München-"Tatort" über rechte Aussteiger Hier relaxt der Reichsbürger

Wo die Demokratie Siesta hält: Die Kommissare Batic und Leitmayr treffen im verschlafenen Niederbayern auf eine gefährliche rechte Kommune. Für solche "Tatorte" zahlen wir gerne "Scheiß-Fernsehsteuern".

BR/ Claussen+Putz/ Hendrik Heiden

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Dieser "Tatort" fängt die Stimmen jener Menschen ein, die sich vom Staat verraten fühlen. Gleich am Anfang bündelt er sie zu einem lautstarken kakofonischen Chor. "Scheiß-Fernsehsteuer", "Scheiß-Propaganda", "Volksverbrecher" hallt es hier durch ein uriges Gehöft im Niederbayerischen. Dazu klingeln unentwegt die Telefone, eine Gruppe rechter Aussteiger hat eine Art Sorgenhotline für Wutbürger eingerichtet. Die Telefonseelsorger lauschen den Tiraden und geben Tipps, wie man sich den Behörden der "sogenannten Bundesrepublik" entziehen kann.

Ein Callcenter für Staats- und Rundfunkverächter, mitten im schönsten und tiefsten Niederbayern. Tritt man vor die Tür des Hofes, eröffnet sich ein Idyll der Selbstversorgung. "Freiland" haben die Bewohner ihren Hof genannt. Die Kinder werden im Gras unterrichtet, weil man den Schulen schon lange misstraut, die älteren Buben versuchen mit einem Bier in der Hand eine Hütte zu zimmern, einen Badesee gibt es auch. Zwölf grüne Hektar, auf denen nur die "eigenen Werte" zählen. So relaxt der Reichsbürger.

Nachdem in München der Buchhalter der Rechtsaussteiger tot in der Badewanne aufgefunden wurde, rücken die Kommissare Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) an. Die erste Kontaktaufnahme scheitert, man verweigert den Ermittlern den Zugang aufs als autonom erklärte und abgeriegelte Stück Land.

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München-"Tatort": Deutschlands rechter Rand

In der Wirtschaft im Nachbardorf treffen Batic und Leitmayr dann auf Ludwig Schneider (Andreas Döhler), den Guru der Gruppe, der gerade dabei ist, ein paar ältere Damen und Herren der Gegend für die Staatsflucht zu gewinnen: "Ich lade sie ein, wieder frei zu sein. In ihrem eigenen Staat zu leben, den sie selbst regieren. Nicht irgendwelche Marionetten von Washington oder Tel Aviv."

"Richtig, die BRD ist eine GmbH"

"König Ludwig", wie sie ihn im Dorf ironisch, aber freundlich nennen, referiert alte und neue rechte Verschwörungstheorien, etwa als er über Personalausweise spricht, Urkunden eines Staates, der aus seiner Sicht nie legitimiert wurde: "Personalausweis, richtig? Personal, das sind sie, nichts anderes. Und sehen sie: Ihre Unterschrift, damit haben sie den allgemeinen Geschäftsbedingungen der BRD GmbH zugestimmt. Richtig, die BRD ist eine GmbH." Wieder was gelernt.

Was auf den erst Blick als Rückzugsort für harmlos verschrobene Gestalten wirkt, entpuppt sich auf den zweiten als gefährlicher Parallelkosmos für jene, die mit der Komplexität der modernen Gesellschaft hadern. Ein Parallelkosmos, der hier am Ende, so viel dürfen wir verraten, in einem westernartigen Showdown verteidigt wird.

"Freies Land" ist nach einem "Polizeiruf" aus Brandenburg und einem "Tatort" aus dem Schwarzwald schon der dritte ARD-Sonntagskrimi innerhalb weniger Monate, der sich mit der als Stadtflucht daherkommenden Demokratieflucht beschäftigt. Zum Abschluss der Krimisaison wird es nächsten Sonntag noch einen extrem starken Rostock-"Polizeiruf" zum Thema geben. Es spricht für die Verantwortlichen der ARD, dass sie zur Auseinandersetzung nah an jene Menschen rangehen, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen am liebsten abschaffen würden.

Regisseur Andreas Kleinert, der den neuen "Tatort" inszeniert hat, ist ein Fachmann für die psychologischen Subtexte unter den großen gesellschaftlichen Umbrüchen Anfang der Nullerjahre hatte er einige starke Schweriner "Polizeirufe" mit Henry Hübchen inszeniert. So wie er dort in großformatig bebilderten Seenlandschaften Ostdeutsche zeigte, die nicht so recht in der Bundesrepublik angekommen waren, zeigt er nun vor ebenso idyllischer Kulisse Menschen, die sich längst von der Bundesrepublik verabschiedet haben. Das Drehbuch stammt von Holger Joos, der zuvor mit "Der Tod ist unser ganzes Leben" den München-"Tatort" als nihilistisches Cop-Drama ausformulierte.

Die Reichsbürger-Folge ist nun - dem schwierigen Thema zum Trotz - über weite Strecken von einer lässigen Heiterkeit geprägt. Weit weg von München werden Batic und Leitmayr mit einer sonnig sengenden Parallelwelt konfrontiert, die nichts mit den üblichen Dunkeldeutschland-Klischees zu tun hat. Das schärft den Blick aufs Reichsbürgerbiotop und seine Gefährlichkeit. Hier kann der Hitzestau und der Staatshass jederzeit in militante Gewalt umschlagen.

Und offenbar kann diese Gewalt keiner aufhalten. Batic' und Leitmayrs Kollegen von der örtlichen Polizei sind von einer imposanten Dösigkeit. Man sieht sie beim Schweinsbratenessen, beim Tischtennisspielen und wie sie auf einem rekordverdächtig langsamen Dienstmoped durch die Landschaft tuckern. Auch das zeigt dieser "Tatort": einen müden Staat und eine Demokratie, die in eine Dauersiesta zu versinken droht.

Bewertung: 8 von 10 Punkten


"Tatort: Freies Land", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 47 Beiträge
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hanshanshans 01.06.2018
1. Spielfilm
Der Autor hätte ruhig darauf hinweisen können, daß es sich um einen Spielfilm handelt.
WilliWuehlbeck 01.06.2018
2. Muede Demokratie, ja, aber anders
`Auch das zeigt dieser "Tatort": einen müden Staat und eine Demokratie, die in eine Dauersiesta zu versinken droht.` Die Beschreibung der Demokratie stimmt, aber nicht die Bedrohung. Staat-Krimis, die mit aller Gewalt versuchen, eine Bedrohung herbeizurufen, die es gar nicht gibt. Reichsbuerger, gegen die die Polizei nichts mehr machen kann, hahaha. Und wo sollen die sitzen? In Duisburg vielleicht? Ist das etwa gemeint mit Duisburgerisierung?
schwaebischehausfrau 01.06.2018
3. Danke spon...
....für die tolle Hilfe bei der Entscheidungsfindung, den Sonntagabend dann doch lieber bei lauschigem Sommerwetter im Augustiner-Biergarten zu verbringen. Anstatt sich - Gäääääääähn - auch noch den BR-Wettbewerbs-Beitrag zum ARD-internen Sendeanstalten-Wettbewerb zum Thema "Wir müssen jetzt unbedingt alle was machen zur tödllichen Gefahr durch rechte Aussteiger-Sekten in Deutschland" anzutun. Ist ja auch sicher die größte kriminelle Bedrohung, die sich der normale Bürger in Deutschland aktuell ausgesetzt sieht. Und DANKE auch schon mal für die Vorwarnung, dass die ARD gleich nächsten Sonntag die Zuschauer nach der Holzhammer-Methode gleich nochmal mit dem gleichen Schmarren behelligen wird, weil vielleicht einige abtrünnige Hillbillies in MeckVoPo und im tiefsten Niederbayern immer noch nicht kapiert haben, dass sie sich nicht vor den leider nicht mehr zu leugnenden steigenden Raten bei Gewaltkriminalität fürchten sollten, sondern vor durchgeknallten rechten Verschwörungstheoretikern. Gibt ja auch kaum ein Dorf in Deutschland, in dem sich nicht mindestens 1 dieser Nazi-Sekten schon niedergelassen hat. Wahnsinn - und dann wundert man sich bei diesen Sendern noch darüber, dass gerade die Menschen im Osten sich bei ARD/ZDF an das gute alte DDR-Erziehungsfernsehen erinnert fühlen. Wie wär's mal mit 5 "Tatort"-Folgen zu G20/Hamburg und der Bedrohung durch "den Schwarzen Block"? Oh Tschuldigung - ganz falsches Thema.
RioTokio 01.06.2018
4.
Zitat von schwaebischehausfrau....für die tolle Hilfe bei der Entscheidungsfindung, den Sonntagabend dann doch lieber bei lauschigem Sommerwetter im Augustiner-Biergarten zu verbringen. Anstatt sich - Gäääääääähn - auch noch den BR-Wettbewerbs-Beitrag zum ARD-internen Sendeanstalten-Wettbewerb zum Thema "Wir müssen jetzt unbedingt alle was machen zur tödllichen Gefahr durch rechte Aussteiger-Sekten in Deutschland" anzutun. Ist ja auch sicher die größte kriminelle Bedrohung, die sich der normale Bürger in Deutschland aktuell ausgesetzt sieht. Und DANKE auch schon mal für die Vorwarnung, dass die ARD gleich nächsten Sonntag die Zuschauer nach der Holzhammer-Methode gleich nochmal mit dem gleichen Schmarren behelligen wird, weil vielleicht einige abtrünnige Hillbillies in MeckVoPo und im tiefsten Niederbayern immer noch nicht kapiert haben, dass sie sich nicht vor den leider nicht mehr zu leugnenden steigenden Raten bei Gewaltkriminalität fürchten sollten, sondern vor durchgeknallten rechten Verschwörungstheoretikern. Gibt ja auch kaum ein Dorf in Deutschland, in dem sich nicht mindestens 1 dieser Nazi-Sekten schon niedergelassen hat. Wahnsinn - und dann wundert man sich bei diesen Sendern noch darüber, dass gerade die Menschen im Osten sich bei ARD/ZDF an das gute alte DDR-Erziehungsfernsehen erinnert fühlen. Wie wär's mal mit 5 "Tatort"-Folgen zu G20/Hamburg und der Bedrohung durch "den Schwarzen Block"? Oh Tschuldigung - ganz falsches Thema.
So ist es. ARD und ZDF im Kampf gegen Räächz. Tatort wird finanziert und produziert von der 100% ARD Tochter Degeto. Die Chefin dort ist Frau Strobl - Tochter von Herrn Schäuble und Ehefrau von CDUler Strobl. Zufall oder wird hier über den Umweg der angeblich unabhängigen ARD der politische Gegner bekämpft?
jacktrevor 01.06.2018
5. Ich sehe die Reichsbuerger
Als von der Politik zu aufgebauscht und aufgeblasen an.Randgruppen, Einzelgaenger.Ich habe bis jetzt keinerlei Beweise fuer eine gezielte Gruppierung dieser Gruppe gesehen. Hauptsache man kann erklaeren fuer wie gefaerlich diese Rechtsgruppierung sein soll. Mich wuerde lieber dringent interessieren wie sich die Antifa organisiert und andere Buerger Terrorisiert, wer die Sponsoren und die Organsatoren sind. Von den Gruenen weis ich zum Beispiel mit Sicherheit, diese sind Gruen nur dem Namen nach. Inzwischen bezieht diese Ihre Mittgliederschaft aus den Doppelpass Berreich. Es waere mal interressant Medienweise darauf hinzuweisen und zu Erklaeren warum diese immer noch um die 4% liegen und welche Interessengruppe diese vertreten, denn viele Deutsche wissen diese Zusammenhaenge wohl nicht.
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