Hip-Hop-"Tatort" aus Ludwigshafen Nimm die Goldzähne raus, wenn du mit ihr sprichst

Die ARD auf der Suche nach der Generation YouTube: Mit Hip-Hop-Videoästhetik und Selfie-Sex versucht der "Tatort" aus Ludwigshafen junge Leute anzusprechen. Vermutlich vergeblich.

ARD/ Alexander Kluge

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Lena Odenthal und der Hip-Hop, keine glückliche Beziehung. Bereits 2001 gab es eine Folge, in der die Kommissarin in der Rapper-Szene von Ludwigshafen ermittelte, schon damals versuchte man jüngere Zuschauer zu gewinnen - oder zumindest deren Eltern über neue Trends der Popkultur auf dem Laufenden zu halten.

Die lesbische Kommissarindarstellerin Ulrike Folkerts durfte in dem "Tatort" immerhin verstohlen ein cooles Fly-Girl namens Mona küssen, die mit Klunkern und Pelzen behangenen B-Boys in dem "Tatort" wirkten aber wie Pappkameraden.

15 Jahre später hat sich in der Wahrnehmung der Hip-Hop-Szene beim SWR-"Tatort" nicht viel verändert. Diesmal geht es unter anderem um einen Hispano-Rapper namens Yago Torres, dem die Verantwortlichen übergroße Goldzähne, übergroßes Käppi und übergroßes Ego verpasst haben.

Besonders problematisch: Sein Künstlername lautet "El Macho" - so nannte sich auch der Bösewicht im zweiten Teil des wunderbaren Animationsklamauks "Ich. Einfach unverbesserlich". Was sollen wir sagen: Der kriminelle Zeichentrick-Macho war angsteinflößender.

Aber natürlich soll der vorbestrafte "Tatort"-Macho sowieso ein ganz Zarter sein, bei dem hinter dem brutalen Goldie-Grinsen die Liebe wohnt. Und die galt einer schwarzen Ballerina, die in einem seiner Gangstervideos auf Schwanensee machte (das gar nicht so schlechte Video mit dem realen Reggaeton-MC Sesman ist schon vorab auf YouTube hochgeladen worden). Die Ballerina wurde nun in einem Parkhaus vergewaltigt und ins Koma geprügelt. Als "El Macho" seine heimliche Liebe im Krankenhaus besucht, nimmt er sich seine metallene Zahnfront raus, damit sie nicht erschrickt, falls sie aufwacht. Eine der wenigen sanften Szenen in diesem "Tatort", der ansonsten sehr, sehr hart sein will.

Kollege Kopper uriniert am Tatort

Es geht nämlich vor allem um Testosteron, Toilettensex und austretende Männer. Der Vergewaltigung verdächtigt werden zwei Kraftsportler, die offenbar mit anabolen Steroiden handeln.

Einer von ihnen lässt sich von der Empfangsdame in der Muckibude auf dem Herrenklo verwöhnen, während diese Selfies für ihre Facebook-Freunde macht; der andere wird auf die Kühlerhaube eines Autos genommen und plattgemacht. Als Kommissarin Odenthal den Tatort untersucht, gibt es Probleme, weil Kollege Kopper (Andreas Hoppe) sich in direkter Umgebung erleichtert hat und man seinen Urin für den des Täters hält.

Gewagtes Drehbuch? Nun ja.

Verantwortlich zeichnet Jürgen Werner, der Schöpfer des Dortmunder TV-Reviers mit Jörg Hartmann, das in seiner horizontalen Erzählweise und ambivalenten Figurenzeichnung inzwischen der modernste aller "Tatorte" ist. In seiner Ludwigshafener Episode lässt Autor Werner nun die verschiedenen Figuren über Handyfilme, YouTube-Spots und Selfie-Terror ihre Träume und Taten verbreiten; ein starker zeitgemäßer Dreh - der allerdings in der Umsetzung nicht ganz aufgeht.

Irgendwann wird man einfach müde, dabei zuzuschauen, wie die jungen Leute zu martialisch melancholischen Hispano-Hip-Hop aufs Display schauen. Regisseur Roland Suso Richter, der zuvor den Rache-"Tatort" aus Stuttgart als gefährlich schräges Gleichnis in Szene gesetzt hat, verheddert sich hier in den Smartphone-Selbstinszenierungen seiner Figuren. Ein bisschen zu sehr sitzt er den Sehnsüchten und der Coolness seiner traurigen, wütenden, goldkettchenbehangenen Charaktere auf.

Nach dem starken letzten "Tatort" aus dem Beton von Ludwigshafen wirkt dieser vermeintlich harte Hip-Hop-Schwulst besonders schwach. Die ARD auf der Suche nach der verlorenen YouTube-Generation, vielleicht ein aussichtsloses Unterfangen.

Bewertung: 3 von 10


"Tatort: Du gehörst mir", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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Ist das noch ein Krimi? Nora Tschirner als Kommissarin Dorn und Christian Ulmen als Kollege Lessing lassen mit lässiger Eleganz die üblichen "Tatort"-Ermittlerstanzen ins Leere laufen - und das ausgerechnet im Einflussgebiet des MDR, wo man sich früher schwer tat mit Humor und Subversion. Die beiden sind leider höchstens einmal im Jahr in Weimar im Einsatz und müssen sich dann immer Beschimpfungen vom Gebührenzahler anhören. Im Frühjahr folgt endlich ihr dritter Fall. Auch wenn Krimi-Spießer zürnen: Dürfen gerne regelmäßiger in Erscheinung treten.

Murot in Hessen
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Der doppelte Espresso: Seit 1999 ermittelt Harald Krassnitzer als Major Moritz Eisner mürrisch, praktisch, gut. An die 5000 Tassen Mokka und andere starke koffeinhaltige Getränke hat er seitdem in sich hineingeschüttet. Seit 2011 wird er von Adele Neuhauser als Bibi Fellner unterstützt, einer (meistens) trockenen Alkoholikerin mit Hang zur Halbwelt am Prater. Wien, düster und kalt wie ein kleiner abgestandener Schwarzer. Zwei Einsätze im Jahr, immer tut's weh, selten enttäuscht's. 2014 gab es den Grimme-Preis.

Batic und Leitmayr in München
Die ewigen Junggesellen: Seit 1991 sind Miroslav Nemec als Kommissar Ivo Batic und Udo Wachtveitl als Franz Leitmayr im Einsatz. Früher gab es die eine oder andere mit den Fällen verbundene Affäre, heute sind sich die beiden Burschen offensichtlich selbst genug. Sehr zärtlich und verschworen untereinander, gegen den Rest der Welt wird trocken ausgeteilt. Drei Fälle im Jahr, auch nach weit über 20 Jahren besitzen die beiden eine hohe Treffsicherheit. Haben gerade eine junge Profilerin und einen Ermittlerbubi an die Seite gestellt bekommen. So kann es noch 10 Jahre weitergehen.

Borowski in Kiel
Der Weltenwandler: Als Klaus Borowski ist Axel Milberg am besten, wenn er in Parallelkosmen von Psychopathen hinabsteigt – vielleicht weil Borowski selber nah am Wahnsinn gebaut ist. Seit 2003 dabei, stand bis 2009 sinnigerweise unter der Beobachtung einer Polizeipsychologin; 2011 übernahm Sarah Brandt (Sibel Kekilli), die bislang allerdings noch mit der Betreuung überfordert scheint. Zwei bis drei Fälle im Jahr. War früher beim Publikum recht unbeliebt, hat mit spektakulären Folgen wie der über Crystal Meth aber in der Zwischenzeit kräftig zugelegt.. Der vielleicht klügste Ermittler im "Tatort"-Land."

Ballauf und Schenk in Köln
Das Ehepaar: Klaus J. Behrendt als Max Ballauf und Dietmar Bär als Freddy Schenk standen lange für den guten alten Soziokrimi – kein Thema, das von den beiden nicht warmherzig wegermittelt und wegerklärt wurde. Schenk hat zu Hause eine Frau, die man noch nie gesehen hat. Aber mal ehrlich: Was kann die schon gegen seine große Liebe Ballauf ausrichten? Seit 1997 dabei, drei bis vier Fälle im Jahr. Nachdem Anfang 2014 Assistentin Franziska grausam aus dem TV-Revier gemordet wurde, geht es bei den Kölnern düsterer und unversöhnlicher zu. Steht den beiden "Tatort"-Oldies eigentlich ganz gut.

Blum und Perlmann in Konstanz
Mutter Courage und der Schnösel: Seit 2004 geben Eva Mattes als Klara Blum im Fairtrade-Look und Sebastian Bezzel als Kai Perlmann im gut sitzenden Anzug das Gespann der Gegensätze. Sie guckt traurig bis empört, er gelangweilt bis genervt. Zwei bis drei Fälle im Jahr, waren am Anfang ziemlich gut, heute scheinen beide oft nur noch den Feierabend herbeizusehnen. Den bekommen sie bald: 2016 wird das Bodensee-Revier abgewickelt.

Odenthal und Kopper in Ludwigshafen
Die WG-Stoffel: Früher war Ludwigshafen das Labor des "Tatort". Hier gab es die schönsten amourösen Eskapaden und die verwegensten Storys – samt Ausflug ins All. Ulrike Folkerts als Lena Odenthal ist seit 1989 im Einsatz, Andreas Hoppe als Mario Kopper stieß 1996 dazu. Die offen lesbische Schauspielerin Folkerts durfte ihre Odenthal leider keine langlebige lesbische Liebe erleben lassen. Kämpft sehr mit sich, nach vielen öden Episoden kommt langsam wieder Bewegung in Personenführung.

Lindholm in Hannover und Umgebung
Die Frau von heute: Seit 2002 ist Maria Furtwängler in der Rolle der Charlotte Lindholm in Niedersachsen unterwegs und wurde in den letzten Jahren zum Inbegriff der modernen weiblichen Ermittlerin. WG-erfahren, hochschwanger während brisanter Ermittlungen, später brachte sie Kind und Karriere gut zusammen. Lindholm ist die personifizierte Selbstoptimierung, im Herzen konservativ, aber offen für Experimente. Kurz: die Ursula von der Leyen des "Tatort". Früher zwei bis drei Episoden im Jahr, jetzt nur noch eine. Nicht immer großartig, niemals langweilig.

Flückiger in Luzern
Der Leisetreter: Nachdem Stefan Gubser als Reto Flückiger bereits einige Male als Gast bei Kollegin Klara Blum in Konstanz ermittelt hatte, bekam er 2011 ein eigenes Revier in Luzern. Bringt eine leise Note in den zur Hysterie neigenden "Tatort". In der desaströsen ersten Folge stand ihm noch Sofia Milos als Abby Lanning zur Seite, dann übernahm Delia Mayer als Liz Ritschard die weibliche Sidekick-Rolle. Sie spielt die erste offen lesbische Ermittlerin im "Tatort"-Verbund. Zwei Folgen im Jahr, sorgen oft für unaufgeregte Kontrapunkte.

Lürsen und Stedefreund in Bremen
Die ewigen Spontis: Sabine Postel als Inga Lürsen und Oliver Mommsen als Nils Stedefreund liefern sich ein schönes Wechselspiel. Wenn der Jungspund es zu wild treibt, setzt sie ihr strenges Gesicht auf, wenn die Chefin allzu viel Spaß hat, macht er den Miesepeter. Schnoddrig lösen die beiden auf diese Weise politisch aufgeladene Fälle. Links, launig, manchmal ein wenig zu laut. Sie ist seit 1997 dabei, er seit 2001. Zwei bis drei Fälle im Jahr. Immer gut – solange es den Kommissaren schlecht geht.

Lannert und Bootz in Stuttgart
Die Geschundenen: Richy Müller als Thorsten Lannert und Felix Klare als Sebastian Bootz sind prima Kerle. Der eine mit tragischer Undercover-Ermittler-Vergangenheit, der andere als ehrenhaft gescheiterter Ehemann. Sie liefern gute, korrekte Ermittlerarbeit – der manchmal aber die gute, korrekte Inszenierung fehlt. Seit 2008 im Einsatz, zwei bis drei Folgen im Jahr, da geht noch was.

Stellbrink und Marx in Saarbrücken
Der Zarte und die Harte: Seit 2013 ermitteln Devid Striesow als Jens Stellbrink und Elisabeth Brück als Lisa Marx in Saarbrücken. Er ist ein kiffender Gefühlsmensch, sie eine rabiate Analysemaschine. Man mag es in Saarbrücken in Sachen Charakterzeichnung eben gerne ein bisschen schlichter. Startete als Comedy-Krimi, wird jetzt langsam ernster. Zwei Folgen im Jahr, immer noch die große Baustelle der "Tatort"-Reviere.

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
Metternich 12.02.2016
1. albern
Das Foto zeigt´s schon: Die Abziehbilder der US-Kultur, Blödkappe, berucktes T-shirt und wahscheinlich tätowiert und schließlich die Begüßung mit "Hi". Jetzt findet das die deutsche Jugend "cool", oder? Nicht nur albern, sondern irgendwie armselig einfallslos.
turbomix 12.02.2016
2. Privat
Inwiefern ist es interessant zu erwähnen, dass die Kommissarindarstellerin "privat" lesbisch ist? Erschließt sich mir nicht.
spon-facebook-10000069547 12.02.2016
3. ganz ehrlich
SPON sollte nicht ueber Hip Hop generell schreiben. Die meisten Jugendlichen in Deutschland missverstehen diese Kultur, genauso vermeintliche Hip Hop Kuenstler in Deutschland ziehen diese Kultur in den Dreck. Ihr solltet mal ueber Lakmann z.B. berichten. Der heutige Trend mit der trap musik hat diese Musik richtung der heutigen Zeit nahezu komplett in den Dreck gezogen und viele Kuenstler laufen dem hinterher. Da ihr aber niemals von Immortal Technique, Rugged man und aehnlichen Leuten berichten werdet und wahrscheinlich die Namen nichtmal kennt, solltet ihr einfach nicht ueber diesen Musikgenre berichten. Cro und andere haben nichts mit Hip Hop zu tun.
cafe-wien 12.02.2016
4. Dringender Appell an ARD und SWR
Der SWR-Tatort mit Ulrike Folkerts ist seit vielen Jahren schon auserzählt. Es ist einfach nur noch öde, diese "Darstellerin", die zu Recht fünf Mal an Schauspielschulen abgelehnt worden ist, sehen zu müssen. Noch schlimmer ist ihr Sidekick "Kopper", dessen Namen (Andreas Hoppe) der gemeine Zuschauer auch nach unendlichen Jahren (berechtigt!) noch nicht kennt. Bitte, ARD / SWR: Nehmen Sie dieses unsägliche TV-Ermittlerpaar endlich vom Bildschirm! Bei denen kann auch ein Roland Suso Richter nichts mehr aktivieren. Die sind am Ende, oder, wie man im Fachjargon sagt: auserzählt. Ein Mittfünfzigerin immer noch als fesche Sexyhexy darzustellen, überschreitet allmählich die Grenze zur Lächerlichkeit. Der Tatort aus Ludwigshafen ist nur noch öde und erzeugt Pein. Nein, ich will nicht nicht einschalten oder umschalten! Ich will, dass meine Zwangsgebühren nicht mehr für einen uninspirierten, schlecht gespielten, unansehnlichen Quatsch aus einer lange vergangenen Zeit vergeudet wird. Beendet endlich diesen Quatsch! Beendet den Tatort mit Ulrike Folkerts! Danke.
h.hass 12.02.2016
5.
Will sich der "Tatort" mit diesem ach so coolen HipHopper mit Deppenkäppi, Mösenbart, Silberkreuz und Goldkette wirklich an die U25-Zielgruppe ranwanzen? Das riecht nach einem Desaster.
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