Horror-"Tatort" aus Frankfurt Eure Angst ist unser Auftrag

Nieder mit dem Realitätsdiktat! Der Frankfurter "Tatort" ist ein parapsychologischer Schocker über ein ehemaliges Waisenhaus - mit dem seriösen Willen, den Zuschauer das Fürchten zu lehren.

HR/ Benjamin Dernbecher

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Tote, die durch die Münder von Lebenden sprechen. Greise, in deren Gesichtern sich noch immer das Grauen spiegelt, das sie vor vielen Jahrzehnten als Kind gesehen haben. Rückstände eines Verbrechens, die gut verscharrt unter dem Kellerboden liegen oder unter Holzdielen versteckt sind, bis irgendein Idiot sie ausbuddelt und damit die Geister der Verstorbenen ruft: In diesem Frankfurter "Tatort" passiert nichts, was Sie nicht schon einmal in einem klassischen Geisterhaushorrorfilm gesehen haben - es passiert gleichzeitig aber auch nichts, was Sie bereits in einem "Tatort" gesehen haben.

Das Übersinnliche ist ja eindeutig unterrepräsentiert im deutschen Fernsehkrimi. Genauer: Es kommt gar nicht vor. HR-Redakteur Jörg Himstedt, der als Mitverantwortlicher für die hessischen Ulrich-Tukur-Krimis dem "Tatort" neue Imaginationsräume geöffnet hat , sagt: "Der 'Tatort' ist ja so etwas wie der säkularisierte Kirchgang. Schlimme Dinge geschehen, aber stellvertretend für uns bringen die Kommissare die Dinge wieder ins Lot. Das Böse ist gebannt, man kann beruhigt schlafen gehen. Wir haben uns gedacht - was, wenn wir einmal ein Märchen erzählen, so wie früher, im Stadium der Unschuld, als das Wünschen noch geholfen hat, ins Sofa gekuschelt und wohlig gegruselt."

Der Idiot, der die Geister ruft, ist in diesem "Tatort" Kommissar Brix (Wolfram Koch). Ein alter Mann im Schlafrock stürmt auf das alte Haus zu, das der Polizist mit seiner guten alten Freundin Fanny (Zazie de Paris) bewohnt, und versucht es in Brand zu stecken. Mit bedeutungsschwangerem Blick auf den Dachstuhl bricht der Alte zusammen und Brix reißt den Dielenboden vom Dachgeschoss auf, wo er das Skelett eines Mädchens findet - Bewohnerin des Waisenhauses, das früher in dem Gebäude beherbergt war und nun seine schaurigen Geschichten über Tode in kalten Flüssen und mörderisch sanktionierte Lieben freigibt.

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Frankfurt-"Tatort": Die Angst sei mit euch!

Der hessische "Tatort" hat sich ja schon häufiger dem Horrorfilm angenähert, etwa in einer erbarmungslosen Variation auf Wes Cravens "Last House On The Left" mit Joachim Król 2015 oder in einer kunstvollen "Se7en"-Hommage mit Ulrich Tukur 2016. Hier nun legt der HR einen Gruselfilm in Reinform vor, der jede Art von postmoderner Spielerei und ironischer Brechung vermeidet. Oldschool-Horror zwischen "Poltergeist" und "The Others", kein Augenzwinkern weit und breit. Die öffentlich-rechtliche Existenzberechtigung einmal anders formuliert: Eure Angst ist unser Auftrag.

Warnung an ältere Zuschauer

Redakteur Himstedt betont: "Wir wollten die Figuren ernst nehmen, aber auch den Horror, der sie erfasst. Die Form der Horrorparodie haben wir bewusst vermieden. Hier geht es nicht um Comic Relief, die ein Mittel der Distanz ist, sondern um die Lust an der Angst. Für ein jüngeres Publikum ist dies kein Problem. Die Älteren seien gewarnt."

Der HR ist es gewohnt, dass nach "Tatort"-Experimenten die Telefone heiß laufen, weil die Zuschauer sich überfordert fühlen. Wer nun am Sonntag auf Klärung sozialer Schieflagen hofft oder sich einfach gerne zur Lösung des Falles knobelt, wird sich von diesem parapsychologischen Entfesselungsakt ebenfalls überrollt fühlen.

Wie die Set-Techniker bei fortgeschrittener Handlung mit dem Flammenwerfer das Horrorhaus bearbeiten, so rigoros wird auf narrativer Ebene dem ewigen Realitätsdiktat des "Tatort" zu Leibe gerückt. Dabei gelingt es den Filmemachern (Buch: Christian Mackrodt, Buch und Regie: Andy Fetscher) in "Fürchte dich", bei allen fantastischen Elementen eine wirklich anrührende, psychologisch schlüssige Geschichte zu erzählen, bei der sich der Fluch eines Verbrechens auf drei Generationen einer Familie auswirkt. Als jüngste Vertreterin dieser Familie muss die Schülerin Merle (perfekt in der Rolle der lakonisch alle Gefahren durchstehenden Horror-Heldin: Luise Befort) den geballten Schrecken fast alleine schultern.

Das ist die dann doch verstörende Botschaft, die hier vermittelt wird zwischen einschlagenden Blitzen, bedrohlich quietschenden Türen und martialischen Schleifgeräuschen, die glauben lassen, die Grundpfeiler der Hölle würden einstürzen: Wir sind die Summe aller Ängste unserer Vorfahren. Fürchte dich? Wie sollten wir das bei so einer Erkenntnis verhindern können.

Bewertung: 8 von 10 Punkten


"Tatort: Fürchte dich", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 26 Beiträge
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bafibo 27.10.2017
1. seh ich das richtig?
Ein ehemaliges Waisenhaus ist in ein Einfamilienhaus umgewandelt worden? Wie glaubhaft ist ist das denn, rein vom Platzbedarf? Auch die Punktzahl ist für mich Anlaß, um diesen Tatort (wie um die meisten aus Hessen) besser einen Bogen zu machen.
Rinaldo R. 27.10.2017
2. Die
Realität in Deutschland und der Welt ist inzwischen fürchterlich genug, da muss ich mich nicht auch noch dann fürchten, wenn ich mich ganz einfach nur entspannen will. Deshalb sind für mich inzwischen die meisten Tatort-Folgen vom Programm gestrichen.
Mr Bounz 27.10.2017
3. freu mich schon
Gerade der hessische Tatort ist mitlerweile eine der lohnensten Varianten des Klassikers! Immer wieder wird hier etwas Neues probiert, klasse Schauspielern die Möglichkeit gegeben zu glänzen und einfach abwechslungsreiches Präsentiert. Die filmische Umsetzung ist auch jedes mal wieder herausragend, ich denke immer wieder mit freuden an Szenen wie jene vor dem Wiesbadener Kurhaus oder auf dem idylischen Provinzbahnhof zurück. Auch das wechselspiel mit den Mordverdächtigen Tatortschauspielern war einfach klasse!! Wenn man so etwas sieht fragt man sich immer wieder wie Menschen sich freiwillig US-CSI Müll ansehen könne.
mikesch0815 27.10.2017
4. Tatort des HR? Prima
...die hessischen Tatort-Filme zeichnen sich durch Mut, oft großartige schauspielerische Leistungen und unerwartete Handlungen aus. Während z.B. Münster Tatort inzwischen absehbar in ihrem Klamauk sind und die Münchner Tatorte eher in Sozialkritik ertrinken liefert der HR doch immer wieder Perlen, die auch mal etwas vom Zuschauer abfordern.
stoffi 27.10.2017
5. Was soll das denn?
da müssen ja die Zuschauerzahlen rapide gesunken sein, wenn man jetzt schon auf solchen Klamauk zurück greift, um noch ein paar Zuschauer zu interessiere Ich werde mir bei dieser Ankündigung lieber was anderes ansehen. Vielleicht auch mal RTL, denn schlimmer geht wohl nimmer, als Geister im Tatort
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