Münster-"Tatort" über Skulptur-Schau Kunst kommt von Kiffen

Doktorspiele auf der Gerichtsmedizin, Rauchschwaden im Skulpturenpark: Der neue Münster-"Tatort" ist eine süffige Parodie auf übertrieben komplizierte Der-Mörder-als-Künstler-Thriller.

WDR/ Wolfgang Ennenbach

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Der Mord als Kunstform, der Fall als Werkanalyse: Das sind beliebte Motive in etlichen Serienkillerthrillern der letzten Jahrzehnte. Der Täter legt mit den von ihm umständlich arrangierten Leichen übertrieben komplizierte Fährten aus, denen nur ein Ermittler mit humanistischer Bildung, kunsthistorischer Beschlagenheit und philosophischer Reflexionsbesessenheit folgen kann. Wahre Bildungsmassaker.

Und somit der optimale Stoff für den Münster-"Tatort", wo der Rechtsmediziner Boerne (Jan Josef Liefers) ja, während er Dichter und Denker zitiert, seine Schöngeistigkeit inmitten von Knochenbergen und Innereien spazieren führt.

Die neue Münster-Folge ist nun, so könnte man sie zumindest wohlwollend lesen, eine unkomplizierte Parodie auf das Genre des übertrieben komplizierten Der-Mörder-als-Künstler-Thrillers geworden. Die Ausstattung gab es gleichsam gratis in Münster dazu: Als Hintergrund diente beim Dreh im Sommer dieses Jahres die reale Veranstaltung "Skulptur Projekte", die alle zehn Jahre in der Stadt stattfindet und bei deren diesjähriger Ausgabe 35 Werke von internationalen Künstlern im öffentlichen Raum präsentiert wurden.

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Münster-"Tatort": Gott hat 'ne Krise

Ein paar echte Ausstellungstücke der "Skulptur Projekte" sind im "Tatort" mit im Bild, ein paar weitere haben sich die Filmemacher selbst ausgedacht, um darin Leichen zu verstecken. An der Entwicklung des Stoffes hat auch der reale Konzeptkünstler Christian Jankowski mitgewirkt haben, der hier als fiktiver Konzeptkünstler Jan Christowski einen Tatverdächtigen spielt.

Wir gehen mal davon aus, dass der für seine mit Medien und Rezeption spielenden Installationen bekannte Kunststar sich nicht wirklich die zentralen Ausstellungsstücke im "Tatort" ausgedacht hat. Da ist zum Beispiel ein riesiges Sparschwein, in dessen Hohlraum der leblose Körper eines Halsabschneiders liegt, und da ist ein wippender Clown, in dessen Gummiverkleidung die Leiche eines Stadtrats steckt, der sich an Kindern vergangen haben soll.

Ziemlich trashig, ziemlich ironisch

"Ziemlich konzeptig, ein pädophiler Politiker als Clown." Sagt ein anderer Künstler verächtlich über das lausig zusammengeleimte Leichenkunstwerk. Man könnte auch sagen: Ziemlich trashig: ein paar Gummi- und Kunststofffiguren als Mörderfährte. Regisseur Lars Jessen hat neben einer gekonnten Thrillergroteske für den Münster-"Tatort" auch den Kinofilm "Fraktus" gedreht, den ironischen Nachbau einer klassischen Musikdoku. Nun gibt es eben den ironischen Nachbau einer Arthouse-Schnitzeljagd.

Und die wird in "Gott ist auch nur ein Mensch" (Buch: Thorsten Wettke und Christoph Silber, die auch die Cenk-Batu-"Tatorte" geschrieben haben) eben vor allem von Kunstliebhaber Boerne vorangetrieben. Der dient sich hier, vor Ehrerbietung erzitternd, als Meisterschüler eines Künstlerfürsten (Aleksandar Jovanovic) an - einem Menschenverschwender und Todesumarmer, der sich G.O.D. nennt, Nietzsche zitiert und bald auf dem Seziertisch des Professors liegt, um sich am eigenen nackten Körper Seziertechniken vorführen lassen. "Künstlerisch wertvolle Doktorspiele, oder wie?" fragt Kommissar Thiel ( Axel Prahl ), der es nicht so mit Nietzsche und der Kunst hat.

Was sollen wir sagen? Wir kapitulieren vor dieser Pappmaché- und Sperrholzversion eines Kunstthrillers, der ein bisschen so wirkt, als hätten sie im ARD-Vorabendprogramm versucht, ein Filmgemälde von Peter Greenaway nachzudrehen, in dem jede Szene ein Verweis auf ein großes Kunstwerk ist.

Und in diesem offenbar sehr kostengünstig produzierten "Tatort" kommen dann eben sogar ein paar ganz reale Kunstwerke vor. Zum Beispiel die riesigen Billardkugeln im Aaseepark, die dort seit der ersten Ausgabe der "Skulptur Projekte" im Jahr 1977 stehen. Die Ermittler wähnen in diesen runden Ausstellungsstücken schon die nächste Leiche, aber nachdem sie sich Zugang in die Kugeln verschafft haben, dampft ihnen da nur Thiels Vater (Claus Dieter Clausnitzer) mit einem Riesen-Joint entgegen, neben ihm eine kunstinteressierte junge Frau mit roten Augen. "Wir haben echt super gebrainstormt, Ihr Papa und ich."

Sie wissen ja: Kunst kommt von Kiffen. Es kann nicht verkehrt sein, sich vor der Ausstrahlung dieses "Tatorts" am Sonntag einen zu bauen.

Bewertung: 7 von 10 Punkten


"Tatort: Gott ist auch nur ein Mensch", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 2 Beiträge
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Pelao 17.11.2017
1. Man sollte die Münsteraner nicht unterschätzen ...
... gerade eben hat sich gezeigt, das die trashige Fiktion eines Münster Tatortes in Bottrop grausige Realität wurde ...
ericagassa 19.11.2017
2. Ein schöner Tatort...
...der nicht mit erhobenen Zeigefinger ein schlechtes Gewiss ob der Abgehängten oder Ausgegrenzten erzeugen muss und ohne Gosse auskommt - nach vier Wochen im Angesicht der filmischen Toleranzvermittlung von erbarmungswürdigen Unbill des Lebens ein einfach erfreulich unterhaltsames Schauspiel.
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