Wien-"Tatort" mit Eisner und Fellner Wie aus dem Kinderbuch, diese Polizisten!

Aber bitte mit Musik! Das Wiener "Tatort"-Team ermittelt in einem historischen Fall - mit heiterem Sarkasmus. Ein "Tatort" mit schwacher Story und famosen Dialogen.

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Man buddelt, und man buddelt, und am Ende findet man etwas anderes als man gesucht hat. Die Archäologen, die ihr Lager im Waldviertel zwischen Wien und der Grenze zu Tschechien aufgeschlagen haben, graben an einer steinzeitlichen Opferstätte nach Artefakten aus dem Neolithikum. Und stoßen auf eine Patronenhülse. Ist das nun archäologisch oder erkennungsdienstlich relevant?

Fast zeitgleich kippt ein Paddler mit seinem Boot auf dem österreichisch-tschechischen Grenzfluss Thaya um und stirbt. Offensichtlich wurde bei dem Tod nachgeholfen. Wie die Ermittler Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) herausfinden, war der Ermordete verbandelt mit dem einstigen tschechoslowakischen Geheimdienst, der in den Sechzigerjahren im Waldviertel Flüchtlinge stellte. Zur Zeit des Pragers Frühlings lag hier sogar eine falsche Grenze ein paar Kilometer vor der echten, um Fliehende zu überlisten und zu stellen.

Dieser "Tatort" (Regie: Rupert Henning) zwischen Archäologie, Kriminalistik und Geopolitik erinnert an den legendären ZDF-Spreewaldkrimi "Das Geheimnis im Moor", wo im Torf der brandenburgischen Feuchtgebiete Reste der deutsch-deutschen Vergangenheit schlummerten. Was der Sumpf schluckt, gibt er nicht wieder her - außer jemand buddelt. Doch wo der ZDF-Krimi aus dem Jahr 2006, aus dem sich später eine erfolgreiche Reihe entwickelt hat, düster und unheilvoll daherkam, da ist der österreichische "Tatort" über Strecken geradezu verspielt heiter.

Wunderbare Wiener Sprachmusik

Die Wissenschafts-Nerds aus der Archäologen-Fraktion sondern sarkastische Bonmots in Reihe ab. Zum Beispiel über die beiden Kommissare: "Bibi und Moritz, die heißen wie in Kinderbüchern." Ermittlerin Fellner fällt, ein bisschen affig, bei ihren Untersuchungen ins eiskalte Wasser der Thaya, lässt sich dann von einem Einheimischen rausfischen und wärmen. Die Handlung schlägt zuweilen sonderbare, nicht immer lustige Kapriolen.

Während man beim kriminalistischen Plot samt seiner umständlichen Täuschungs- und Tötungsmanöver schon viel guten Willen mitbringen muss, sitzen die trockenen, temporeichen Dialoge passgenau. Allein die Szene, in der Eisners Chef bei der Erörterung des Falles, der politisch immer verzwackter wird, darauf aufmerksam macht, dass er bei diplomatischen Komplikationen nicht einschreiten werde:

Chef: "Im Falle des Falles: Es kommt kein Räumkommando. Ich will es so sagen."
Eisner: "Dann sag's."
Chef: "Ich hab's gesagt. Hast du's gehört?"
Eisner: "Wenn du's gesagt hast."
Chef: "Ich hab's gesagt."
Eisner: "Dann habe ich's gehört."

Diese wunderbare Wiener Sprachmusik! Ein Reigen der Stummelsätze, der schwungvoll ist und doch bedrohlich, fügt sich gut in den außergewöhnlich opulenten Score von Kyrre Kvam, der für viele Szenen sehr eigene, oft beschwingte Musik komponiert hat. Sie trägt den Zuschauer auch über die Logiklöcher in diesem zuweilen sehr lässig zusammengeschaufelten Ausgrabungs-"Tatort".


"Tatort: Grenzfall", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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insgesamt 5 Beiträge
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Online-Joker 06.03.2015
1. Grenzwertig
Nicht bös sein, aber die Thaya ist wohl eher Grenzfluss von Österreich und Tschechien. 1860, als Österreich noch im deutschen Bund war, konnte es nicht tschechisch sein, das es ja noch nicht gab. Heute geht's eh nicht. Bleibt nur das knappe Jahr zwischen Anschluss Österreichs und Einmarsch in Mähren - aber darauf wird sich der Tatort wohl nicht beziehen, oder? :-)
Zauberlehrling 08.03.2015
2.
In Wien redet kein Mensch so. Der Dialog ist kompletter Unsinn. Die Szene könnte bestenfalls aus der Aufnahmeprüfung für eine Filmschule sein.
mathiaswagener 09.03.2015
3. Famose Dialoge?
Famose Dialoge ? Man kann auch sagen: endloses Gerde ohne Handlung. Lästigkeiten. Uninteressant.
piano21 09.03.2015
4. schwach
wer schaut denn den Tatort im gute Dialoge zu hören?
AngelaAD 09.03.2015
5. @piano21
Nicht unbedingt nur wegen guter Dialoge, aber auch deswegen. Und dieses Mal wurde ich nicht enttäuscht. Sicherlich wäre eine spannende Handlung und packendes Drehbuch auch nicht schlecht, aber wenn ich mich für nur ein erfülltes Kriterium entscheiden müsste, dann wären Dialoge mein Favorit. In den meisten Tatorten sind sämtliche Kriterien unterdurchschnittlich. Daher war dieser Wiener mal eine positive Ausnahme und ich wäre froh, wenn die anderen Tatorte gleichziehen würden.
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