft, voller Klischees: Der "Tatort" über die letzten Bergleute im Pott eignete sich nicht gerade als PR-Kampagne für Dortmund. Nun beschwert sich der Oberbürgermeister beim WDR.

Szene aus "Zorn" mit Ermittler Peter Faber
WDR/ Thomas Kost

Szene aus "Zorn" mit Ermittler Peter Faber


Der Dortmunder Oberbürgermeister Ullrich Sierau hat die letzte "Tatort"-Ausgabe "Zorn" als klischeehaft und als "Mobbing" gegenüber Stadt und Bewohnern kritisiert. In einem Brief an WDR-Intendanten Tom Buhrow schrieb der SPD-Politiker, auch ein Krimi-Drehbuch müsse "ein Mindestmaß an Bezug zur Realität vorweisen". Aber: "Es ist eine plumpe Darstellung ohne jedwede regionalen Kenntnisse."

Rund 9,2 Millionen Zuschauer sahen am vergangenen Sonntag den jüngsten Fall der Reihe, in dem in der sterbenden Bergwerkbranche ermittelt wurde. Vor grauen Industriekulissen untersuchten Peter Faber (Jörg Hartmann) und Martina Bönisch (Anna Schudt) den Mord an einem ehemaligen Bergmann. Ein Malocher-Krimi mit hoher Bier- und Kippendichte, und mit trister Atmosphäre, in der nach Zechenschließungen frühere Kumpel wegen fehlender Jobperspektiven Frust schieben.

Geschrieben wurde "Zorn" von Jürgen Werner, dem Schöpfer des Dortmunder "Tatort". Oberbürgermeister Sierau moniert nun, über die Handlungsorte Dortmund, Marl und die gesamte Region sei ein nicht zutreffendes Bild vermittelt worden. Der Strukturwandel werde ausgeblendet. "Die Macher dieser Folge geben die Menschen einer Region der Lächerlichkeit preis, indem sie diese Bier trinkend in Trainingsanzügen vor heruntergekommenen Häusern herumstehen lassen." Der WDR disqualifiziere auch "sich selbst als produzierender Sender". Gedreht worden sei der Film zudem in Duisburg.

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Faber-"Tatort": Wut im Bauch, Faust in der Luft

Der WDR entgegnete: Beim "Tatort" handele es sich um Fiktion. "Aus dramaturgischen Gründen wird auch verdichtet und zugespitzt." Dadurch könnten einzelne Szenen von den einen als Klischees empfunden werden, von anderen als realitätsnahe Darstellungen.

Man sollte das Publikum nicht unterschätzen, rät Kulturwissenschaftlerin Julika Griem aus Essen: "Den Zuschauern ist bewusst, dass der 'Tatort' eine erfundene Geschichte erzählt, auch wenn realistische Kulissen einer Stadt genutzt werden, um auf Wiedererkennungseffekte des Publikums zu setzen." Klare Botschaft der Wissenschaftlerin: "Die Hersteller einer Krimi-Serie sind nicht dem Stadt-Marketing verpflichtet und nicht dafür zuständig, eine Stadt in rosigem Licht erscheinen zu lassen." Auch wenn einige Kommunalpolitiker offenbar diese Hoffnung hegten.

cpa/Yuriko Wahl-Immel, dpa

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toll_er 22.01.2019
1. Mobbing
Werter Herr Ullrich Sierau , Sie faseln da von Mobbing und davon, dass die Realität nicht richtig dargestellt wurde. Ich frage mich, ob Sie zufällig falsch auf eine Schaufel getreten sind... In einem Krimi muss die Realität nicht so dargestellt werden, wie ausgerechnet Sie es gerne hätten. Schauen Sie einfach mal nach, was Fiktion bedeutet. Und: Nein, die Bewohner dieser Region wurden nicht der Lächerlichkeit preisgegeben. Gerade die wurden erschreckend real dargestellt in ihrer Wut und Verzweiflung. Dass Sie das nicht so sehen wollen, das ist klar. Und zur Information: Ich bin in Marl aufgewachsen, kehre immer wider in die Region Marl/Recklinghausen, Dortmund zurück... und ich habe verdammt viel davon in dem Tatort wieder erkannt. Und: Ich habe die Stützstempel in alten, bewohnten Zechenhäusern gesehen. Und ich war in einer (meiner alten) Kneipe in Marl-Hüls und habe da die alten liebenswerten Typen beim Bier und auch im Trainingsanzug gesehen. Ja und? Und ich habe sie gehört. Wie sie wütend über das, was Sie anscheinend schon als fast vollzogenen Strukturwandel ansehen, schimpften. Im Pott-Dialekt. Noch vor wenigen Wochen. Kümmern Sie sich doch bitte richtig um den Strukturwandeln und verschwenden Sie ihre Zeit nicht mit diesen dämlichen Vorwürfen. Nicht realitätsbezogen, das war nicht der Tatort, das ist Ihr Geschwafel.
frankenbaer 22.01.2019
2. Zu 1 : Danke
für diesen wundervoll emotionalen Beitrag.
Europa! 22.01.2019
3. Scheinheilig
Natürlich erhebt gerade die Serie TATORT (mit wenigen Ausnahmen) den Anspruch, Realität darzustellen, und das seit Jahrzehnten. Sonst hätte sie auch nicht den Kult-Status, den sie genießt. Die "realistische" Optik von "Zorn" (besonders dämlicher Titel) machte diesen Anspruch besonders deutlich. Um so ärgerlicher, dass nicht nur die bekloppte Handlung, sondern auch der Schauplatz ein fake war. Der WDR erweist sich sogar in der "Fiktion" noch als Lügenfernsehen. (Bei den Dokus ja sowieso, wie sich gerade gezeigt hat.)
sametime 22.01.2019
4. Wie peinlich ist das denn?
Die Beschwerde des Bürgermeisters erinnert mich die Einschätzungen von Herrn Buß zu den Münster-Tatorten, die Herrn Buß ja auch immer zu unrealistisch sind. Leute, das ist ein Krimi und somit Fiktion. Duisburg ist stolz auf Schimmi, Dortmund ist peinlich.
hegoat 22.01.2019
5.
Lieber Herr OB Sierau, liebe Kulturwissenschaftlerin Griem und lieber Kommentator #1: Man sollte die Angelegenheit doch etwas differenzierter betrachten. Der Strukturwandel ist NICHT vollzogen, ja, es gibt die frustrierten Alkis mit Jogginghose, das Ruhrgebiet ist an vielen Stellen wirklich schäbig. Vor allem, wenn man mal einige Zeit woanders in Deutschland gelebt hat und vergleichen kann. ABER das Ruhrgebiet ist nicht NUR asi, es gibt dort auch schöne Ecken und auch viele normale Menschen. Und wenn das im Tatort nur einseitig dargestellt wird, ist das durchaus traurig, denn der Otto Durchschnittsgucker glaubt nämlich DOCH, was ihm das deutsche Qualitätsfernsehen vermittelt: Ein Mord wird regelmäßig von zwei Polizisten aufgeklärt, Schreibarbeit gibt's nicht und die uniformierten Schupos sind nur die Deppen, die den Tatort absperren dürfen. Das glaubt jeder Tatortzuschauer, den ich kenne. Warum sollte es bei den sozioökonomischen Darstellungen im Tatort anders sein?
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