Frauen im "Tatort" Respekt, Quote erfüllt!

"Unser bester Mann": Kommissarin Lindholm musste sich im "Tatort" wieder zweifelhafte Komplimente anhören. Dabei ist der ARD-Krimi weiblicher, als man denkt.

rbb/ NDR/ Marc Meyerbröker

Von und Marcel Pauly


Familie und Karriere, schwieriges Thema. Besonders als Kommissarin. Es vermischt sich schon mal gefährlich das eine mit dem anderen. So wie am Sonntag im "Tatort" mit Maria Furtwängler als Kommissarin Lindholm: Da schickte ein Fleischfabrikant, der sich am Ende als Mörder entpuppte, der Ermittlerin zum Geburtstag des kleinen Sohnes ungefragt seine zweifelhaften Wurstprodukte. Die alleinerziehende Lindholm hatte mal wieder keine Zeit gehabt, Geschenke zu kaufen.

Man kann diese Szene plakativ nennen, vielleicht ist sie sogar ein bisschen gemein im Hinblick auf die Darstellung überfordert erscheinender Single-Mütter. Und trotzdem: Charlotte Lindholm ist einer der modernsten und facettenreichsten weiblichen Identitätsentwürfe im "Tatort"-Land.

Sie lebte mit einem guten Freund in einer WG, empfing dort aber auch wechselnde Liebhaber. Sie ließ es sich nicht nehmen, auch hochschwanger auf gefährlichem Terrain zu ermitteln. Und trotz ihres Sohnes besteht sie auch weiterhin darauf, die wirklich brisanten Fälle vor Ort selbst zu untersuchen. Zu Hause kümmert sich dann die jung gebliebene Single-Oma um den Sohn. Vom Chef gibt es zuweilen Testosteron-Komplimente für den vorbildlich erledigten Job: "Sie sind unser bester Mann." Höhöhö.

Die Lebenszeit von TV-Kommissarinnen wächst

Der Machismo ist also nicht zu verdrängen aus dem "Tatort". So wie aus dem Rest der Gesellschaft auch nicht. Und trotzdem beweist die ARD-Krimireihe eine gewisse Vorreiterschaft: Die von der Koalition beschlossene Frauenquote von 30 Prozent in Aufsichtsräten größerer deutscher Unternehmen - im Ermittlerbereich des "Tatort" ist sie längst durchgesetzt. Betrachtet man über die Jahre hinweg die Geschlechterverteilung in allen neuen Erstausstrahlungen, so wurde die 30-Prozent-Marke schon vor drei Jahren geknackt:

Bis dahin war es allerdings ein weiter Weg. In der Frühzeit des "Tatort" waren Frauen allenfalls Sekretärinnen. 1978 übernahm dann Nicole Heesters als Ermittlerin Buchmüller gleich als Chefin die Mordkommission in Mainz. Sie kleidete sich betont weiblich, war im Umgang mit männlichen Kollegen aber betont harsch. Die Figur hielt nur vier Folgen durch - bereitete aber den Boden für etliche hartnäckigere Kolleginnen.

In den Achtziger- und Neunzigerjahren gab es dann einen wahren Boom an Kommissarinnen - mit zum Teil extrem langer Fernsehlebenszeit. (Sehen Sie in unserer ausführlichen Bildgalerie die wichtigsten Ermittlerinnen.)

So konnte etwa die 1989 erstmals im "Tatort" auftretende Ulrike Folkerts in der Rolle der Ludwigshafener Kommissarin Lena Odenthal unlängst ihr 25. Fernsehdienstjubiläum feiern. Sabine Postel als Inga Lürsen in Bremen ist 17 Jahre dabei und Eva Mattes als Klara Blum in Konstanz immerhin zwölf.

Frauen im Revier

Zeitraum Stadt Rolle Schauspielerin
1978-80 Mainz Marianne Buchmüller Nicole Heesters
1981-88 Baden-Baden Hanne Wiegand Karin Anselm
seit 1989 Ludwigshafen Lena Odenthal Ulrike Folkerts
1997 Hamburg Lea Sommer Hannelore Elsner
seit 1997 Bremen Inga Lürsen Sabine Postel
seit 2002 Hannover Charlotte Lindholm Maria Furtwängler
seit 2002 Konstanz Klara Blum Eva Mattes
2003-10 Kiel Frieda Jung Maren Eggert
seit 2008 Leipzig Eva Saalfeld Simone Thomalla
seit 2011 Wien Bibi Fellner Adele Neuhauser
2011-13 Frankfurt Conny Mey Nina Kunzendorf
seit 2011 Kiel Sarah Brandt Sibel Kekilli
seit 2012 Luzern Liz Ritschard Delia Mayer
seit 2012 Dortmund Martina Bönisch und Nora Dalay Anna Schudt und Aylin Tezel
seit 2013 Saarbrücken Lisa Marx Elisabeth Brück
seit 2013 Hamburg/Umgebung Katharina Lorenz Petra Schmidt-Schaller
seit 2013 Erfurt Johanna Grewel Alina Levshin
seit 2013 Weimar Kira Dorn Nora Tschirner
seit 2014 München Christine Lerch Lisa Wagner

Quelle: ARD

In den ersten Jahren mit weiblichen Ermittlern liefen im Schnitt gerade mal zwölf "Tatorte" pro Jahr - ein Drittel der heutigen Zahl. Genau einmal im Jahr überließ die ARD einer Frau die Bühne. Der genaue Frauenanteil im Diagramm (siehe oben) schwankt wegen der damals neu eingeführten Ermittlerteams - wo zwei Männer statt nur einem ermitteln, steigt auch der Männeranteil.

Als in den Neunzigerjahren die Folgenzahl pro Jahr stieg, wuchs auch die Zahl der Ermittler, die nun immer häufiger als Duo oder gleich als größeres Team auftraten. Das gemischte Doppel aus Kommissarin und Kommissar ist inzwischen mehr die Regel als die Ausnahme. Im neuen Dresden-"Tatort", der 2016 starten soll, werden gleich drei Polizistinnen nebeneinander auftreten.

Die Frauenquote am Sonntagabend dürfte also noch weiter steigen. Was für sich allein genommen allerdings noch keinen Wert hat. Nicht immer reicht das Bekenntnis zu einer weiblichen Hauptperson für eine starke Frauenfigur: Die einst so glorreich gestartete Lena Odenthal etwa geistert jetzt oft als Scheintote durch die Handlung, ohne Liebe, ohne Hoffnung, nur mit Katze und WG-Kollege.

Und der jüngste Ermittlerinnenzugang, die eigentlich tolle Alina Levshin als Johanna Grewel in Erfurt, ist bislang nicht mehr als das Abziehbild einer Jura-Streberin. Quote gut, Charakter schwach. Da geht noch was beim "Tatort".

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insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
GSYBE 08.12.2014
1. Mist
Sehr bemüht, Charakteure geklaut (die `angeseltsamte´ Dorfpolizistin z. B. - Saga Nóren kommt da viel glaubhafter rüber), Furtwängler spielte steril wie immer. Einzig der Plot stimmte.
derhinterfrager 08.12.2014
2. gehts noch dämlicher ?
Wenn sich unsere Kripo abenso dämlich anstellt wie Kommisarin Lindholm - dann gute Nacht. Ich hoffe aber doch, dass zumindest eine IQ-Schamgrenze erfüllt werden muss.
romeov 08.12.2014
3. Landesfrauenbeauftragte
Ich hatte schon immer das Gefühl das diese Leute Einfluss auf die Auswahl der Teams haben. Denn genau so verbeamtet kommen mir diese Tatorte vor.
auweia 08.12.2014
4. Naja...
Bei den Ermittlern im TV ist die Quote erfüllt. Hurra. Bei den Mordkommissionen im realen Leben wird es wohl noch etwas dauern. Ich freue mich erst, wenn der Gleichstand auch bei JVA-Insassen erreicht ist und das Gendering aus Verbrechern Verbrecherinnen gemacht hat.
hkubin 08.12.2014
5. Volkserziehung
Mit dem Tatort hat die ARD ganze Erziehungsarbeit geleistet. Abgesehen davon, dass die Ermittlungsarbeit der "einsamen Wölfin" Marion Furtwängler völlig an der Wirklichkeit vorbei geht, wurde kein Mainstream-Thema ausgelassen. Alleinerziehende Mutter, böse Fleischproduktion, schlimmer Fleischkonsum, unwürdige Behandlung der Leiharbeiter, Ausbeutung ausländischer Arbeitskräfte, dubioser Sicherheitsdienst, Zweitpolizistin völlig durch den Wind. Mal ganz ehrlich, wenn ich Sonntag Abend einen spannenden Krimi sehen will, brauche ich keine ständige Bevormundung und Anleitung zu politisch korrektem Verhalten. Wie wärs einfach mal mit Unterhaltung?
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