Erster Schwarzwald-"Tatort" Deutscher Wald, deutsche Waffen

Schnaps aus regionalem Obst, Schusswaffen aus örtlicher Produktion: Der Schwarzwald-"Tatort" mit Eva Löbau ist ein etwas anderer Heimatkrimi geworden - elegisch, bitter, gut.

SWR/ Johannes Krieg

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Der Schnee hat Pfützen aus Matsch hinterlassen, die tief hängenden Wolken drücken die Fichten nieder, und im morschen Unterholz lagern, gut geschützt in einem Stahlkoffer, modernste Gewehre und Pistolen aus deutscher Herstellung. Dieser Schwarzwald ist kein Hort des Friedens.

Dabei sind die jungen Familien der kleinen Siedlung Goldbach extra hier rausgezogen, 40 Kilometer entfernt von den Arbeitsstätten in der großen Stadt. Die Kinder sollten in der Natur aufwachsen, im größtmöglichen Abstand zu den Grausamkeiten der restlichen Welt. Nun ist eines dieser Kinder tot. Umgekommen durch einen Schuss aus einer Waffe, die direkt um die Ecke produziert wurde.

Deutscher Wald, deutsche Waffen, das ist eine wuchtige Themenkombination für den Auftakt des neuen "Tatort" aus dem tiefsten Südwesten des Landes. Unschwer ist der Waffenfabrikant, von dem man sich für die Handlung inspirieren ließ, als die Firma Heckler & Koch in Oberndorf am Neckar erkennbar. Vor zwei Jahren hatte die ARD schon den investigativen Thriller "Meister des Todes" gezeigt, der die weltweiten Verstrickungen von Heckler & Koch in zweifelhafte Waffendeals aufzeigte. Nun wird der politische Stoff ins regionale soziale Drama gedreht.

Aus der Stadt in den Wald

Drei Familien sind involviert. Eine hat ihr Kind durch einen Schuss ins Herz verloren, die andere vermisst das ihre noch, die dritte hat ein Kind zu Hause, das so tut, als wäre überhaupt nichts geschehen. Die Polizei findet bei ihren Untersuchungen einen Koffer mit fabrikneuen Waffen, die unter das Kriegswaffenkontrollgesetz fallen, klärt die Familien darüber aber erst einmal nicht auf. Die Gemeinschaft der jungen Eltern, moderne Stadtflüchtige, die in den urigen deutschen Wald gezogen sind, um darin Schutz vor den Zumutungen einer globalisierten, entfesselten Welt zu finden, droht angesichts der Ungewissheit zu zerbrechen.

Regisseur Robert Thalheim, gebürtiger Berliner, bewegt sich mit dem Schwarzwald-"Tatort" auf bekanntem Terrain: alternative Lebensentwürfe. Bereits in seinem Kinoerfolg "Eltern" nahm er die Optimierungsprozesse heutiger Großstädter unter die Lupe, in einem "Polizeiruf" aus Brandenburg beleuchtete er schon mal, wie eine Öko-Kommune an ihren Selbst- und Weltverbesserungsplänen scheitert. Das Drehbuch zu seinem neuen Krimi stammt von Bernd Lange, dem Stammautor von Hans Christian Schmid, mit dem Thalheim auch für das doppelbödige, lustvolle Gedenkdrama "Am Ende kommen Touristen" zusammengearbeitet hat.

Beim gemeinsamen "Tatort" gelingt es Thalheim und Lange nun, den Traum vom achtsamen Leben in einen Alptraum aus Schmerz, Angst und Verdacht zu wenden. Das gemeinsame Ideal der Goldbach-Familien fußt auf dem Glück der Kinder, mit dem Tod des einen steht auf einmal nicht der eigene Lebensentwurf, sondern auch das Solidaritätsversprechen untereinander zur Disposition.

Schuld durch Überleben

Der Vater des ermordeten Kindes (Godehard Giese) wirft den anderen Eltern, die um ihre lebenden Kinder kämpfen, fehlende Empathie vor. Ein Erosionsprozess im gesellschaftlichen Mikrokosmos: Schuld durch Überleben. Der angenehm altmodische Synthie-Score (Uwe Bossenz, Anton Feist) hallt dazu in die Schnee- und Graupelschauer wie in einem philosophischen Thriller von Krzysztof Kieslowski oder einem Endzeitkrimi von John Carpenter.

"Goldbach" ist ein ruhiges, fast elegisches, von jedem Effektschnickschnack befreites Krimidrama. Das ist besonders erfreulich, da um das neue TV-Revier im Vorfeld reichlich Alarm gemacht wurde. Provinzbürgermeister aus ganz Baden-Württemberg bewarben ihre Orte öffentlich als Drehort, publicityträchtig engagierte man für die Rolle des Revierchefs Harald Schmidt, der dann ebenso publicityträchtig kurz vor Drehbeginn wieder ausstieg.

Umso zurückgenommener agieren die verbliebenen Kommissardarsteller. Eva Löbau als Franziska Tobler und Hans-Jochen Wagner als Friedemann Berg benötigen keine Dialogfanfaren oder exotischen Rollenbiografien. Sie verwerten in ihrem Spiel gleichsam, was dieser karge Krimi-Schwarzwald hergibt. Die von ihnen verkörperten Ermittler kauen gerne mal einen Apfel, haben Gebrannten aus der Umgebung in der Schublade, verfallen gelegentlich ins Alemannische, einen Tag weht ihnen der Schnee ins Gesicht, am nächsten Tag stapfen sie durch den Matsch. Ein angenehm witterungsintensiver "Tatort", in dem die Ermittler und die Filmemacher die Umgebung nehmen, wie sie ist.

Man darf diesen "Tatort" über Waffenproduktion und Stadtflucht einen Heimatkrimi nennen. Hier wird alles lokal produziert. Obst, Schnaps, der Tod.

Bewertung: 8 von 10 Punkten


"Tatort: Goldbach", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 17 Beiträge
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Augustusrex 29.09.2017
1. Tannen
"die tief hängenden Wolken drücken die Fichten nieder" Der Schwarzwald ist Tannenland. Aus "Das kalte Herz" von Wilhelm Hauff: "Schatzhauser im dunklen Tannenwald, bist schon viel hundert Jahre alt. Dein ist all Land wo Tannen stehn, läßt dich nur Sonntagskindern sehn." Echter Schwarzwälder Schinken ist über Tannenholz, und nicht, wie sonst meist üblich, über Buchenholz geräuchert.
rbn 29.09.2017
2. Glaubaft nur, wenn auch die -Sprache passt
Nachdem in den Bodenseetatorten nur die Deppen Südbsdisch sprechen alle anderen jedoch ortsfremdes Niederdeutsch (manche nennen es Hochdeutsch), ist es unabdingbar, dass dieser Tatort, um wirklich gut zu sein, das Alemannische wiederspiegelt. Bei einem Berliner Regisseur schwant mir jedoch Böses .
soulitude 29.09.2017
3. Fichtenmoped
Zitat von Augustusrex"die tief hängenden Wolken drücken die Fichten nieder" Der Schwarzwald ist Tannenland. Aus "Das kalte Herz" von Wilhelm Hauff: "Schatzhauser im dunklen Tannenwald, bist schon viel hundert Jahre alt. Dein ist all Land wo Tannen stehn, läßt dich nur Sonntagskindern sehn." Echter Schwarzwälder Schinken ist über Tannenholz, und nicht, wie sonst meist üblich, über Buchenholz geräuchert.
A'wa: Wenn ich aus meinem schwarzwälder Fenster schaue, sehe vorrangig Fichten, ganz egal was die Romantik sagt. Die meisten Tannen haben die geschäftstüchtigen Schwarzwälder vorletztes Jahrhundert abgeholzt und gen Holland verschifft (siehe: Das kalte Herz), mittlerweile wirds wieder ein bisschen mehr, aber heute ist der Schwarzwald trotzallem vor allem Fichtenkultur. Zum Tatort: Klingt gut, ich bin gespannt und hoffe, dass es sich vom Konstanzer Bauerntheater etwas abhebt.
matteo51 29.09.2017
4. föhren
ich bin im hochschwarzwald als kind stadtflüchtiger "moderner" Eltern aufgewachsen und erinnere mich jetzt beim lesen des Artikels wie es so war;) - auch an den alemannischen einschlag im dialekt, damals konnte ich das auch sprechen....ich bin gespannt, wie der Tatort sein wird. so viel klugsch...muss jedoch sein: es heißt föhren und echt nicht fichten:)
auweia 29.09.2017
5. Der Tod ist meistens unwillkommen...
ist ein Tod durch eine lokal hergestellte Schußwaffe für ein Kind schlimmer als der Tod durch dem Sturz vom lokal stehenden Baum beim Spielen im Wald? Wären die Aussteiger-Eltern über dieses - ich sage mal - Öko-Ableben dann glücklicher?
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