Kaputte Familien im Köln-"Tatort" Tolstoi im Technoremix

Hier säuft die Mutter mit dem Sohn, dort ertränkt der Bruder den Schmerz über den Tod der Schwester in lauten Beats: Der Köln-"Tatort" erzählt von Familientragödien in Zeiten von Techno und Twitter - etwas bemüht.

WDR/ Thomas Kost

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Und sie bewegen sich doch. Zum Beispiel von der Currywurstbude zum Falafel-Stand. Leichte, vegetarische Kost für leichthändige, vitale Ermittlungen, Social-Media-Schnüffeleien inklusive. Die Kölner Ermittler, die sich zuvor oft als Fleischfresser und Digitalverweigerer inszeniert haben, sind im aktuellen Fall sogar auf Twitter oder Facebook unterwegs - zumindest konfrontieren sie die jungen Zeugen und Verdächtigen mit den Tweets und Posts, die diese im Netz hinterlassen haben.

Das 20-jährige Dienstjubiläum von Schenk (Dietmar Bär) und Ballauf (Klaus. J. Behrendt) liegt nun auch schon wieder einige Folgen zurück. Nach Odenthal in Ludwigshafen und Batic und Leitmayr in München sind sie am längsten im "Tatort"-Einsatz, niemand hat mehr Fälle im Jahr zu lösen. Da fällt es nicht ins Gewicht, wenn sich eine Folge mal wieder als herber Rückschlag in den Modernisierungsbemühungen rund um das TV-Revier herausstellt.

Regressiv, progressiv, die Rheinländer bewegen sich mal in die eine, mal in die andere Richtung. Die neue Folge schwankt nun zwischen Gegenwartsversessenheit und Konventionshörigkeit, zwischen beflissenen Social-Media-Verweisen und etwas bräsig inszenierten Familientragödien.

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"Tatort" aus Köln: Schrecklich nette Familien

Noch einem letzten Post in der späten Nacht hatte eine angehende Studentin aus einer In-Bar abgesetzt, danach wurde sie entführt. Jetzt fordern die Täter eine halbe Million Euro Lösegeld. Schenk und Ballauf werden bei ihren Ermittlungen mit zwei Familien konfrontiert, die offenbar von starken inneren Konflikten getrieben werden.

Sohn und Mutter lassen den Wodka kreisen

Da ist die Familie der Entführten, in der sich der Tischler-Vater (Harald Schrott) aus dem Schatten des mächtigen Juristen-Schwiegervaters (Hansjürgen Hürrig) herauszukämpfen versucht. Und da ist die Familie des Freundes der Entführten, wo der Sohn (Anton von Lucke) und die Mutter (Claudia Geisler-Bading) nachts die Wodka-Flasche rumgehen lassen; vor einigen Jahren ist der Vater und Ehemann bei einem Arbeitsunfall gestorben. Die Trauer, der Hass, die vielen Lügen innerhalb der beiden Familien hängen möglicherweise miteinander zusammen.

Jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich? Der berühmte erste Satz aus Leo Tolstois "Anna Karenina" geht hier nicht ganz auf: Jede Familie in diesem "Tatort" ist nämlich offenbar mit der anderen in ihrem Unglück verbunden. Das Geflecht der Verletzungen und Abhängigkeiten wird über Strecken recht einfallsreich entblättert, und die Lebenswelt in diesem "Tatort" ist mit opulenten Verweisen auf unsere Gegenwart ausgeschmückt (Drehbuch: Christoph Wortberg, Regie und Drehbuchbearbeitung: Christine Hartmann).

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Fotostrecke: Alle "Tatort"-Teams im Überblick

Am Anfang folgen wir einem jungen Mann, der nach seinem Junggesellenabschied im affigen Motto-Shirt durch die Stadt torkelt und schließlich von einem Auto überfahren wird, später sind wir dann am Freund des Entführungsopfers dran, der als Kurier von einem dieser vielen aus dem Boden sprießenden Lieferservice durch die Stadt hetzt. Hier heißt er stilecht "Delicado".

Viel zeitgemäßes Dekor gibt es in diesem "Tatort" also zu sehen - aber die Dialoge sind schrecklich altbacken. Die innerfamiliären Konfrontation bestehen fast völlig aus Stanzen, die nicht mal großartige Schauspieler wie Schrott oder Geisler-Bading glaubhaft ausspielen können. Die Lautstärke soll es dann richten. Immer wenn es zur Sache geht, wird geheult oder geschrien wie in einem Achtziger-Jahre-Sozialdrama.

Ein Krimi zwischen gestern und heute - mit einem Soundtrack, der genau diesen Widerstreit spiegelt: Als die Ermittler den Bruder der Entführten aufsuchen, ballert der sich gerade mit Technobeats zu. Immer wieder ertönen hier Jefferson Airplane mit ihrem Drogenhit "White Rabbit" im scheußlich hochgepitchten Remix von Sander van Doorn, Pep & Rash.

Oldies, durch die digitale Gegenwart geprügelt. Ist ja auch eine ganz schöne Umschreibung für Schenk und Ballauf.

Bewertung: 5 von 10 Punkten


"Tatort: Familien", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 4 Beiträge
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odenkirchener 04.05.2018
1. Ernie und
Bert? Jep. Trifft es. Den Kölner TATORT kann man getrost verpassen. Gegen die alten Münchner kommen die eh nicht an. Ein durch die Gegenwart geprügelter. . .
peter_rot 04.05.2018
2. Soll man den Tatort nun ansehen oder nicht?
Eigentlich gefällt mir das Tatort-Team aus Köln sehr gut. Das Problem sind diese bescheidenen Tatortschreiber. Anstatt einen guten Tatort zu schreiben, steht Selbstverwirklichung auf ihrem Programm. Was dann dabei raus kommt ist ihnen oft egal. Ich werde den Tatort aufnehmen, dann kann ich jederzeit löschen.
josefinebutzenmacher 04.05.2018
3. Tja, Kaffe Wien,
nun hat ja der Kritiker aber weder eine schlechte noch eine gute Wertung abgegeben. Also eher durchschnittlich. Und nun? Ach ja, ich freu mich auf die Kölner.
Gerdd 06.05.2018
4. Bei 'nem Münster-Tatort hätte ich ...
... erwartet, über das Team zu lachen. Bei allen anderen, inklusive die meisten Köln-Tatorte, hätte ich mich zwischen 30 und 40 Minuten lang gelanweilt, bevor es "losgeht." Hier war ich von Anfang an "voll drin." Da ist mir die Meinung des Kritikers sowas von egal ... Mission accomplished. Was will ich mehr?
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