ARD-Sonntagskrimi Der neue Bremen-"Tatort" im Schnellcheck

Was kostet es, würdevoll zu sterben? Der Bremer "Tatort" konfrontiert Ermittler und Zuschauer mit den Schwachstellen des deutschen Pflegesystems.

RB/ Christine Schröder

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Das Szenario:

Siechen und sterben in Bremen. Durch den Mord an einem Prüfer des medizinischen Dienstes lernen Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) verschiedene Härtefälle kennen: einen höflichen alten Herren, der sich und seine Frau zu töten versucht, weil er niemandem zur Last fallen will; einen liebenden Ehemann, der seine im Koma liegende Frau betreut; eine überforderte Tochter, die mit der Pflege ihrer dementen Mutter überfordert ist. Das Mordopfer war für die Vergabe der Pflegestufen zuständig - und also wichtiger Entscheider im Verteilungskampf um medizinische und personelle Ausstattung bei Menschen, die sich auf den letzten Metern des Lebens befinden.

Der gesellschaftspolitische Auftrag:

Was kostet es, würdevoll zu sterben? Dieser "Tatort", der politische wie private Aspekte der Pflege durchspielt, stellt die vielen unangenehmen und dringlichen Fragen, die sich auftun, wenn man sich ernsthaft damit beschäftigt, wie die Gesellschaft mit ihren Alten und Kranken umgehen soll.

Der bewegendste Moment:

Auf der einen Seite des Ehebetts liegt die tote Ehefrau mit Blumenstrauß in den Händen, auf der anderen Seite telefoniert der Ehemann mit der Polizei, dass sie bitte im Laufe des Tages vorbeischauen, um ihre Leichen mitzunehmen und sich um den Hund zu kümmern. Er werde sich jetzt auch umbringen.

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Bremer "Tatort": Der lange Abschied

Der böseste Spruch:

"Schon mal was vom sozialverträglichen Frühableben gehört?" Kommissarin Lürsen echauffiert sich darüber, dass in Deutschland Betreuung und Unterstützung von Familien mit dementen oder kranken Mitgliedern so schlecht ist, dass Menschen sich selbst umbringen.

Der Plausibilitätsfaktor:

Sehr hoch. Es werden sowohl die bürokratischen Mühlen des Pflegesystems als auch die sozialen Grenzsituationen in den Familien beschrieben - und wie diese miteinander zusammenhängen. Es gibt kein richtiges Sterben im falschen Leben.

Die Bewertung:

8 von 10 Punkten. Dieser "Tatort" geht sehr viel weiter als andere Fernsehstücke. Zum einen erzählt er die Themen Betreuung, Pflege und Tod als zwischenmenschliche Dramen, zum anderen zeigt er eine Gesellschaft, in der würdevolles Sterben oftmals als Luxusangelegenheit erscheint.

Die ausführliche Analyse:

Lesen Sie bitter hier weiter!


"Tatort: Im toten Winkel", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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Fotostrecke: Alle "Tatort"-Teams im Überblick


insgesamt 20 Beiträge
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marjebrun 11.03.2018
1. Gute Umsetzung
Ich durfte den Film schon vorab sehen und ja, mir hat er gefallen. Natürlich muss man nicht extra darauf hinweisen, dass dies in erster Linie nur eine Fiktion ist, aber dennoch könnte es wahrlich Zusammenhänge zum wahren Leben (oder was davon in solch einer Situation übrig geblieben ist) geben. Auf jeden Fall sollte der Filmbeitrag nachdenklich machen.
peeka(neu) 11.03.2018
2. Auf diesen Tatort warte ich schon seit Monaten
Nicht wegen des Themas, sondern weil ich gern BiCo La mal in einer richtigen schauspielerischen Rolle sehen möchte. Bisher ertrage ich wirklich schlechte Witze aus der "Witzschmiede", nur um ihre Mimik zu sehen. Aber auch die Inhaltsangabe lässt heute Abend einiges erwarten.
Tante_Frieda 11.03.2018
3. Gespannt
"Sie konnten sich das Leben nicht mehr leisten.Hier in Deutschland.Das muss man sich mal vorstellen".So oder so ähnlich sprach die Fernsehkommissarin.In der Tat:Pflege kann einsam und arm machen.Bin mal gespannt,was Jens Spahn von der Christenunion dazu sagen würde,der ja gern den Sozialstaat so überaus großzügig und das Rentenniveau immer noch viel zu hoch findet.Dieser "Tatort" war ebenso schockierend wie wichtig!
Edelkomparsin 11.03.2018
4. Haneke lässt grüßen
Warum nennt und erkennt der Kritiker nicht, dass die Anfangsszene sowohl inhaltlich als auch bildlich als auch phänotypisch (Figur des Rentners) aus Michael Hanekes hervorragenden Film "L'Amour" gestohlen ist?! Für den deutschen Tatort und seinen "Kritiker" reicht es offenbar aus, wenn man hervorragende Szenen einfach klaut. Dennoch und gerade deswegen: Hevorragender Filmanfang, der allerdings in dem Moment zerstört war, als die Edelkomparsin Postel die Szenerie betritt. Ständig ist die Postel emotional angegriffen und zutiefst sichtbar zerknirscht und betroffen. Soll das eine ermittelnde Polizeikommissarin sein? Allein, dass wir in diesem Tatort nicht mit einem unterlegten Klangteppich schlechter Musik gequält wurden, ist erwähnenswert.
monika_wiesböck 11.03.2018
5. Tatort "Totgepflegt"
Sehr gut recheriert. Da werden sich die Pflegedienst zwar aufregen, aber im allgemeinen läuft es punktgleich ab wie im Tatort. Es gibt einige engagierte Pflegedienste, aber die Mehrheit ist bedenklich. Schuld ist jedoch kein "Herr Kühne", sondern die Krankenkassen, die wenig oder nichts bezahlen und die Politik. Allen voran Herr Seehofer, der seinerzeit das Gesundheitssystem als Gesundheitsminister "reformierte". Pflegende Angehörige werden in den Ruin getrieben; was sie sich geschaffen haben, wird ihnen genommen. Die Kassenoberen werden reich dabei.
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