"Tatort"-Cops im Alters-Check Jugendwahn in Erfurt, altersweise in München

Die ARD weiß, wer der Babo ist: Der Nachwuchs-"Tatort" aus Erfurt soll junge Zuschauer locken. Warum eigentlich? Die Alt-Ermittler halten sich doch wacker. Ein Demografie-Check.

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Erfurt, zwei Bullen, drei kiffende Jugendliche. Die Bullen drücken fachmännisch den Joint aus, nehmen einen der Jungen in die Zange. Am Ende stecken sie ihm eine Visitenkarte zu. Damit er auch wirklich zum Auspacken aufs Revier kommt, wird ihm die Ermahnung mit auf den Weg gegeben: "Aber keinen Filter draus bauen."

Die "Tatort"-Kommissare aus Erfurt, die am Sonntag zum zweiten Mal im Einsatz waren, wissen, wie die Kids ticken. Sie sind ja selbst noch welche. Im ersten eigenen Dienstwagen wird sich angefrotzelt wie in der Raucherecke auf dem Schulhof, und die Jungs lassen ihre junge Kollegin angeschnallt hinten sitzen.

Als das Trio Henry Funck (Friedrich Mücke), Maik Schaffert (Benjamin Kramme) und Johanna Grewel (Alina Levshin) vor einem Jahr als neues "Tatort"-Team in Erfurt begann, warb der MDR stolz mit den jüngsten Ermittlern im ganzen Fernsehkrimi-Land. Es war der Versuch, jüngere Zuschauer für die ARD zu begeistern, die außer dem "Tatort" wenige Formate besitzt, mit denen das gelingen könnte.

Wie zur Bestätigung ihrer Jugendlichkeit mussten Funck, Schaffert und Grewel in der ersten Folge palettenweise Energydrinks trinken und einen Mörder stellen, der bei Verfolgungsjagden abwegige Parkour-Einlagen zum Besten gab. Crazy. Inzwischen haben die drei erfreulicherweise eine Tonlage gefunden, die flapsig genug ist, um als jung durchzugehen, aber nicht so flapsig, um sie als Ermittler völlig zu disqualifizieren.

Verjüngung, aber nicht drastisch

Im Vergleich sind die Erfurter Kommissare - oder besser: ihre Darsteller - tatsächlich die jüngsten. Alle drei Schauspieler sind Anfang 30, zusammen kommen sie auf einen Schnitt von 31,7 Jahren. Ein Durchschnittsalter lässt sich auch für die anderen "Tatort"-Standorte berechnen - nicht mit dem Alter der fiktiven Kommissare (meist nicht bekannt), aber mit dem der Schauspieler.

Und? Gibt es aktuell eine so drastische Verjüngung unter den TV-Ermittlern, wie es der Erfurt-"Tatort" nahelegt? Nicht wirklich, unsere Auswertung zeigt: Mehr als die Hälfte der Ermittlerteams ist im Schnitt über 50 Jahre alt. Nur an drei der 21 Standorte liegt der Altersschnitt unter 40. Am Ende dieser Aufstellung tauchen naturgemäß vor allem die dienstälteren "Tatort"-Teams auf - Batic und Leitmayr in München, Odenthal und Kopper in Ludwigshafen, oder Ballauf und Schenk in Köln:

Man darf allerdings nicht den Fehler machen, vom Alter der Darsteller auf die Altersanmutung des jeweiligen "Tatort" zu schließen. Die an Jahren reichsten TV-Kommissare liefern oft die jüngsten Krimis. Batic-Darsteller Miroslav Nemec, 60, und Leitmayr-Darsteller Udo Wachtveitl, 56, sind inzwischen seit 23 Jahren im "Tatort"-Einsatz in München und schaffen es doch immer mal wieder, den Zuschauer zu überraschen. Lediglich die Pädophiliefolge am nächsten Sonntag enttäuscht. Ansonsten gilt für die Münchner: Die Haare sind grau geworden, der Blick auf die Welt ist wach geblieben.

Kommissar mit Pausbacken

Ähnliches gilt für Ballauf-Darsteller Klaus J. Behrendt, 54, und Schenk-Darsteller Dietmar Bär, 53, die nach einer Phase der Onkeligkeit mit den letzten Folgen wieder zeitgemäße, schnelle und fordernde Folgen vorgelegt haben.

Und auch Odenthal-Darstellerin Ulrike Folkerts, 53, konnte unlängst mit der Episode zu ihrem 25-jährigen Dienstjubiläum an Härte zulegen: Sie thematisierte rigoros das Altern ihrer Kommissarin - und sprengte ausgerechnet dadurch die Altersgemütlichkeit, die über die letzten Jahre im Ludwigshafener Revier herrschte.

Trotzdem wollen die Verantwortlichen der Sender sich wohl nicht vorwerfen lassen, dem Nachwuchs den Weg zu versperren: Batic und Leitmayr in München arbeiten seit diesem Jahr mit der jungen Profilerin Lerch (Lisa Wagner) und dem Pausbacken-Polizistchen Hammermann (Ferdinand Hofer) zusammen, die den Altersschnitt deutlich senken. Und die junge Fallanalytikerin Johanna Stern (Lisa Bitter), die im jüngsten Ludwigshafener "Tatort" ihr Debüt hatte, soll dort künftig festes Teammitglied werden.

Weil diese kosmetischen demografischen Korrekturen der ARD aber kaum helfen dürften, nachhaltig ein jüngeres Publikum zu erreichen, gibt es auch ein paar weiter reichende Maßnahmen: Gerade wurde bekannt gegeben, dass der "Tatort" aus Konstanz mit Eva Mattes, 60, eingestellt wird.

Dafür wird 2015 ein neues Revier in Dresden Drehstart haben, dessen drei weibliche Hauptdarstellerinnen (etwa Alwara Höfels) zwischen Anfang 20 und Anfang 30 sind und die in ausgewiesen jungen Filmen wie "Fack ju Göhte" mitgewirkt haben. Ein effizienter Angriff auf die Jugend vor dem Fernseher.

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Frauen im "Tatort": Wie die Ermittlerteams weiblicher wurden

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mac4me 22.12.2014
1. Mir ist eigentlich egal...
...wie alt die Darsteller sind, Hauptsache, sie sind überzeugend. Und da fand ich den Erfurt-Krimi doch etwas farblos. Ich vergleiche dann doch immer mit meiner absoluten Lieblingsserie "Breaking Bad", ein zugegebenermaßen hoher Maßstab. Aber auch dort gibt es einen ziemlich jungen Mann unter den Hauptdarstellern, Aaron Paul, 35, der den Jesse Pinkman spielt. Das tut er allerdings sensationell intensiv und überzeugend. Aber ich will das Erfurt-Team nicht niedermachen, es gab schon gute Ansätze, sie können ja noch in die Rollen hineinwachsen, gute Drehbücher und Dialoge vorausgesetzt. Ich habe mich gestern nicht schlecht unterhalten gefühlt, auch wenn Fellner/Krassnitzer oder Behrendt/Bär mir besser gefallen.
Brave 22.12.2014
2. verschont und bitte
damit. Wer braucht diese Milchgesichter in einem Tatort? Können die sich nicht erstmal bei GZSZ oder sonstigen flachbildserien ausprobieren? Der Tatort war von einigen Ausnahmen abgesehen, schauspielerisch eher auf genau diesem Niveau.
jujo 22.12.2014
3. ...
Mich interessiert das Alter der Darsteller eigentlich nicht so sehr, es sei denn sie sind so alt und wirken damit unglaubwürdig und peinlich wie Schmücke z.B. Auch im wirklichen Leben gibt es ermittelnde Kriminalbeamte 50+. Peinlich ist aber auch wenn Darsteller wie Schweiger um die 50 den jugendlichen Actionheld mimen.
99erFiesta 22.12.2014
4. Mir egal
Ich gehöre mit 26 wohl zur Zielgruppe dieses "Tatorts" und mir ist es ehrlich völlig egal wer da mitspielt. Bis auf Boerne/Thiel ist und bleibt Tatort das immer gleiche lahme Muster ohne neue Ideen (dafür aber mit der Extraportion Moral) und für mich daher irrelevant. Auf meiner Serienliste oben stehen Serien wie House of Cards, Breaking Bad oder Band of Brothers. Serien, an die die deutsche Fernsehlandschaft wohl in 10 Jahren noch nicht rankommen wird. Dafür werden wir aber in 10 Jahren wohl den 5000 Tatort feiern können/dürfen/müssen.
bukketingi 22.12.2014
5. Gähn ...
habe den Tatort ab ca. Mitte der Zeit nur schlafend erlebt.
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