ARD-Sonntagskrimi Der Schwarzwald-"Tatort" im Schnellcheck

Selten hatte das Wort Bio-Deutscher einen so gruseligen Klang: Die Schwarzwälder "Tatort"-Kommissare ermitteln unter völkischen Siedlern.

SWR/ Benoit Linder

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Das Szenario:

Mein Nachbar, der Nazi. Auf dem Biobauernhof neben dem von Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) stirbt die Tochter, möglicherweise eine Diabetesfehlbehandlung. Berg, der den Bauern nebenan schon aus Kindertagen kennt, und Franziska Tobler (Eva Löbau) müssen ermitteln. Bei den Untersuchungen stellen sie fest, dass der Vater der Toten nicht nur für extremen ökologischen Artenschutz eintritt, sondern auch einem extremistischen deutschen "Artglauben" anhängt.

Der gesellschaftspolitische Auftrag:

Davon zu erzählen, wie sich in den verlassenen Randzonen des Staats ganze Bevölkerungsgruppen aus dem demokratischen Diskurs ausklinken. Hier sind es völkische Sieder, die in den von Landflucht heimgesuchten Gegenden des Schwarzwalds eine Parallelgesellschaft aufbauen - ein Biotop aus rein "germanischem" oder "keltischem" Erbgut.

Der Moment der grausamsten Verblendung:

Ein Kinderbild in kunterbunten Farben: Das Meer ist tiefblau, die Sonne lacht im schönsten Gelb, das Wikingerschiff hat schwarz-weiß-rote Segel. Das Bild wurde im Kunstunterricht von den Kindern des Hofs für die Willkommensklasse mit Flüchtlingskindern gemalt. Als die Kommissarin die Lehrerin fragt, was die Wikinger da eigentlich mit den anderen Menschen auf dem Bild machen, sagt diese traurig: Flüchtlinge ertränken. Rassismus im Wachstumsmodus.

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SWR-"Tatort": Mein Nachbar, der Nazi

Der Moment der schönsten Verführung:

Als die Ermittler zum ersten Mal den Sonnenhof vom Nachbarn aufsuchen, kommt Berg gegenüber seiner Kollegin Tobler gar nicht mehr aus dem Schwärmen raus: "Alles alte heimische Sorten, das ist wirklich bio!" Erst später wird ihm klar, dass "heimisch" in der Sonnenhof-Welt nur in feindlich-faschistoider Abgrenzung zu "nicht-heimisch" existiert.

Der Plausibilitätsfaktor:

Relativ hoch. Der Parallelkosmos der Ökofaschos wird hier sehr schlüssig ins Bild gesetzt, für einige Momente kann der Zuschauer nachvollziehen, wie man aus dem Artenschutz in den "Artglauben" abrutschen kann. Die politische Kontextualisierung mit dem Staatsschutz und der V-Mann-Problematik am Ende wirkt jedoch angepappt.

Die Bewertung:

7 von 10. Trotz kleiner Fehler: Der Schwarzwald-"Tatort" beweist auch mit der zweiten Folge, wie im kleinen regionalen Kosmos hohe gesellschaftliche Relevanz erzielt wird: Im vermeintlichen Idyll verdichtet sich das Grauen der Welt. Das Wort Bio-Deutscher klang noch nie gruseliger.

Die ausführliche Analyse:

Lesen Sie bitte hier weiter!


"Tatort: Sonnenwende", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
Planquadrat 13.05.2018
1. Wieder
ein Tatort, den ich mir nicht anschauen muss. Da schau ich mir doch lieber die Wiederholungen aus den 70er und 80er Jahren an.
curiosus_ 13.05.2018
2. Können die...
...Kommissare nicht googeln? Die Pathologin behauptet, dass Diabetes Typ 1 nicht provozierbar ist, 5 Minuten googeln zeigt das Gegenteil (http://www.deutschlandfunkkultur.de/diabetes-durch-ultragift-im-gemuese.993.de.html?dram:article_id=154351). Das entsprechende Gift kommt in verdorbenen Stellen von Gemüse, z.B. Kartoffeln, vor. Würde mich nicht wundern wenn das die Ursache für die beiden Diabetiker wäre.
burlei 13.05.2018
3. Da bekommt doch ...
... die "Heimat" und die "spezifisch deutsche Kultur" ihren rechten Unterbau. Aber natürlich sind Linke viel, viel schlimmer. Die bezweifeln sogar, dass es eine "deutsche Kultur" gibt. Ja gut, die spezifisch deutsche "Blut und Boden Kultur" gibt es ja. Keine andere Nation würde auf diesen Schwachsinn kommen. Der Tatort hat unsere Biodeutschen also recht gut getroffen.
marcowiese76 13.05.2018
4. Politisch korrekt...
...deshalb 5 Sterne! Schließe mich meinem Vorredner an! Waren "Tatorte" früher unterhaltsam, sind sie Heute pädagogisch wertvoll!
stiller-denker 13.05.2018
5. Super Tatort
Sehr plausibel und realistisch, wie man Einblicke in eine Parallelgesellschaft bekommt. So ist für mich schlüßig, wie auch bis ins 21. Jahrhundert hinein Sekten, politische Gruppierungen und Fehlgeleitete ihre Überzeugungen weiterverbreiten, ja sogar stärken können.
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