ARD-Sonntagskrimi Der Berlin-"Tatort" im Schnellcheck

Krank, kränker, Karow: Im neuen "Tatort" rutscht der Berliner Ermittler in eine Parallelwelt aus Kinomythen ab und spielt sich dort als Rächer auf.

rbb/ Reiner Bajo

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Das Szenario:

Wenn die Fiktion die Realität bestimmt: Auf der Berlinale feiert ein Kino-Thriller Premiere, der genau den Fall vorwegnimmt, den Kommissar Karow (Mark Waschke) und Kollegin Rubin (Meret Becker) gerade untersuchen. Die Leiche eines Mädchen führt zu einem Bordell, in dem Minderjährige anschaffen gehen. In dem Film wie in der Wirklichkeit geraten die Ermittler in ein Komplott, das in höchste Geheimdienstkreise zu führen scheint. Ausgedacht hat sich das möglicherweise ein genialer Videothekenbesitzer, der Filmzitate und echte Verbrechen miteinander verrührt. Karow springt voll drauf an und spielt sich in Folge als Rächer auf. Wir haben es ja schon immer geahnt: Der narzisstische Einzelgänger - krank, kränker, Karow - hat Borderliner-Potenzial.

Der gesellschaftspolitische Auftrag:

Gibt es nicht. Dieser "Tatort" ist eine Liebeserklärung an die Imaginationskraft, die das Kino - und in diesem Fall auch das Fernsehen - zu wecken versteht.

Der Moment der bitteren Erkenntnis:

Karow und Rubin stehen vor der Leinwand, auf der zu sehen ist, wie zwei Ermittler einen identischen Fall untersuchen. "Das ist nur ein Film!", schreit Rubin - genau in dem Moment, als der Film-Ermittler auf der Leinwand das Gleiche schreit. Kino als perfekte Imitation des Lebens.

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Berlin-"Tatort": Quatsch mich nicht dumm an, Kollegin!

Der Moment des bösen Erwachens:

Im Laufe der Handlung rutschen die Kommissare immer mehr in die Filmwelt ab. Karow übernimmt dabei Züge des "Taxi Driver", jenes von Robert de Niro verkörperten Antihelden in Martin Scorseses Rächer-Thriller, der am Ende auf einen Rachefeldzug geht. Rubin sagt dem Kollegen das eigene Schicksal voraus: "Und worum geht es in 'Taxi Driver'? Darum, dass ein psychisch labiler Taxifahrer den Zuhälter einer minderjährigen Prostituierten tötet." Kino als perfide Vorhersage.

Der Plausibilitätsfaktor:

Hoch. Gerade weil sich dieser außergewöhnliche "Tatort" nicht darum bemüht, die Wirklichkeit abzubilden, sondern eine eigene Form der Wirklichkeit aus dem Mythenschatz des Kinos schafft. Die ist dann wiederum in sich sehr schlüssig.

Die Bewertung:

9 von 10 Punkten. Obwohl die Parts auf der Berlinale sehr trashig sind und die koksenden Filmfuzzis wie Abziehbilder wirken - ein "Tatort" wie von einem Videotheken-Nerd mit Mega-IQ erfunden: paranoid, prahlerisch, großartig.

Die ausführliche Analyse:

Lesen Sie bitte hier weiter!


"Tatort: Meta", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 28 Beiträge
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spon_4_me 18.02.2018
1. Das wird was!
Ein Tatort, der „eine eigene Form der Wirklichkeit aus dem Mythenschatz des Kinos schafft“. Da geht Buss, der Cinematophile ab wie Schmidts Katze, aber ich wage mal die Prognose: Das wird ein so übler Provinztarrantino wie damals der Frankfurter, als die Schauspieler spielten, dass sie echte Menschen von Beruf Schauspieler seien (oder so - war mir zu hoch). Reinschauen werde ich natürlich trotzdem.
js26 18.02.2018
2. Wenn Kino oder Fernsehen nur noch seine eigene Welt generiert
darf man sich nicht wundern, wenn die meisten Zuschauer nichts damit anfangen können. Das ist eben mit moderner "Kunst" so, egal ob moderne klassische Musik, abstrakte Malerei , modernes Theater oder eben Filmkunst. Übrigens hat er mit "Organisation Gehlen" natürlich doch so etwas wie gesellschaftliches Sendungsbewusstsein. Das darf dem Tatort neuer Lesart - etwa seit dem Millennium-Wechsel - doch nicht fehlen. Für mich alles nur abwegig. Ich wechsle zu Navi CIS.
krautrockfreak 18.02.2018
3. Blödsinn hoch drei!
Kann denn niemand mehr normale Krimis drehen ohne diesen ganzen Nonsens, der seit Jahren im Tatort um sich greift?!
freund*schnürschuh 18.02.2018
4. Prädikat: Besonders Gebührenbetchtigt
Ein solider, irrsinniger, spannender und gut besetzter Tatort. Grandioser Plot. Fincher & Co lassen grüßen
ed_knorke 18.02.2018
5. Mega Meta
Au Backe, was für ein Mega Brett. Hammer! Ich hatte fast nicht mehr an die Innovationskraft der öR geglaubt. Bin schon halb bei Netflix. Hat mir richtig gut gefallen. Bin ausnahmsweise mal auf SPON Linie. Nachdem die Geschichte von Waschke im Berliner Tatort zu Ende erzählt ist wird es richtig gut.
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