ARD-Neujahrskrimi Der neue Saar-"Tatort" im Schnellcheck

Saarbrücken als Zukunftslabor? Trotz drolliger Selbstversuche in der IT-Branche endet dieser "Tatort" mit Kommissar Stellbrink über Datenhandel im dösigen Digital-Pessimismus.

SR/ Manuela Meyer

Von


Das Szenario:

Big Data in little Saarland. Wo einst Förderbänder die Kohle aus dem Boden holten, da werden heute digitale Daten verdealt und Smartcars entwickelt. In einer zum Gründerzentrum umgewandelten Zeche ist der Justiziar eines IT-Unternehmens in seinem hochgerüsteten Wagen zu Tode gekommen. Jens Stellbrink (Devid Striesow) trifft auf eine Branche, die den User auf sämtliche Informationen abtastet, die er im Netz hinterlässt. Die Hackerin Natascha (Julia Koschitz) zeigt, welche Risiken in der digitalen Durchleuchtung des Menschen liegen - und führt den Kommissar gnadenlos in seinem unbedarften Netzverhalten vor.

Der gesellschaftspolitische Auftrag:

Strukturwandel! Technologiestandort! Kluge Autos! Hier werden dem Zuschauer gleich am Anfang die wichtigen Schlagworte an den Kopf geworfen: Saarbrücken als Zukunftslabor, in dem Chancen und Gefahren der Digitalisierung durchgespielt werden.

Die digitale Kampfansage:

Eye-Tracking, Herzfrequenz, Fahrttüchtigkeitstest. Beim Besteigen seines digitalisierten Autos wird der Justiziar voll durchleuchtet - und dann in den Tod gelenkt. Merke: Was als Sicherheitsservice für den Fahrer daherkommt, kann sich ganz schnell zur Bedrohung entwickeln. Auch, weil die Kontrolle an den Bordrechner abgegeben wird, der die Daten dann an den Autohersteller sendet. Der Mensch als Büttel der Computer- und Konsumindustrie.

Fotostrecke

11  Bilder
Saar-"Tatort": Kommt ein Smartcar geflogen

Die analoge Gegenwehr:

Profil löschen, Smartphone zertrümmern, Falk-Stadtplan raus. Merke: Lösch dich digital aus, und du bist sicher. Den handfesten Ausweg aus der Komplettdurchleuchtung, den Kommissar Stellbrink (fürs Datingportal nennt er sich Johnny Guitar) am Ende wählt, ist eine Bankrotterklärung vor den Anforderungen der Zukunft. Der Mensch als analoges Kaninchen, das ins Maul der digitalen Schlange schaut.

Der Plausibilitätsfaktor:

Mittel. Der Krimi findet ein paar schlüssige Bilder für das Saarland als Miniaturwunderland für den großen Wandel zum von der Politik forcierten Industriestandort 4.0. Die Figuren sind aber vollkommen überzeichnet: Die eigentlich tolle, hier in den Mascara-Topf gefallene Julia Koschitz spielt als Lisbeth Salander von der Saar ebenso vergeblich gegen Hacker-Klischees an wie der ebenfalls eigentlich tolle Devid Striesow erbarmungswürdig simpel den Digital-Töpel gibt.

Die Bewertung:

5 von 10 Punkten. Striesow hört bald beim Saar-"Tatort" auf, dies ist sein vorletzter Einsatz. Schade, dass der Saarländische Rundfunk für ihn kein stimmigeres Umfeld schaffen konnte. Trotz einiger starker Momente: Jeder zarte Anflug von Modernität geht hier am Ende in einem dösigen Digital-Pessimismus unter. Parallel zur "Tatort"-Ausstrahlung am Neujahrsabend feiert Heide Keller ihren Abschied als Chefstewardess Beatrice beim ZDF-"Traumschiff". Möglicherweise das gesellschaftlich relevantere Ereignis.


"Tatort: Mord Ex Machina", Montag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 25 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
frank.huebner 01.01.2018
1. Saarland....ächz
Ich nwerde mir den tatort ischer auch ansehen, aber leider waren beisher alle Saarland-Tatorte mit Striesow für mich eher schlecht. Schade, ist doch Striesow ein guter Schauspieler, aber wenn das Drehbuch nichts ist, kann auch ein Tatort dann nichts werden. Abwarten. Vielleicht werde ich ja überrascht.
krautrockfreak 01.01.2018
2. Wieder ein Tatort, an dem man am Ende deprimiert ist...
entweder wegen der übertriebenen Story oder den vielen Logikfehlern....oder beidem.
schuggerleo 01.01.2018
3. Unverständlich...
Es ist mir nach wie vor unverständlich, warum damals das geniale Saarland-Team um Maximilian Brückner als Tuba-spielenden Exil-Bayern abgesägt wurde, eines der besten Tatort-Teams, die ich bisher sehen durfte. Die Nachfolger waren leider nur mittelmäßig...
mairhanss 01.01.2018
4. Überschrift
"Dösiger Digital-Pessimismus". Cooler Begriff für Menschen, die Angst vor dem menschenverachtenden Modernismus haben, der eben diese Menschen überrollt und ihnen keine Chance lässt. Wie abgebrüht diese Digital-Fan-Boys doch sind, alle Ängste der einfachen Menschen vergessend. Zum Kotzen..
apropos48 01.01.2018
5. Big Data in Little Saarland
Hör ich da Sarkasmus raus? Möchte dann doch darauf hingewiesen haben, dass die Informatik der Saar-Uni eine der besten Europas ist. Vielleicht hilfts ja dem Film.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.